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IPCC-Sachstandsbericht: Zu schlecht vorbereitet auf den Klimawandel

Der Klimawandel ist längst kein Problem der Zukunft mehr, sondern Realität, resümiert der zweite Teilbericht des Weltklimarats (IPCC). Die Autoren mahnen an, dass Anpassungsstrategien umso schwieriger werden, je mehr Zeit ungenutzt verstreicht. Die Aussagen im Überblick.
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"Wir leben in einer Ära des vom Menschen verursachten Klimawandels, und wir sind in vielen Fällen nicht auf die klimabedingten Gefahren vorbereitet, denen wir bereits heute gegenüberstehen", lautet die Botschaft von Vicente Barros, dem Kovorsitzenden der IPCC-Arbeitsgruppe 2, die heute ihren Beitrag zum fünften Sachstandsbericht in Yokohama vorstellte. Statt auf Zahlen setzten die Forscher und sonstigen Mitwirkenden verstärkt auf qualitative Aussagen: So fassen sie zusammen, was bereits passiert ist, was unter verschiedenen Szenarien zu erwarten ist, wie darauf reagiert werden könnte und wie sicher die Aussagen getroffen werden können.

Im ersten Teil des Berichts geht es um die bereits offensichtlichen Folgen des Klimawandels: Abschmelzende Gletscher beeinflussen die Wasserversorgung in den Einzugsgebieten, Permafrostböden tauen. Für viele Arten haben sich die Grenzen ihrer Verbreitungsgebiete verschoben, bisher seien dadurch aber nur wenige Spezies ausgestorben – direkt danach der Hinweis, dass weit langsamere Klimaveränderungen in den vergangenen Jahrmillionen mehrfach zu Massenaussterben geführt haben.

Die Ärmsten trifft es am härtesten

Die Auswirkungen auf die Landwirtschaft erwiesen sich als mehr negativ denn positiv. So ist die Weizen- und Maisernte in vielen Regionen der Welt zurückgegangen, der Einfluss auf die Reis- und Sojaernte war geringer. Explodierende Preise nach klimabedingten Ernteeinbußen in Produktionszentren zeigen allerdings, wie empfindlich die Märkte auf die Folgen von Klimaunbill reagieren.

Der Einfluss auf die menschliche Gesundheit sei bisher gering im Vergleich zu anderen Faktoren und auch schlecht zu bezifferen, jedoch gebe es eine Zunahme von hitzebedingten Todesfällen bei gleichzeitiger Abnahme kältebedingter Mortalität in manchen Regionen. Außerdem verschob sich die Verbreitung von Erkrankungen durch Parasiten und Erreger, die an Wasservorkommen gebunden sind.

Insbesondere von den Folgen des Klimawandels betroffen sind Menschen, die auf Grund vielfältiger sozialer, gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Faktoren bereits in einer schlechteren Ausgangsposition sind. Bewaffnete Konflikte erschweren es zudem, notwendige Anpassungsprozesse umzusetzen.

Was droht uns in der Zukunft?

Die bereits bekannten Probleme werden sich weiter verschärfen, insbesondere hinsichtlich der Trinkwasser- und Nahrungsmittelversorgung. In küstennahen Gebieten drohen vermehrt Überflutungen, auf der anderen Seite werden Dürreperioden in den trockenen Gebieten der Subtropen den Kampf um die Ressource Wasser intensivieren.

In Szenarien mit anhaltend mittleren oder hohen Treibhausgasemissionen steigt die Gefahr für abrupte und unumkehrbare Veränderungen in Zusammensetzung, Struktur und Funktion von Ökosystemen. Besonders gefährdet davon sind die arktische Tundra und der amazonische Regenwald. Das Risiko der Freisetzung von Kohlendioxid aus Wäldern, Permafrost und Mooren steigt. Viele Arten werden mit der Verschiebung der Verbreitungsgrenzen nicht mithalten können, oder sie finden kein Ausweichgebiet, weshalb das Aussterberisiko zunimmt.

Saure Aussichten für Korallenriffe

Auch in den Ozeanen wird sich mit der Erwärmung die Verbreitung von Fischarten verschieben, dies wird insbesondere in den Tropen und halb abgeschlossenen Ozeanbecken negative Folgen haben. Ausdehnen werden sich auch die sauerstofffreien "Todeszonen". Ab 2100 erwarten die Forscher eine Abnahme der Primärproduktion in den offenen Ozeanen. Unter Szenarien mit mittleren bis hohen Treibhausgasemissionen wird die Ozeanversauerung ein deutliches Problem, vor allem in den Polarregionen und an Korallenriffen.

Im Punkt Ernährungssicherheit sind die Studienergebnisse für die erste Hälfte des 21. Jahrhunderts nicht ganz eindeutig: Einige Studien zeigen zunächst sogar eine Zunahme der Erträge. Ab 2050 jedoch verstärken sich die Risiken für Ernteeinbußen und größere Variabilität von Jahr zu Jahr – und das zu einer Zeit, in der eine wachsende Weltbevölkerung zu einer massiven Steigerung des Bedarfs führt.

Auswirkungen auf die Wirtschaft und die Gesundheit

Für die meisten Wirtschaftsbereiche sei der Einfluss anderer Faktoren wie Bevölkerungsstrukturen, Technologien, Gesetze und auch die Rolle der Regierung wahrscheinlich größer als der Klimawandel, so die Autoren in ihrer Zusammenfassung für Entscheidungsträger. Daher wagen sie als Prognose, dass es bei einem weiteren Temperaturanstieg um zwei Grad zu Einbußen von 0,2 bis 2 Prozent kommen könnte. Allerdings sei das eher niedrig geschätzt, und bei anderen Emissionsszenarien würden die negativen Effekte weitaus dramatischer ausfallen.

Bestehende Gesundheitsprobleme werden sich verschärfen, insbesondere in den Entwicklungsländern. Hitzewellen und Feuer werden mehr Todesfälle, Verletzungen und Krankheiten verursachen, die Unterernährung wird zunehmen. Zu den dringlichsten Aufgaben zählt, den Zugang zu sauberem Trinkwasser und grundlegender medizinischer Versorgung (darunter auch Impfkampagnen) zu sichern, insbesondere für Kinder. Zudem sind Programme wichtig, mit denen schnell auf Umweltkatastrophen reagiert werden kann.

Klimawandel treibt Menschen in die Flucht

Und der Klimawandel treibt Menschen in die Flucht, betonen die Autoren. Genaue Zahlen seien hier nicht möglich, da die Faktoren für Migrationsbewegungen zu komplex sind, um verlässliche Daten zu gewinnen. Dazu kommt, dass der Klimawandel bereits bestehende Risiken für gewalttätige Auseinandersetzungen, Bürgerkriege und andere Konflikte verschärft.

Angesichts all dieser bereits bekannten und vielfach diskutierten Prognosen reichen die bisherigen Anpassungsstrategien bei Weitem nicht aus, insbesondere wenn sie nicht mit Maßnahmen gekoppelt werden, um den Treibhausgasausstoß zu reduzieren, so die Forscher. Außerdem sei es wichtig, auch weitere, nicht klimatische Faktoren in den Strategien zu berücksichtigen – wie Armutsbekämpfung, verbesserte Gesundheitsfürsorge oder auch Verstädterung und die Änderung von Bevölkerungsstrukturen.

14. KW 2014

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 14. KW 2014

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