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Bericht des Weltklimarats: »Jedes zehntel Grad bringt zusätzliche Extreme mit sich«

Der neue IPCC-Bericht wird die Debatte um das 1,5-Grad-Ziel anheizen. Über Machbarkeit und Sinn und Zweck des Ganzen spricht die Koautorin Astrid Kiendler-Scharr im Interview.
Ein überschwemmtes Feld mit Haus in Wetter (Ruhr)

Am kommenden Montag, dem 09.08.2021, erscheint ein zentraler erster Teil des sechsten Sachstandsberichts des Weltklimarats (IPCC). Darin geht es um die naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels. Aktuell verhandeln die Autorenteams mit Vertretern der Politik die »Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger«. Sie enthält die wichtigsten Kernaussagen des ersten Teils in allgemein lesbarer Form.

Der Sachstandsbericht wird auch ein Kapitel über kurzlebige Klimaschadstoffe umfassen. Dessen Leitautorin ist die Atmosphärenforscherin Astrid Kiendler-Scharr vom Forschungszentrum Jülich. Wir sprachen mit ihr über die Kernbotschaften des Reports, ihre persönliche Erfahrung mit der jüngsten Hochwasserkatastrophe und darüber, warum der bevorstehende Klimagipfel in Glasgow mindestens so wichtig wird, wie es der historische Pariser Gipfel war.

Astrid Kiendler-Scharr | Astrid Kiendler-Scharr ist Direktorin am Institut für Energie und Klimaforschung am Forschungszentrum Jülich und Vorstandsvorsitzende des Wissenschaftsverbands der Klimaforschungseinrichtungen DKK. Als Leitautorin des Kapitels zu kurzlebigen Klimaschadstoffen ist sie Mitverfasserin des neuen Sachstandsberichts des Weltklimarats IPCC.

Thomas Krumenacker: Am kommenden Montag legt der Weltklimarat mit der »Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger« zu den naturwissenschaftlichen Grundlagen des Klimawandels einen zentralen Teil des neuen Sachstandsberichts vor. Welche Botschaft erwartet uns wenige Monate vor dem nächsten Weltklimagipfel?

Astrid Kiendler-Scharr: Einzelheiten kann ich noch nicht nennen, aber die Botschaft ist ziemlich klar: Wir können das Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu beschränken, noch erreichen. Doch das werden wir nur schaffen, wenn wir mit wirklich ambitionierten Zielen und vor allem auch konkreten Maßnahmen an die Sache herangehen. Wir brauchen Klimaneutralität in allen Staaten, und wir brauchen auch in Deutschland mehr Anstrengungen in allen Sektoren.

Warum sind solche Berichte eigentlich noch nötig? Geht es in der Klimaforschung nicht eigentlich nur noch um Details?

Ich glaube nicht, dass es nur noch um Details geht. Wir können nun viele Aussagen im Vergleich zu vorherigen Berichten weiter konkretisierten. Wir haben in den letzten Jahren massive Fortschritte gemacht beispielsweise in der Attributionsforschung, also der Frage, welcher Teil von Extremereignissen durch den Klimawandel verursacht wird. Wir können auch genauer sagen, wie sich Klimaschutz und Maßnahmen zur Verbesserung der Luftqualität gegenseitig verstärken. Wir haben einen deutlichen Erkenntniszugewinn, und die Tatsache, dass der Klimawandel menschengemacht ist, kann schlicht rational nicht mehr negiert werden.

Wo stehen wir gerade auf dem Weg der Temperatursteigerungen?

Derzeit liegt die globale Durchschnittstemperatur knapp 1,1 Grad höher im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. In Deutschland sind es 1,6 Grad, weil die Erwärmung über Land schneller voranschreitet. Die Szenarien zeigen: Wenn wir unverändert so weitermachen wie bisher, befinden wir uns auf dem Weg zu einer globalen Erwärmung von weit über drei Grad bis zum Ende des Jahrhunderts.

Es geht nicht nur um höhere Temperaturen. Gerade erst hat die Starkregen- und Überschwemmungskatastrophe in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen gezeigt, was es auch mitten in Deutschland bedeuten kann, wenn sich als Folge des Klimawandels die Wetterextreme häufen. Sie leben in Jülich. Waren Sie ebenfalls betroffen?

Ich selbst wohne dort direkt an der Rur, und auch wir mussten unser Haus im Zuge der vorsorglichen Evakuierungen räumen. Insgesamt ist Jülich aber glimpflich davongekommen. Das war mehr oder weniger Zufall.

Die Debatte nach der Katastrophe ist stark von der Forderung nach besseren Anpassungsmaßnahmen bestimmt. Verlieren wir die Ursachenbekämpfung wieder aus dem Blick?

Wir müssen uns vor den eintretenden Extremereignissen schützen. Doch die ausschließliche Fixierung auf Anpassungsmaßnahmen kann nicht die richtige Reaktion sein. Setzen wir nur darauf und verändern sonst nichts, passen wir uns immer nur an einen jeweiligen Status quo an, der aber immer extremer wird. Wir brauchen daher die Kombination aus Klimaschutz und Klimaanpassung.

Kann man die Erhöhung des Risikos mit Blick auf die Überschwemmungsgefahr bereits prognostizieren?

Bei einer Erwärmung um 1,5 Grad haben global etwa elf Prozent der Landfläche ein höheres Risiko, von Flüssen überschwemmt zu werden. Bei zwei Grad sind es schon 21 Prozent der Landfläche. Das zeigt, dass es nicht funktionieren wird, rein auf Anpassung zu setzen. Wir brauchen die Kombination.

»Egal in welche Richtung: In den nächsten fünf Jahren stellen wir entscheidende Weichen«
(Astrid Kiendler-Scharr)

Das Verfehlen des 1,5-Grad-Ziels scheint indes eher wahrscheinlich. Was passiert, wenn das Ziel gerissen wird?

Mit dieser Frage haben wir uns ja schon im IPCC-Sonderbericht zum 1,5-Grad-Ziel im Nachgang zu den Pariser Klimabeschlüssen befasst. Auch damals war die Frage aufgekommen, wie unterschiedlich die Folgen zwischen einer Erwärmung um 1,5 und einer um 2 Grad sind. Die Kernschlussfolgerung lautet: Jedes zehntel Grad macht einen großen Unterschied und bringt zusätzliche Extreme mit sich. Und deren Bewältigung ist nicht nur teurer als Klimaschutzmaßnahmen, es geht auch um Menschenleben. Auch deshalb dürfen wir nicht in Lethargie oder Gleichgültigkeit verfallen, weil wir denken, dass die 1,5 Grad nicht erreichbar sind.

Angela Merkel und Barack Obama auf dem Pariser Klimagipfel 2015 | In Paris wurde seinerzeit der historische Beschluss gefasst, die Erderwärmung nach Möglichkeit auf 1,5 Grad zu beschränken. Die UN-Klimakonferenz in Glasgow Ende Oktober wird mindestens ebenso wichtig.

Was muss geschehen, damit die Menschheit nicht über die 1,5 Grad hinausschießt oder zumindest nicht allzu weit?

Als IPCC sind wir keine klassischen Ratgeber, die Empfehlungen zur Umsetzung geben. Wir versorgen die Politik mit wissenschaftlich fundierten Fakten als Grundlage für ihre Entscheidungen. In diesem Fall gibt es aus der Wissenschaft klare Aussagen dazu, wie viel CO2-Budget uns noch zur Verfügung steht. Wenn wir die Erwärmung auf 1,5 Grad beschränken wollen, sind das 400 bis 500 Gigatonnen. Wir wissen, dass wir als Menschheit global etwa 40 Gigatonnen pro Jahr emittieren. Damit ist klar, uns bleibt nicht mehr viel Zeit. Egal in welche Richtung: In den nächsten fünf Jahren stellen wir letztlich entscheidende Weichen, wohin die Reise geht.

Seit dem Pariser Klimagipfel von 2015 heißt es: Das Ziel einer Begrenzung auf unter zwei Grad kann erreicht werden, allerdings nur, wenn endlich mehr Tempo in den Klimaschutz kommt. Sind wir jetzt wirklich am Ende der Fahnenstange angelangt?

Wenn nichts Entscheidendes passiert, werden wir mit großer Wahrscheinlichkeit Anfang der 2030er Jahre den Wert einer Erderwärmung um 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit überschreiten. Insofern ist es so, dass man für plausible Wege, die 1,5 Grad noch zu schaffen, nur noch einen überschaubaren Zeitraum hat.

»Mit den kurzlebigen klimawirksamen Stoffen halten wir eine wichtige Stellschraube in Händen«
(Astrid Kiendler-Scharr)

Gibt es darauf Hoffnung?

Hier halten wir mit den so genannten kurzlebigen klimawirksamen Stoffen eine wichtige Stellschraube in Händen. Die Summe aller kurzlebigen klimawirksamen Stoffe wie Methan, Kohlenwasserstoffe, Kohlenmonoxid oder Ruß hat bisher eine Erwärmung in gleicher Größenordnung wie CO2 verursacht. Wenn sie reduziert werden, reduziert sich auch die Erwärmung in relevantem Umfang. Das macht sich auch kurzfristig bemerkbar und kann so für eine Begrenzung der Erwärmung sorgen. Wie gesagt, jedes zehntel Grad macht hier einen Unterschied. Insofern ist es wichtig, dass ehrgeizige Ziele vereinbart werden.

Damit kommt dem Klimagipfel in Glasgow in diesem Herbst eine entscheidende Rolle zu. Ist diese Weltklimakonferenz mindestens so wichtig wie der historische Pariser Gipfel?

Das würde ich definitiv so unterschreiben. Wir müssen insgesamt darauf abzielen, dass sich alle Länder zur Klimaneutralität verpflichten. Da sind wir noch nicht. Zudem ist es wichtig, nicht nur ein Ziel zu haben, sondern auch die Schritte einzuhalten, die nötig sind, um es zu erreichen. Da ist noch vieles auszuhandeln und festzulegen. Das ist aber die Aufgabe der Politik. Wir werden in den nächsten zehn Jahren sehen können, ob wir uns so auf den Weg gemacht haben, wie das jetzt angezeigt ist. Das Argument, dass alles noch in so weiter Zukunft liegt, zieht nicht mehr. Für Deutschland heißt das übrigens, dass die Zeit wichtiger Entscheidungen genau mit der Amtszeit der nächsten Bundesregierung zusammenfällt.

Wie hoffnungsvoll sind Sie, dass Ihr Bericht bei den Entscheidungsträgern auf fruchtbaren Boden fallen wird?

Der Bericht ist ja auf Wunsch der Politik angefertigt worden, und die Zusammenfassung wird gerade gemeinsam abgestimmt. In der Abstimmung geht es nur um Kleinigkeiten. Die Politik hat in diesem Sinne keinen Einfluss darauf, was die wissenschaftliche Zusammenfassung und Bewertung ergibt. Doch gerade weil es diesen Abstimmungsprozess gibt, ist der IPCC etwas, das Wirkung hat, weil eben die Politik sich damit den Bericht zu eigen macht. Was das konkret bedeutet und welche konkreten Schritte daraus folgen müssen, wird sie dann letztlich in nationalen und internationalen Zusammenhängen ausbuchstabieren müssen.

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