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Influenza: Die Rückkehr der Grippewelle

Nach zwei Jahren Pause kehrt die Influenza diesen Winter wohl wirklich zurück. Eine heftige Welle scheint bevorzustehen. Doch die Grippe ist so schwer vorherzusagen wie nie zuvor.
Bei einem kleinen Jungen wird Fieber gemessen.
Daten aus Australien deuten darauf hin, dass Kinder bei einer diesjährigen Grippewelle besonders stark betroffen sein könnten. Auch wenn sie meist mild erkranken, kommen immer wieder schwere Verläufe von Influenza bei Kindern vor.

Was macht eigentlich ... die Grippe? Diese Frage stellen sich nach zwei Jahren, in denen die Infektionskrankheit nahezu verschwunden schien, immer mehr Fachleute. Und es sieht so aus, als würde das Influenzavirus in dem Jahr mit voller Wucht zurückkehren. In Kombination mit Corona könnte das eine gefährliche Doppelwelle erzeugen. Schon 2021 hatte es solche Befürchtungen gegeben. Doch jetzt gibt es einen entscheidenden Unterschied: Die Grippe ist tatsächlich wieder da.

Bereits im Frühjahr 2022 erlebte Deutschland eine Art Minigrippewelle. Und über den gesamten Sommer hinweg tauchte das Influenzavirus immer wieder in den Stichproben des Sentinelsystems auf, mit dem das Robert Koch-Institut Atemwegsinfektionen überwacht – in normalen Sommern sah man in den Daten bisher keine Grippe. Auf der Südhalbkugel, insbesondere in Australien, gab es dieses Jahr erstmals wieder eine nennenswerte Zahl Grippekranker. Das Geschehen in den dortigen Wintermonaten gilt in normalen Jahren als Indiz dafür, wie die nördliche Grippewelle ein halbes Jahr später ausfallen wird. Diesmal ist die Aufmerksamkeit angesichts der ungewöhnlichen Situation noch einmal größer.

Für eine starke Grippewelle spricht jedenfalls, dass die bevölkerungsweite Immunität gegen Influenza wegen des fehlenden Kontakts mit dem Virus nachgelassen haben dürfte. Vor allem Kinder könnten besonders stark betroffen sein, wenn gleich zwei Jahrgänge die verpassten Infektionen nachholen. In Australien waren dieses Jahr mehr als die Hälfte derjenigen, die mit Influenza ins Krankenhaus eingewiesen wurden, Kinder unter 16 Jahren – und das, obwohl Kinder und Jugendliche selten schwer erkranken.

Was die Grippe in Australien lehrt

Nicht zuletzt würde eine Grippewelle die Folgen der ebenfalls in diesem Winter erwarteten Coronawelle für Gesundheitssystem, Wirtschaft und Bevölkerung verstärken. »Das gleichzeitige oder kurz nacheinander folgende Auftreten von Infektionspeaks kann zu einer Belastung des Gesundheitssystems führen, durch mehr Patienten einerseits und Personalausfälle andererseits«, sagt Anke Huckriede, Professorin für Vakzinologie an der Universität Groningen, gegenüber dem Science Media Center.

Die Forscherin sieht nicht notwendigerweise eine schwere Grippewelle bevorstehen. »Daten aus Australien, wo die Grippesaison inzwischen zu Ende geht, stützen diese Befürchtung nicht«, erklärt sie. Während nämlich die Zahl der im Labor nachgewiesenen Infektionen im Vergleich der letzten fünf Jahre sehr hoch war – was eine Reihe eher pessimistische Medienberichte im englischsprachigen Raum hervorrief –, lagen andere Kennzahlen, zum Beispiel Arztbesuche und Fehltage, im Bereich unauffälliger vorpandemischer Grippewellen. Das australische Gesundheitsministerium bewertete die Auswirkungen der Saison entsprechend als mild bis moderat. In Südafrika und Südamerika verzeichneten die Behörden ebenfalls keine besonders starke Grippewelle.

Jedoch bietet eine Auswertung der Grippesaison auf der Südhalbkugel ohnehin keine Garantie, dass die Welle auf der Nordhalbkugel ähnlich verläuft. Überraschungen sind möglich, in beide Richtungen. »Der Verlauf einer Grippesaison hängt von vielen verschiedenen Faktoren ab und lässt sich generell nicht vorhersagen«, sagt Ralf Dürrwald, Leiter des Nationalen Referenzzentrums für Influenza am Robert Koch-Institut. Allerdings zeigten die Daten des RKI, dass Atemwegserreger sich derzeit allgemein nahezu ungehindert in der Bevölkerung verbreiteten, und damit auch Influenzaviren, erklärt der Forscher. »Seit Ende September ist die Zahl der an das RKI übermittelten Influenzafälle im Meldewesen deutlich angestiegen.«

Auch der Mediziner Markus Rose, ärztlicher Leiter des Bereichs Pädiatrische Pneumologie am Klinikum Stuttgart, sieht bereits jetzt erste Anzeichen einer möglicherweise ernsten Grippewelle. »Allein im Stuttgarter Olgahospital, der Kinderklinik des Klinikums Stuttgart, liegen zurzeit sieben Kinder mit Lungeninfektionen, die durch Influenzaviren verursacht wurden.« Dass die Fallzahlen bereits im Oktober steigen statt wie in normalen Jahren um den Jahreswechsel herum, passt wiederum zu den Erfahrungen mit der Grippewelle auf der Südhalbkugel. Dort nämlich begann sie ebenfalls rund zwei Monate früher als sonst. Rose verweist auch auf die Erfahrungen mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV), das 2021 viele zum Teil ernste Infektionen bei Kindern verursachte. »Auch da waren die hohen Infektionszahlen aus Australien ein Vorbote für das, was uns erwartet hat.«

Fachleute empfehlen die Grippeimpfung

Für zusätzliche Unsicherheit sorgen neben der in unbekanntem Maße gesunkenen Immunität in der Bevölkerung ebenfalls die genetischen Veränderungen der Influenzaviren. Darauf hatte die Coronapandemie erhebliche Auswirkungen. Diverse zuvor verbreitete, bekannte Viruslinien starben aus, die Grippe zersplitterte in mehrere regionale Hotspots, in denen unterschiedliche Subtypen dominierten. Die Folgen sind unklar, denn wie stark die Grippewelle wird, hängt zudem davon ab, welche Viren sich durchsetzen und welche Eigenschaften sie haben. Die genetische Verarmung durch die Coronapause könnte zu geringerer Fitness führen und damit die kommende Welle abschwächen.

Es wäre aber genauso möglich, dass bisher seltene Varianten den Ausbruch dominieren, auf die sowohl eine Impfung als auch vorherige Infektionen nur schlecht vorbereiten – ein besonders unangenehmes Szenario. Immerhin lassen erste Daten von der Südhalbkugel solche Befürchtungen als unwahrscheinlich erscheinen. Mehr als 90 Prozent aller untersuchten Virusproben ähnelten in ihren Antigenen den Viren, die im diesjährigen Grippeimpfstoff abgebildet sind, berichtet das australische Gesundheitsministerium. Die jeweils verwendeten Viren basieren auf der Grippewelle des Vorjahres, so dass auch fraglich war, ob man überhaupt eine Chance hätte, die richtigen Virusvarianten auszuwählen. Vorläufige Daten zeigten, dass die Effektivität der Impfungen etwa am unteren Ende des durchschnittlichen Bereichs liege. Das bedeutet, der Impfstoff reduziert die Chance, ernsthaft zu erkranken, um lediglich rund 40 Prozent.

Dennoch empfehlen Fachleute die Impfung dringend. »Eine Influenza-Impfung wird insbesondere Menschen ab 60 Jahren, chronisch Kranken und Schwangeren empfohlen, aber auch alle anderen können sich impfen lassen, das sollte man individuell in der Arztpraxis besprechen«, sagt Ralf Dürrwald vom RKI. Angesichts der Anzeichen, dass Kinder und Jugendliche besonders betroffen sein könnten, rät der Arzt Markus Rose außerdem, über die Empfehlungen der Stiko hinauszugehen: »Da Kinder eine Risikogruppe für die echte Virusgrippe sind, wäre es noch besser, grundsätzlich alle Kinder von sechs Monaten bis fünf Jahren gegen Grippe impfen zu lassen, wie es die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt«, sagt er.

Neben den Unsicherheiten rund um die Grippe selbst ist unklar, was genau passiert, wenn Grippe und Corona parallel ansteigen. Sie könnten sich gemeinsam ausbreiten und eine massive Doppelwelle verursachen – möglich ist aber auch, dass sie sich Konkurrenz machen. Tatsächlich verursachen manche Atemwegsviren, zum Beispiel Rhinoviren und Grippe, keine gleichzeitigen Wellen, und es gibt Indizien, dass das ebenfalls bei Grippe und Covid-19 gelten könnte. So stiegen im Januar 2022 in den USA die Grippezahlen deutlich an und schienen eine schwere Saison anzukündigen. Doch dann kam die Omikron-Welle – und die Grippezahlen brachen wieder ein. Auch in Deutschland begann die Miniwelle im Frühling erst mit dem Rückgang der Coronainfektionen.

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