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Artenvielfalt: »Besonders gravierend ist das Insektensterben im Kulturland«

Das Ausmaß des Insektenrückgangs in Deutschland ist gewaltig, und die Landwirtschaft trägt in großem Umfang dazu bei. »Spektrum.de« sprach mit dem Geografen und Landschaftsplaner Eckhard Jedicke über das Insektensterben und seine Folgen.
Dicht bebaute Städte treffen auf ausgeräumte Kulturlandschaften: Für Insekten bleibt kein Platz

Im Jahr 2017 rüttelte eine Studie des Krefelder Entomologischen Vereins die Fachwelt wie die Öffentlichkeit gleichermaßen auf: Selbst in Schutzgebieten war über die Jahre die Biomasse von Fluginsekten in erschreckendem Ausmaß geschrumpft. Seitdem wird breit diskutiert, welche Ursachen dies haben könnte – und wie wir den Schwund stoppen oder umkehren können. Spektrum.de sprach deshalb mit dem Experten Eckhard Jedicke von der Hochschule Geisenheim über eine ökologische Katastrophe, die nicht nur die Sechsbeiner betrifft.

Vor ein paar Jahren ist der Begriff »Insektensterben« in der Öffentlichkeit angekommen und hält sich dort hartnäckig. Was genau ist damit gemeint, und wie ernst ist die Lage?

Eckhard Jedicke: Mit dem Begriff des Insektensterbens wird der massive Verlust an Insektenarten, also der Rückgang und das Aussterben einzelner Arten und zugleich der starke Schwund ihrer Biomasse bezeichnet. Die großen, sichtbaren Insekten wie Tagfalter, Laufkäfer, Heuschrecken oder Libellen sind mittlerweile ganz gut untersucht. Bei diesen Gruppen gelten etwa 40 Prozent als gefährdet. Für sehr viele andere Artengruppen fehlen jedoch belastbare Daten. Je kleiner und unauffälliger die Insekten sind, desto weniger ist über sie bekannt. Man muss aber davon ausgehen, dass die Situation dort nicht grundlegend anders ist.

Mittlerweile sind nicht nur die Spezialisten, sondern zunehmend auch Generalisten gefährdet, die eigentlich in vielen unterschiedlichen Lebensräumen zurechtkommen. Das ist ein starkes Warnsignal für den Zustand der Natur und Landschaft insgesamt, denn das Insektensterben ist ein flächendeckendes Phänomen.

Wie viele Insektenarten kommen in Deutschland vor?

In Deutschland leben gut 48 000 verschiedene Tierarten. Mehr als 33 000 davon sind Insekten. Sie stellen also den Großteil der heimischen Biodiversität. Wenn von diesen Arten etwa 40 Prozent gefährdet sind, ist das dramatisch.

Wenn für viele Artengruppen Untersuchungen über einen längeren Zeitraum fehlen, können wir dann überhaupt sicher sein, dass es heute weniger Insekten gibt als früher?

Professor Eckhard Jedicke | leitet das Kompetenzzentrum Kulturlandschaft der Hochschule Geisenheim. Er ist Herausgeber des Fachbuches »Insektensterben in Mitteleuropa«, das in der Praxisbibliothek »Naturschutz und Landschaftsplanung« im Ulmer Verlag erschienen ist.

Aus den letzten 30 oder 40 Jahren gibt es ja umfassendere Daten. Bei der Aufsehen erregenden Krefelder Studie haben ehrenamtliche Entomologen in Nordrhein-Westfalen über mehrere Jahrzehnte an bestimmten Orten regelmäßig Insektenfallen aufgestellt und ausgewertet: In den untersuchten Naturschutzgebieten ist die Biomasse der gefangenen Insekten von 1989 bis 2016 um rund 75 Prozent zurückgegangen. Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Das Insektensterben ist Fakt und der Rückgang wirklich drastisch. Es sterben nicht nur einzelne Arten aus, die Häufigkeit der Insekten insgesamt hat sehr stark abgenommen, mit katastrophalen Folgen. Fast alle Vogelarten sind zumindest für die Aufzucht ihrer Jungen auf Insekten angewiesen. Geht es den Insekten schlecht, leiden also auch die Vögel und viele andere Tiere in der Nahrungskette. Dass das früher großflächig verbreitete Rebhuhn heute stark gefährdet ist, lässt sich direkt auf den Rückgang der Insekten zurückführen. Ähnlich prominente Beispiele sind der Wiedehopf und die Blauracke.

»Insektensterben« ist ein ziemlich vager und pauschaler Begriff. Gibt es Lebensräume, in denen die Situation besonders prekär ist, und andere, in denen die Verhältnisse noch etwas stabiler sind?

Besonders gravierend ist das Insektensterben im Kulturland. Vereinfacht lässt sich sagen: Je vielfältiger eine Landschaft ist, je mehr verschiedene Strukturen es gibt, desto besser geht es der Insektenfauna und auch anderen Arten. Und in der Landwirtschaft sehen wir schon sehr lange die gegenteilige Entwicklung. Um 1850 war der ländliche Raum am struktur- und damit auch am artenreichsten. Seitdem sind sehr, sehr viele Hecken, Feldsäume, Gehölzinseln, extensiv genutzte Biotope wie Magerrasen und Brachflächen verloren gegangen – also sehr viel Lebensraum für Insekten. Ungefähr seit 1950 wird diese Entwicklung massiv durch die immer rascher wachsende und immer tiefgreifender wirkende Intensivierung der Landwirtschaft beschleunigt. Durch den Einsatz von mineralischem Dünger und Pestiziden und immer größeren Maschinen hat die Nutzungsintensität der landwirtschaftlichen Flächen stark zugenommen. Das spiegelt sich überdeutlich im Rückgang der Insekten wider.

Welche Ursachen für das Insektensterben lassen sich noch anführen?

Nutzungsänderungen wie in der Landwirtschaft gab es ebenso in anderen Bereichen: In den Städten haben die Verdichtung und das Wachstum nach außen stark zugenommen. Dort gibt es weniger arten- und strukturreiche Gärten und Grünflächen, die als Lebensraum für eine vielfältige Insektenfauna taugen. Auch die Monokulturen in den Wäldern schaden der Artenvielfalt. Als Ursachen für den Insektenschwund spielen weiterhin Klimawandel, eingeschleppte Pflanzen- und Tierarten und Lichtverschmutzung eine Rolle. Der Landwirtschaft kommt allerdings eine besondere Verantwortung zu, allein schon, weil sie mehr als die Hälfte des Bundesgebiets nutzt. Selbst nichtlandwirtschaftliche Flächen werden beeinträchtigt, zum Beispiel durch Stickstoffeinträge aus der Tierhaltung und aus Biogasanlagen.

Violetter Feuerfalter | Der Violette Feuerfalter (Lycaena alciphron) ist in Mitteleuropa mittlerweile sehr selten geworden: Er benötigt blütenreiche Wiesen, von denen ebenfalls viele verschwunden sind.

Kurz gesagt, die Landwirte sind schuld am Insektensterben?

Nein, das würde ich so pauschal nicht sagen! In der Landwirtschaft war der Landnutzungswandel in den vergangenen Jahrzehnten besonders stark. Das hat massiv negative Wirkungen auf die Biodiversität, Wasserqualität und Böden. Aber die Landwirte sind ja Teil eines Systems, das darauf angelegt ist, immer mehr Lebensmittel zu einem möglichst niedrigen Preis zu produzieren. Niemand bezahlt die Landwirte für das Erzeugen von Biodiversität. Auch deshalb ist es um die Artenvielfalt in der Agrarlandschaft so schlecht bestellt. Mit dem Finger auf die Landwirte zu zeigen und zu sagen »Ihr seid die Bösen«, ist jedenfalls der falsche Weg. Wir müssen das Landwirtschafts- und Ernährungssystem insgesamt verändern und dabei die Produzierenden so mitnehmen, dass sie auskömmlich arbeiten können.

Erklärtes Ziel der EU-Kommission ist eine nachhaltige, zukunftsorientierte Landwirtschaft. Mit dem Green Deal hat die Kommission auch ambitionierte Ziele vorgestellt. Vollzieht sich der Systemwandel also schon?

Die Ziele der Kommission gehen tatsächlich in die richtige Richtung. Aber in der Ausrichtung der Agrarpolitik haben die Mitgliedsstaaten das letzte Wort. Und da wirken die Beharrungskräfte der konventionellen Landwirtschaftslobby – gerade auch des Deutschen Bauernverbands – noch sehr stark. Für die kommende Förderperiode sehe ich deshalb aktuell leider nicht, dass das System grundlegend verändert wird. Die Gesellschaft ist da schon ein Stück weiter. Meine Hoffnungen richten sich deshalb auf 2028, wenn die folgende Förderperiode in Kraft treten wird.

Kann das Insektensterben mit derzeitigen Fördersystem der EU gestoppt werden?

Nein, mit den derzeitigen Strukturen ist das nicht möglich. Es stehen zwar Fördermittel für Agrarumweltmaßnahmen zur Verfügung, diese Ansätze reichen allerdings bei Weitem nicht aus.

Wie müsste denn eine Landwirtschaft aussehen, die ihrer Verantwortung für Natur- und Artenschutz gerecht werden kann?

Grundvoraussetzung ist erst einmal, dass die Landwirte weiterhin von ihrer Arbeit leben können. Aber die Ausrichtung ihrer Arbeit muss sich ändern. 1962, vor 60 Jahren, wurde die Gemeinsame Agrarpolitik der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft eingeführt, damit die Landwirte mit ihren Produkten auf dem Weltmarkt bestehen konnten. Heute muss es jedoch darum gehen, dass die Landwirtschaft für ihre Leistung für das Gemeinwohl bezahlt wird. Auf EU-Ebene wird dem Agrarsektor immer noch sehr, sehr viel Geld in den Rachen geworfen. Mit knapp 60 Milliarden Euro macht er etwa 40 Prozent des EU-Haushalts aus. Die Leistungen für das Gemeinwohl, die damit erwirtschaftet werden, sind aber sehr überschaubar – mehr noch: Die negativen Auswirkungen überwiegen bei Weitem die positiven.

Rebhuhn | Rebhühner brauchen eine strukturreiche Kulturlandschaft und Insekten als Futter für die Küken. Da beides durch die intensive Landwirtschaft zurückgegangen ist, nahmen auch die Rebhuhnbestände dramatisch ab – regional sind die Zahlen um mehr als 90 Prozent geschrumpft.

Mit welchen Maßnahmen könnte man dem Insektensterben entgegenwirken?

Die Verbraucher sind dabei gefragt. Wir sollten unseren Fleischkonsum dringend überdenken: Weil die Tierbestände viel zu hoch sind, landet zu viel Stickstoff in Form von Gülle auf den Feldern. Auf den überdüngten Flächen finden sich dann kaum noch Insekten. Um die vielen Tiere ernähren zu können und den Fleischertrag zu maximieren, wird in hohem Maß Soja aus Südamerika importiert, das häufig an Stelle gerodeter Regenwälder angebaut wird. Die damit importierten Nährstoffe aber bleiben bei uns im Land.

In Ihrem Buch plädieren Sie auch für eine stärkere Förderung von Weidetieren. Ist das nicht ein Widerspruch?

Die meisten Tiere in der EU werden im Stall bis zur Schlachtreife gemästet und sehen ihr Leben lang keine Weide. Die zusätzlichen Nährstoffe landen als Gülle trotzdem auf den Flächen, mit den bekannten negativen Auswirkungen. Rinder und andere Tiere, die extensiv gehalten werden, sind da etwas ganz anderes. Jedes Tier in der Landschaft ist gut, weil es für mehr Strukturen sorgt: Es entstehen Trampelpfade und unterschiedlich stark genutzte Flächen. An manchen Stellen ist die Vegetation kurz gefressen wie ein Golfrasen. An anderen Stellen, die den Tieren geschmacklich nicht so zusagen, kann die Vegetation höher wachsen. Die Tiere transportieren Pflanzensamen ebenso wie Insekten über größere Entfernungen. Die Weidetiere können zumindest ein wenig unsere artenreiche Urlandschaft mit großen Pflanzenfressern wie Auerochsen, Wisenten, Waldelefanten und Wollnashörnern ersetzen. Also wenn Fleisch, dann bitte aus extensiver Weidehaltung – auch als ein Beitrag zum Klimaschutz.

Was müsste noch geschehen?

Der Pestizideinsatz muss stark zurückgefahren werden, vor allem in Schwerpunktregionen. Bisher ist es so, dass die Landwirte selbst in Gebieten mit dem höchsten EU-Schutzstatus Pestizide und Dünger ausbringen können wie auf normalen Ackerflächen. Wenn diese Praxis eingeschränkt würde, hätte das einen ersten positiven Effekt auf die Insekten – allein wird das aber noch nicht genügen. Die betroffenen Landwirte, die auf den Flächen dann weniger ernten, könnten über gezielte Förderprogramme entschädigt werden. Sie leisteten dann einen großen Dienst für das Gemeinwohl. Grundsätzlich sind die Maßnahmen, die etwas bringen und die wissenschaftlich bereits erprobt wurden, hinlänglich bekannt. Im Ackerland zum Beispiel brauchen wir neben struktureller Vielfalt etwa vielfältigere Fruchtfolgen, Blühstreifen und Blühflächen – wenn sie richtig angelegt werden –, Bienenhügel, Lerchenfenster, Kiebitzinseln, Brachflächen und großzügige Reihenabstände bei den Aussaaten. Für den Wald und den Siedlungsbereich gibt es ebenfalls sehr konkrete Maßnahmenkataloge. Wir benötigen nur den gesellschaftspolitischen Willen, diese Aufgaben konsequent in der Fläche umzusetzen.

Hat die Politik das Ausmaß des Problems Insektensterben erkannt?

Es geht ja nicht darum, dass vielleicht zwei oder drei von mehr als 30 000 Arten verschwinden. Wenn 40 Prozent der Spezies betroffen sind und die gesamte Insektenbiomasse auf einen Bruchteil ihrer früheren Größe zusammengeschrumpft ist, dann ist das katastrophal. Es gibt viele Arten, die eine wichtige Rolle bei der Bestäubung von Nutzpflanzen spielen oder Schädlinge fressen. Wenn diese Arten ausfallen, gehen die Erträge zurück und der Einsatz von Insektiziden steigt. Außerdem sind Insekten wichtiger Bestandteil von langen Nahrungsketten. Ohne die große Biomasse können – wie wir es aktuell schon sehen – viele Vogelarten ihren Nachwuchs nicht mehr ernähren. Kurz: Die Politik hat die Dramatik des Insektensterbens noch nicht erkannt. Sonst würde sie viel größere Anstrengungen unternehmen, um gegenzusteuern. Wissenschaft und Naturschutzpraxis kennen die nötigen Lösungen. Wir müssen sie nur viel besser kommunizieren.

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