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Entscheiden: Bauchgefühl auf Abwegen

Intuition hilft dabei, Informationen zu integrieren und Entscheidungen zu fällen. Doch sie wird ständig beeinflusst, von äußeren Umständen und inneren Erwartungen.
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Entscheiden Sie sich jetzt bitte: Blau oder Rot? Obwohl Sie noch gar nicht wissen, worum es überhaupt geht, hatten Sie vermutlich direkt eine Präferenz. Denn das Bauchgefühl spielt bei vielen Entscheidungen, die wir treffen, eine wichtige Rolle. Es hilft dabei, Dinge schnell und ohne Einsatz größerer mentaler Kapazitäten abzuwägen. Letztere werden erst benötigt, wenn man beginnt, genauer über etwas nachzudenken. Was soll denn eigentlich rot oder blau sein? Blau gefällt mir gut, weil es mich an einen wolkenlosen Himmel oder das Meer erinnert. Aber Rot hat etwas Energisches. Das würde gerade auch gut passen …

Warum das Bauchgefühl in die eine oder andere Richtung ausschlägt, lässt sich oft nicht einmal genau erklären. Wie stark die Menschen sich von ihm leiten lassen sollten, ist deshalb Gegenstand vieler Ratgeber und Diskussionen zu den verschiedensten Themen. Sollen wir lieber auf unsere Intuition vertrauen – oder noch einmal genauer nachdenken?

Für Tilmann Betsch, Professor für Sozial-, Organisations- und Wirtschaftspsychologie an der Universität Erfurt, kommt das vor allem auf die Umstände an. »In Situationen, in denen wir sehr gute Erfahrungen haben, können wir uns auch gut auf unsere Gefühle verlassen«, sagt Betsch. Solange Intuition viele stichhaltige Informationen als Grundlage hat, führt sie wahrscheinlich in die richtige Richtung. Das nutzen beispielsweise Feuerwehrleute oder Piloten, die oft extrem schnelle Entscheidungen treffen müssen. Und auch Ärztinnen und Ärzten hilft das Bauchgefühl oft, die richtige Diagnose zu stellen – vor allem, wenn sie auf langjährige Erfahrungen mit den jeweiligen Erkrankungen zurückgreifen können. Wenn sich die Umstände ändern und die Dinge vom Gewohnten abweichen, können intuitive Entscheidungen hingegen eher in die Irre führen. Etwa, wenn plötzlich eine weltweite Pandemie wie Covid-19 ausbricht und gewohnte Verhaltensweise in Frage gestellt werden müssen.

Wann das Bauchgefühl in die Irre führt

Obwohl Entscheidungen »aus dem Bauch heraus« oft schnell getroffen werden können und wenig mentale Kapazitäten fordern, haben sie auch Nachteile. So widersetzt sich Intuition manchmal logischen oder mathematischen Schlüssen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist das »Bat-and-Ball«-Problem (»Schläger-und-Ball-Problem«): Ein Schläger und ein Ball kosten zusammen 1,10 Dollar. Der Schläger kostet einen Dollar mehr als der Ball. Wie viel kostet der Ball? Spontan würden die meisten Menschen behaupten, der Ball koste 10 Cent. Die richtige Antwort lautet allerdings 5 Cent. Zwar leuchtet das nach einer kurzen Bedenkzeit ein, doch in Versuchen geben Testpersonen meist die intuitive, falsche Antwort.

Auch für Wahrnehmungsverzerrungen ist das Bauchgefühl besonders empfänglich, erklärt Marie Juanchich, Verhaltenspsychologin an der University of Essex in Großbritannien. So stützen sich Glücksspielende zum Beispiel häufig auf den »Spielerfehlschluss«: Wenn sie lange Zeit immer verlieren, gehen sie davon aus, dass sie beim nächsten Mal bestimmt gewinnen. Sie verknüpfen den Ausgang eines Zufallsspiels intuitiv mit den vorherigen Ergebnissen, obwohl diese statistisch betrachtet gar nichts miteinander zu tun haben.

»Es gibt unzählige Beeinflussungen, die wir meist gar nicht bemerken«(Marie Juanchich, Verhaltenspsychologin)

In Alltagssituationen gibt es ebenfalls Dinge, die uns unbewusst beeinflussen. Bei finanziellen Fragen unterliegen Menschen zum Beispiel oft dem »Ankereffekt«, bei dem sie Preisangebote stets an einem Anfangswert orientieren, selbst wenn es gar keine sinnvolle Grundlage für diesen ersten Wert gab. In anderen Situationen bewerten wir neue Informationen stärker als ältere, einfach, weil sie uns gerade deutlicher bewusst sind. »Es gibt unzählige Beeinflussungen, die wir meist gar nicht bemerken«, sagt Marie Juanchich. »Natürlich folgt nicht jeder Mensch jedem Bias, aber es gibt klare Trends.«

Oft verstehen wir nicht, wie unsere Entscheidungen zu Stande kommen

Selbst wenn wir uns aktiv darum bemühen, ist es gar nicht leicht, sich von äußeren Beeinflussungen zu lösen. »Wir sind sehr schlecht darin, zu verstehen, warum wir Entscheidungen treffen«, sagt Marie Juanchich. Sie erklärt das an einem Beispiel: Legt man Testpersonen fünf Jeans vor und fragt sie, welche ihnen am besten gefällt, wählen viele davon die erste aus – eine weitere Wahrnehmungsverzerrung, die uns das zuerst gesehene Objekt stets als besonders gut vorgaukelt. Letztlich haben jedoch alle Probanden eine konkrete Erklärung dafür, warum genau diese Hose die beste sein soll. So rechtfertigen sie ihre Entscheidung etwa auf Grund der Form, Farbe oder Textur der Jeans. Das gleiche Phänomen tritt auf, wenn man die Hosen einer zweiten Gruppe in umgekehrter Reihenfolge zeigt. Auch hier entscheiden sich wieder die meisten für die erste Jeans (die im vorherigen Durchgang kaum Beachtung fand) – mit ähnlichen Argumenten. Wir rationalisieren unser Bauchgefühl also im Nachhinein, indem wir uns nach der Entscheidung unbewusst logische Gründe suchen. Dieser Mechanismus sorgt dafür, dass wir die Welt als schlüssig wahrnehmen.

Dass wir unsere Entscheidungen selbst nicht besonders gut verstehen, spielt auch der Verbreitung von Falschinformationen in die Hände. Häufig gehen sogar gut gemeinte Aufklärungsversuche nach hinten los. Etwa, wenn in den Medien eine falsche Aussage gemeinsam mit der Korrektur präsentiert wird. Intuitiv könnten wir glauben, dass das eine gute Möglichkeit ist, uns auf Fehler aufmerksam zu machen. In Wirklichkeit vertiefen solche Bilder allerdings eher die falschen Aussagen. Je häufiger wir sie sehen, desto stärker brennen sie sich ein. Besser wäre es deshalb in diesem Fall, nur die richtige Information zu nennen und höchstens zu erwähnen, dass zu dem Thema auch falsche Aussagen im Umlauf sind.

»Letztlich kann die Intuition nur so gut sein, wie die Umwelt, aus der sie stammt«, fasst Tilmann Betsch zusammen. Daher sei es wichtig, sich darüber Gedanken zu machen, auf welchen Gebieten wir genug wissen, um aus dem Bauch heraus zu entscheiden, und wo es Sinn macht, nach zusätzlichen glaubwürdigen Informationen und Expertenwissen zu suchen.

Intuition und rationales Denken sind keine getrennten Prozesse

In seiner Forschung hat sich Tilmann Betsch inzwischen ohnehin von dem Gedanken gelöst, dass Intuition und rationales Denken immer einen Gegensatz darstellen müssen. Gemeinsam mit seinem Team geht er stattdessen davon aus, dass Bauchgefühl und bewusstes Denken in der Regel zusammenarbeiten: »Die Informationssuche läuft zum Großteil bewusst ab. Sie liefert den Raum, in welchem die Intuition die Informationen integriert und zu einer Entscheidung formt.« Mit ihrer Theorie widersprechen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der gängigen Annahme, Intuition und rationales Denken seien zwei getrennte Prozesse, zwischen denen man letztlich bei jeder Entscheidung wählen müsse.

Manche Experten zweifeln schon länger an dieser Zweiteilung. 2005 schrieben Annette Bolte von der Technische Universität Braunschweig und Thomas Goschke von der Technischen Universität Dresden in einer Studie, Intuition sei »keine besondere oder gar mystische Fähigkeit«. Stattdessen basierten intuitive Entscheidungen auf bestehendem Wissen, welches Entscheidungen und Beurteilungen unbewusst lenke. David E. Melnikoff und John A. Bargh von der Yale University argumentierten 2018 sogar in einen Meinungsartikel, die Theorie von zwei separaten Systemen sei hinderlich für die Wissenschaft. Die simple Einteilung von Entscheidungen in zwei Kategorien verschleiere, wie komplex die Vorgänge seien, die in unserem Gehirn tatsächlich ablaufen.

Der gängigen Meinung nach ist intuitives Denken schnell, effizient, unbewusst und unbeabsichtigt – im Gegensatz zum langsameren, weniger effizienten, bewussten und gewollten rationalen Denken. Dafür gebe es jedoch unzählige Gegenbeweise, schreiben Melnikoff und Bargh. Zum Beispiel das Schreiben auf einer Tastatur: Wer darin geübt ist, muss nicht bewusst die richtigen Tasten suchen, sondern kann die Finger ganz von selbst arbeiten lassen – jedoch vollständig beabsichtigt. Niemand würde sich vor eine Tastatur setzen und einfach wild darauf herumhämmern. Unbewusste Prozesse können zudem auch sehr ineffizient sein, etwa wenn wir versuchen, ein spezifisches Problem intuitiv zu lösen. Entscheidungen auf zwei separate Systeme zu reduzieren, sei deshalb viel zu kurz gegriffen.

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