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Hitzetod am Amazonas: »Der Delfin ist ein Wächter, sein Sterben ist ein Weckruf«

Miriam Marmontel erforscht seit Jahren Amazonas-Flussdelfine. Im Interview erklärt sie, warum die Tiere gerade massenhaft verenden und warum ihr Sterben ein Alarmsignal für die Menschen und die Region ist.
Ein Team des Instituto Mamirauá untersucht Kadaver
Ein Team des Instituto Mamirauá untersucht Kadaver, die in der Lagune von Tefé trieben. Auch kerngesunde Tiere sind dem Hitzestress zum Opfer gefallen. Teile Brasiliens erleben in diesem Jahr außergewöhnliche Bedingungen.

Seit dem 23. September finden sich die aufgedunsenen Kadaver der Delfine in der Lagune von Tefé. Das Gewässer, das 522 Kilometer Luftlinie von Manaus entfernt liegt, hat sich in den zurückliegenden Wochen in einen flachen, schlammigen See verwandelt, mit Wassertemperaturen von teils 40 Grad Celsius. Am 28. September erreichte das Delfinsterben seinen bisherigen Höhepunkt: Allein an diesem Tag fischten die Forscherinnen und Forscher vor Ort 70 tote Tiere aus dem Wasser. Insgesamt ließen schon mehr als 154 Tiere ihr Leben in der braunen Lagune.

Miriam Marmontel, Ozeanografin am Instituto Mamirauá mit Sitz in der Stadt Tefé, studiert bereits seit 30 Jahren die beiden stark gefährdeten Flussdelfinarten des Amazonas. Im Interview erklärt sie, was die Katastrophe auslöste und weshalb das Sterben nicht nur die Delfine betrifft.

Miriam Marmontel | Die Ozeanografin forscht am Instituto Mamirauá mit Sitz in der Stadt Tefé. Dort studiert sie seit inzwischen 30 Jahren Amazoniens Flussdelfine: den Rosa Flussdelfin oder Amazonasdelfin (Inia geoffrensis), bekannt als Botô, und den kleineren Amazonas-Sotalia (Sotalia fluviatilis), bekannt auch als Tucuxi.

Spektrum.de: Frau Marmontel, mehr als zehn Prozent aller Flussdelfine in Ihrem Forschungsgebiet sind in den letzten Wochen verendet. Was steckt hinter dem Sterben?

Miriam Marmontel: Der Auslöser war wohl eine Kombination von physikalischen und meteorologischen Faktoren: die hohe Sonneneinstrahlung, die sehr niedrige Luftfeuchtigkeit, die Waldbrände, die wir hier in der Gegend haben.

Inzwischen liegen auch Analysen von Gewässer- und Gewebeproben vor. Hat sich Ihr Verdacht bestätigt?

Eine Befürchtung war, dass sich im Wasser Biotoxine entwickeln würden. Letzte Woche gab es in der Tat eine Algenblüte, die ein Biotoxin produziert, das Fische töten kann. Bei den Säugetieren wurden jedoch keine Auswirkungen nachgewiesen. Wir hatten auch die Befürchtung, dass es sich um die derzeit in Südamerika grassierende Vogelgrippe handeln könnte. Das haben wir mit den Proben jedoch ebenfalls ausgeschlossen. Alles deutet also auf die Hitze und den Klimawandel als Ursache hin. In ganz Brasilien waren die Temperaturen diesen Winter extrem hoch. An dem Tag, als sie ihren Höhepunkt erreichten, hatten wir auch die meisten Todesfälle.

Wie geht es Ihnen nun? Und wie sieht die aktuelle Situation am Lago Tefé aus?

Dem Team geht es gut, aber wir sind müde. Wir sind jetzt seit fast einem Monat im Einsatz. Aber die Situation mit den Delfinen hat sich momentan stabilisiert. Seit einer Woche registrieren wir keine Todesfälle mehr. Doch Fluss und See trocknen weiter aus. Deshalb kann es jederzeit wieder passieren. Wir sind deshalb in Alarmbereitschaft, überwachen täglich den See und kontrollieren das Verhalten der Tiere: Ist es noch normal? Hat es sich verändert?

Sie haben auch Kadaver untersucht. Welche Besonderheiten konnte man daran feststellen?

Die Analysen von 18 toten Delfinen ließen auf keine Infektionskrankheiten schließen, keine Toxoplasmose oder Morbillivirus. Die Nekropsien zeigten, dass die Tiere in sehr guter körperlicher Verfassung waren. Es gab keinerlei Auffälligkeiten an den Organen. Vielleicht hatten manche eine Vorerkrankung, die möglicherweise zur Tragödie beigetragen hat, aber es war nicht die Ursache der massiven, plötzlichen Todesfälle.

Es fiel uns allerdings auf, dass die Mägen der meisten Tiere leer waren und der Tod offenbar plötzlich eingetreten war. Es gab Anzeichen für Organüberlastung im Gehirn, eine Vielzahl von Petechien, also winzige Blutungen, überall am Körper. All das sind Verdachtsmomente, die uns zur Annahme führten, dass Hitzestress der große Übeltäter war.

Die Mehrzahl der Todesfälle hat sich in einem Abschnitt des Sees ereignet, der Enseada do Papucu genannt wird. Warum dort?

Das ist eine Art Bucht, die sich zusammen mit einer großen Insel gebildet hat. Diese Insel ragte dieses Jahr so stark hervor wie noch nie. Dort haben wir die höchsten Wassertemperaturen gemessen. Hier starben die Tiere im Todeskampf vor unseren Augen. Aber nicht nur hier. Wir fanden Kadaver entlang des ganzen Kanals.

Die Enseada ist durchschnittlich 1,5 Meter tief. Aber sie hat mindestens drei tiefere Brunnen, das sind Stellen, die zwei bis vier Meter tief sind. Die Tiere flüchteten bei Niedrigwasser in diese Brunnen.

Die kleine Bucht mit ihren tiefen Stellen ist ein geschützter Ort, wo Muttertiere mit ihren Kälbern hinkommen. Denn sie liegt weiter weg vom Lärm der Stadt und der Schiffsrouten. Trotz der hohen Temperaturen blieben sie dort, auch weil es dort viel Nahrung gibt.

Toter Amazonas-Flussdelfin | Vor allem die typisch rosa gefärbten Delfine mit ihrer charakteristisch langen Schnauze starben in der Hitze. Amazonas-Flussdelfine sind in einem Großteil des Amazonasbeckens heimisch. Wie groß die Population ist, kann niemand genau sagen. Bis in die jüngste Zeit wurden tausende Tiere jährlich gefangen, um sie zu Ködern für die Weltfischerei zu verarbeiten. Auch verenden sie in Stellnetzen oder fallen Schadstoffen im Wasser zum Opfer. Dadurch sinken ihre Bestandszahlen derzeit rapide ab.

Haben die Delfine die Gefahr nicht gespürt?

Die Tucuxis, die noch anfälliger für Stress und viel schwächer sind als die Rosa Flussdelfine, verließen offenbar das Risikogebiet, während die Rosa Delfine dort blieben. Sie hätten in Gebiete mit mehr Strömung schwimmen können, etwa in den Solimões-Fluss, der nur acht Kilometer von hier entfernt ist. Dort ist es breiter, tiefer und kälter. Wir wissen nicht, warum sie sich anders entschieden haben.

Die Zahl der Botôs, der Rosa Flussdelfine, am Lago Tefé wurde zuletzt auf 900 Exemplare geschätzt, davon sind nun wohl 130 gestorben. Von den 500 kleineren Tucuxis dagegen nur 24. Lag das nur daran, dass die einen blieben und die anderen fortschwammen?

Bekannt ist, dass der Rosa Delfin ein schwächeres Atmungssystem hat als der Tucuxi. Die Tiere bekommen häufiger Lungenentzündungen und Parasiten in der Lunge. Durch die Hitze ist die Luftfeuchtigkeit auf 50 Prozent gesunken, normalerweise liegt sie bei 80 bis 90 Prozent. Hinzu kommt der Rauch von den Waldbränden. Die Tiere atmen Luft wie wir und kommen deshalb an die Oberfläche. Vermutlich setzte all das den Rosa Delfinen stärker zu als den Tucuxis.

Kann der Tod der Delfine als Indikator für eine Umweltkatastrophe angesehen werden?

Ich denke schon. Sie sind Wassertiere und völlig abhängig von diesem Element. Genau wie wir Menschen, die wir am Amazonas leben. Amazonien ist eine Wasserwelt. Wie die Delfine sind auch wir an das Steigen und Fallen des Wasserspiegels in der Regen- und Trockenzeit gewöhnt. Es sind regelmäßige Ereignisse, und wir bereiten uns darauf vor. Die Flussbewohnerinnen und -bewohner verlassen ihre Häuser, gehen auf das Festland oder erhöhen die Dächer ihrer Häuser, um bei Überschwemmungen in der Gegend zu bleiben.

Es ist nur so, dass diese Dürren und Überschwemmungen in den letzten Jahren extremer und häufiger geworden sind.

Könnte das auch die Tiere überrascht haben? Wie haben sie auf den Hitzestress reagiert?

Vielleicht hat der plötzliche Anstieg der Temperaturen die Tiere verwirrt. Sie machten eine Temperaturschwankung um 8 bis 14 Grad mit. Die durchschnittliche Temperatur im See liegt zwischen 26 und 32 Grad. Aber an diesem Tag erreichte sie 40 Grad! Sie haben es auf ihrer Haut gespürt. Auch wir haben unsere Hände immer wieder ins Wasser gehalten. Man spürt es sofort.

Stellen Sie sich also ein Tier vor, das mit seinem ganzen Körper im Wasser lebt! Das verändert natürlich die Physiologie. Die Tiere haben eine Fettschicht, die sie isoliert, die aber nicht so dick ist wie die von Meerestieren. Insbesondere der Rosa Flussdelfin hat eine sehr große Melone, ein Fettgewebe, das er für die Echoortung benötigt.

Es ist möglich, dass sich diese Substanzen in der Melone durch die hohen Temperaturen verändert haben. Das ist eine Menge Stress. Und diese Tiere können nicht schwitzen. Sie regulieren die Wärme nach dem so genannten Gegenstromprinzip. Dabei geben oberflächliche Blutgefäße die Wärme nach außen ab, während sie das kältere Blut für das Herz behalten.

Doch bei 40 Grad ist die Physiologie dieser Tiere vermutlich völlig zerstört worden. Wir konnten sehen, wie sie litten. Sie waren desorientiert, sie schwammen im Kreis, sie konnten nicht tauchen. Es waren grauenhafte Szenen.

Amazonas-Sotalia | Die auch Tucuxi genannten Tiere sind wesentlich enger mit den echten Delfinen verwandt als die Amazonas-Flussdelfine. Das zeigt sich schon an ihrer Ähnlichkeit zu den Tümmlern. Während eine zweite Sotalia-Art im Ozean entlang der Küsten Südamerikas lebt, hat sich Sotalia fluviatilis auf die Süßwasserlebensräume des Amazonasgebiets spezialisiert. Dort leiden sie unter denselben Bedrohungen wie die Rosa Delfine.

Und die Dürre wird noch schlimmer werden …

Ja, wir befinden uns also immer noch in einem Prozess des Niedrigwassers. Und wir fürchten, dass diese Dürre zusammen mit dem Klimaphänomen El Niño längst noch nicht ihren Höhepunkt erreicht hat. Das magische Datum der Ebbe war früher der 15. Oktober. Ab dann kommt kälteres Wasser aus den peruanischen Anden nach. Aber das hat sich schon seit einigen Jahren verschoben. Dieses Jahr haben wir bereits den 17. Oktober und der Pegel sinkt immer noch. Deshalb sind wir sehr wachsam, sehr besorgt. Alles hat sich in den letzten Jahren verändert. Wir analysieren alles jeden Tag neu. Denn der Klimawandel und seine Auswirkungen sind ein großes Puzzle, das wir verstehen und täglich anpassen müssen.

Frau Marmontel, Sie haben 30 Jahre lang die Delfine studiert. Was haben Sie dabei gelernt?

Ich habe den Amazonas noch mehr schätzen gelernt. Ich hatte schon immer eine große Faszination für den Wald. Aber wenn man mit den Tümmlern arbeitet und sieht, wie perfekt sie sich hier angepasst haben, wird man ehrfürchtig: Sie sind langsamer. Sie müssen nicht so schnell sein wie die Ozeandelfine. Sie haben einen robusten Körper, aber er ist perfekt für diese ruhigeren Gewässer. Sie haben viel größere Flossen als andere Delfine, weil sie sich im Auwald-Ökosystem, im überschwemmten Wald bewegen, der so typisch ist für das Amazonasgebiet. Für mich sind sie das Sinnbild des Amazonas.

Beide amazonischen Flussdelfin-Arten gelten als »stark gefährdet«. Der Klimawandel tötet sie nun massenweise. Was kann Ihrer Meinung nach getan werden, um die Auswirkungen zu mildern?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Sie sind durch eine Reihe von Faktoren bedroht. Wir wussten vom Klimawandel. Wir wussten, dass er eines Tages kommen würde, und haben Theorien aufgestellt, aber wir hatten dennoch keine konkrete Vorstellung, in welcher Heftigkeit das passieren würde. Und jetzt ist es passiert, und wir sind fassungslos.

»Die Delfine waren die ersten Betroffenen. Bald werden wir dran sein«

Was können wir nun tun?

Es gibt keine einfache Lösung. Weil so viel Wald abgeholzt wurde, wird sehr viel Sediment in die Lagune gespült, wo es sich ablagert. Das macht sie für die Delfine zu einem riskanteren Ort, weil die Wassertemperaturen dort stärker ansteigen. Wir könnten diesen Bereich ausbaggern. Dafür braucht man aber eine Menge Lizenzen.

Es gibt außerdem noch 50 andere Seen im gesamten Amazonasgebiet, die in einer ähnlichen Situation stecken! Solche einzelnen Maßnahmen sind nicht die große Lösung.

Die lokalen Maßnahmen greifen also zu kurz?

Gerade die jüngsten Ereignisse haben uns deutlich gezeigt, dass diese Tierarten wie Wächter sind. Ihr Tod ist ein Alarmsignal für uns alle! Wir müssen erkennen, dass die Lage sehr ernst ist. Alles hängt miteinander zusammen. Es geht nicht allein um den Delfin. Die Krise betrifft uns alle, vor allem die Menschen, die hier leben. Es gibt hier bereits Menschen, die keine Nahrung mehr haben. Sie sind wegen des verschmutzten Wassers krank und haben Durchfall. Das sind alles die Folgen unseres verantwortungslosen Handelns.

Die Delfine waren die ersten Betroffenen. Aber bald werden wir dran sein. Der Delfin als Wächter ist ein sehr anschauliches Bild. Sein Sterben ist ein Weckruf. Wenn die Süßwasserdelfine, die hier so typisch sind, so charismatisch, so charakteristisch, wenn sie aussterben – was sagt uns das? Es könnte ein weiterer Hinweis darauf sein, dass der Amazonas seinen Kipppunkt erreicht hat.

Neben den Fischen und Flussdelfinen sind auch die Flussanrainer direkt betroffen. Mehr als 50 Dörfer leiden unter der Dürre …

Es geht nicht nur um uns und die Natur und die Tiere, sondern darum, dass alles miteinander zusammenhängt. Die ganze Welt schaut deshalb plötzlich auf Tefé. Wir haben viel Unterstützung bekommen. Europa hilft uns, die Vereinigten Staaten schicken Experten und Geld. Aber was wirklich deutlich gemacht werden muss: Es geht nicht allein um den Rosa Flussdelfin.

Es ist eine humanitäre Krise, es ist eine Umweltkrise. Es geht um etwas viel Größeres als das Delfinsterben, und das müssen wir erkennen! Das ist die Botschaft, vor der wir die Augen nicht verschließen können. Wir müssen etwas unternehmen!

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