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Seuchenschutz: »Infektionskrankheiten sind Biomarker für Populismus«

Ebola und Masern gehen nicht allein Afrika an. Deutschland drohen ebenfalls alte und neue Seuchen. Der Unterschied zwischen Europa und Afrika wird kleiner. Schuld ist nicht nur der Klimawandel, sondern auch die Politik, sagt der Molekularbiologe und Virenforscher Peter Hotez von der National School of Tropical Medicine in Waco, Texas, im Interview.
Peter Hotez beim Vortrag auf der Curious2018 in Darmstadt.Laden...

Spektrum.de: Professor Hotez, in der internationalen Politik sehen wir immer mehr Nationalismus, Populismus und Isolationismus. Welche Auswirkungen hat das auf die Bekämpfung von Krankheitsausbrüchen?

Peter Hotez: Um Infektionskrankheiten zu bekämpfen, braucht es dringend internationale Kooperation. Man muss nur nach Venezuela gucken. Noch 2016 wurde Lateinamerika für masernfrei erklärt. Jetzt bricht das Gesundheitssystem in Venezuela zusammen, und die Masern kehren zurück. Und sie breiten sich auf Nachbarländer – Kolumbien, Ecuador, Brasilien – aus. Wir haben zugelassen, dass all die hart erarbeiteten Fortschritte erodiert werden, weil es kein angemessenes System der internationalen Zusammenarbeit gibt, um Krankheitsausbrüche zu begrenzen.

Wir finanzieren eine solche internationale Zusammenarbeit nicht ausreichend. Das Gleiche wie für die Masern in Venezuela gilt für Leishmaniose, die überall im Irak ist, überall in Syrien. Sie ist in Afghanistan und breitet sich in den Jemen aus. Ich nenne das eine selbst zugefügte Verletzung; durch unsere Unfähigkeit zu kooperieren, haben wir solche Katastrophen zugelassen, die enormes menschliches Leid verursachen.

Mir bereiten ganz besonders all diese populistischen Bewegungen Sorgen, die wir jetzt einerseits in den USA sehen, aber auch im Vereinigten Königreich beim Brexit und bei der neuen italienischen Regierung. Diese Bewegungen sind sehr nach innen gewandt, sehr auf Nationalismus konzentriert – und der Anstieg von Infektionskrankheiten ist ein Kollateralschaden dieser Politik. Es ist wie ein Biomarker für Selbstbezogenheit und Populismus.

Diese Länder bemühen sich darum, ihre Grenzen zu schließen. Kann das auch vor Infektionskrankheiten schützen?

Nein, nicht wirklich. Grenzen sind sehr durchlässig, besonders wenn man sich die Grenzen von Ländern wie zum Beispiel Venezuela, Kolumbien oder Brasilien ansieht. In entlegenen Regionen ist es völlig unmöglich, eine Grenze zu schließen. Eine andere Sache, auf die ich in den USA gerne hinweise, ist, dass wir tropische Krankheiten bereits im Land haben. Wenn ich in den südlichen USA über tropische Krankheiten rede, ist die erste Antwort: »Man muss die Mauer höher bauen«; aber dann weise ich auf so etwas hin wie die Chagas-Krankheit.

Zehn Prozent der Hunde in den USA sind damit infiziert; die Hunde schleichen nicht aus El Salvador oder Mexiko über die Grenze, sie stecken sich bei uns im Land an. Die meisten Krankheiten, die mit Armut einhergehen, finden wir eben nicht ausschließlich in bürgerkriegsgeplagten Ländern in Afrika. Sie sind in den Ländern der G20, bei den Armen, die zwischen den Reichen leben. Wir müssen erkennen, dass Armut der bedeutendste soziale Risikofaktor dieser Krankheiten ist. Mit steigender Ungleichheit werden es immer mehr Krankheiten. Das ist ein sehr besorgniserregender Trend.

Peter Hotez nach seinem Vortrag auf der Konferenz Curious2018 in DarmstadtLaden...
Peter Jay Hotez | ist Dekan der National School of Tropical Medicine am Baylor College of Medicine. Der Tropenmediziner forscht an Impfstoffen gegen tropische Parasiten, tritt öffentlich für Impfungen ein und ist Autor mehrerer Sachbücher.

Moskitos und von ihnen übertragene Krankheiten scheren sich auch nicht um Grenzzäune. Wie kann man sie aufhalten?

Wir müssen uns ansehen, welche Umstände diesen von Insekten übertragenen Krankheiten Vorschub leisten. Das sind nicht notwendigerweise die offensichtlichsten; zwei von ihnen sind Krieg und Konflikt – bedeutende Faktoren, weil sie Gesundheitssysteme zusammenbrechen lassen und verhindern, dass die Krankheitsüberträger bekämpft werden. Der dritte Faktor ist der Klimawandel; wir sehen gerade jetzt einige sehr beunruhigende Entwicklungen.

Zum Beispiel sehen wir in Südeuropa, in Griechenland und Italien, die Rückkehr von Malaria. Die Krankheit hat es dort 70 Jahre lang nicht gegeben. Wir sehen Bilharziose auf Korsika ankommen. Wir sehen, wie Zika, Chikungunya, West-Nil-Virus nach Italien, Spanien und Südfrankreich importiert werden. Was geht hier vor? Wir haben da überhaupt keinen Durchblick.

Es gibt viele weitere mögliche Ursachen. Über das Mittelmeer kommen Menschen, die aus Konfliktgebieten fliehen; Sie könnten dort endemische Krankheiten mit nach Europa bringen. Andererseits, was passiert gerade in Griechenland und Italien mit der Wirtschaft? Die Länder sind in Schwierigkeiten, also könnten all diese Krankheiten auch durch die wirtschaftlichen Probleme Auftrieb bekommen haben. Wir haben keine Möglichkeit, die Auswirkungen all solcher Effekte zu trennen, weil die unterschiedlichen Fachleute kaum miteinander reden.

Wie wichtig ist denn der Kampf gegen Infektionskrankheiten für Europa?

Wir müssen einsehen, dass Europa eine »Hot Zone« für Infektionskrankheiten ist. So wie Afrika, da gibt es keinen Unterschied mehr. Und das ist für viele Menschen sehr schwer zu akzeptieren. Alle Volkswirtschaften steigen auf und lassen dabei Teile der Gesellschaften zurück. An diesem Punkt verschwimmen die Grenzen zwischen entwickelten Nationen und Entwicklungsländern.

In Deutschland haben wir mittlerweile stabile Populationen der Asiatischen Tigermücke, und in Europa gab es bereits Ausbrüche von Chikungunya. Könnten solche Tropenkrankheiten auch in Deutschland Einzug halten?

Absolut. Für die Mücken herrschen die richtigen Bedingungen, und gleichzeitig gibt es in einigen Gegenden viel Armut; beides begünstigt, dass auch in Deutschland tropische Krankheiten ausbrechen. Manche Leute werden die Schuld bei offenen Grenzen sehen wollen; aber dass die Bedingungen für solche Krankheiten in Deutschland günstig sind, dafür ist man selbst verantwortlich.

Europa ist eine »Hot Zone« für Infektionskrankheiten, so wie Afrika

Was können wir tun, um die Gefahr solcher Epidemien zu verringern?

Einige Dinge sind bereits geschehen. Es gibt ein sehr gutes Europäisches Zentrum für Seuchenschutz, das ECDC, doch es muss angemessen finanziert werden. Die Regierungen der europäischen Staaten müssen Verantwortung für Krankheiten und ihre Bekämpfung übernehmen. Es ist wichtig, zu erkennen, dass sich die Welt verändert hat.

Was passiert, wenn sich die Politik damit nicht befassen möchte?

Früher oder später wird sich das ändern, denn man wird beginnen, solche wiederkehrenden Ausbrüche wahrzunehmen. Dann wird das Wehklagen groß sein – und ich hoffe, dass dadurch ein Bewusstsein für das Problem entsteht. Das Traurige ist natürlich, dass man das Problem schon jetzt in der Distanz ausmachen kann. Man sieht es und weiß, dass es kommt, und das Ergebnis wird katastrophal sein. Am Ende werden sich die Leute gegenseitig die Schuld geben, und erst dann wird man etwas tun.

Elie Wiesel hat mal gesagt, die Schwäche der Menschen sei nicht das Verlieren, sondern, ihre Siege nicht zu nutzen. Eine Zeit lang haben wir gewonnen, oder? Wir haben eine Menge dieser Krankheiten ausgerottet, nur um sie dann wieder zurückkommen zu lassen.

Denken Sie, wir haben ausreichend aus dem plötzlichen Auftauchen des Zika-Virus gelernt?

Ich denke schon. Ich glaube auch, als das Ebola-Virus 2014 in Dallas eintraf, haben wir eingesehen, dass wir verwundbar sind. Die Sache nur aus dem Blickwinkel von Pandemiegefahr und dramatischen Infektionskrankheiten zu sehen, verpasst aber den Großteil des Problems. Wir haben 20 Millionen US-Amerikaner, die in extremer Armut leben und von vernachlässigten Tropenkrankheiten geplagt werden, die einerseits von Armut begünstigt werden und andererseits die Menschen in Armut halten. Und wir tun nichts dagegen. Es gibt Schätzungen, nach denen 12 Millionen Amerikaner mit vernachlässigten Tropenkrankheiten leben. Das sind keine seltenen Krankheiten, sie sind sogar recht verbreitet unter armen Menschen.

Werden wir mehr Krankheiten wie Zika sehen, die sich rasend schnell ausbreiten?

Ja. Wir wissen, dass mehrere durch Zwischenwirte übertragene Krankheiten in der Karibik und in Lateinamerika köcheln. Erinnern Sie sich, es war ja nicht nur Zika. Dengue wurde in den 1980er Jahren wieder nach Nord- und Südamerika eingeführt, dann sahen wir 2013 Chikungunya und anschließend Zika. Aber es gibt auch noch Mayaro und eine Anzahl anderer Viren, sowie die Rückkehr von Gelbfieber nach Brasilien. Wir sind immer noch verwundbar.

Abgesehen von Moskitos: Welche Faktoren sollten uns noch Sorgen bereiten?

2017 hatten wir in den USA ein schlimmes Problem mit Influenza. Es gab über 100 tote Kinder durch Grippe, und die Mehrzahl von ihnen war entgegen der Empfehlung nicht geimpft. Wir haben es zugelassen, dass 100 Kinder unnötig an Grippe gestorben sind, einfach weil wir rund um Impfungen nicht die richtige Botschaft eingesetzt haben. Und es geht nicht nur um Influenza. In einer Reihe von US-Bundesstaaten und Landkreisen sind die Impfungen stark eingebrochen. In Schulen sind 10, 20, 30, 40 Prozent der Kinder ungeimpft. Wir müssen die Wahrnehmung von diesem Problem schärfen, insbesondere bei Masern, die eine Killerkrankheit sind.

Sie sind selbst Vater, und Ihre Tochter Rachel ist Autistin. Wie gehen Sie persönlich mit Eltern um, die zwar nicht direkt impfkritisch, aber durch Gerüchte verunsichert sind?

Ich glaube, diese Eltern bilden tatsächlich den Großteil der Impfverdrossenen, vielleicht 60 oder 70 Prozent – genaue Zahlen kenne ich aber nicht. Sie sind ängstlich; sie haben etwas von Freunden und Verwandten gehört oder haben etwas im Internet gelesen, das sie verunsichert hat. Hier liegt es an der medizinischen und wissenschaftlichen Gemeinschaft, ihnen zu erklären, warum Impfstoffe sicher sind, warum sie keinen Autismus verursachen und all die anderen Dinge, die Impfgegner behaupten. Dann gibt es 10 bis 20 Prozent der Eltern, die an eine große Verschwörung glauben und die sehr misstrauisch und sehr schwer zu erreichen sind. Aber die große Mehrzahl kann man mit etwas Aufklärung noch zum Umdenken bringen.

Wenn Sie solchen ängstlichen Eltern eine Sache sagen könnten, was wäre das?

Ich würde ihnen sagen, dass es überwältigende Belege dafür gibt, dass es keine Verbindung zwischen Impfungen und Autismus gibt. Und dass das außerdem nicht einmal plausibel ist, denn Autismus beginnt früh in der Schwangerschaft. Die Impfstoffe sind sicher; sie verursachen keinen Autismus oder, wie manche Impfgegner behaupten, Autoimmunkrankheiten oder Allergien.

Professor Hotez, wir danken Ihnen für das Gespräch.

18/2019

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 18/2019

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