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IPCC-Sachstandsbericht: Entscheidende Jahre für die Welt

Der neue IPCC-Bericht ist so politisch wie nie zuvor. Und er fordert: Artenschutz ist Klimaschutz. Der Erhalt der Biodiversität sei so wichtig wie die Reduktion von Treibhausgasen.
Der Ronald-Reagan-Freeway führt durch ein Kalifornien, das nun ganz offiziell unter einer »Megadürre« leidet

Mehr Warnung geht nicht: Der Klimawandel treffe Mensch und Natur stärker als prognostiziert, und seine Folgen würden früher eintreten als prognostiziert: Das ist die Kernbotschaft des am Montag vorgelegten zweiten Teils des sechsten Sachstandsberichts des Weltklimarats (IPCC). Die Erderwärmung habe verheerende Folgen für alle Bereiche des Lebens. Darum müssten die Regierungen der 195 Staaten der Klimarahmenkonvention umgehend handeln.

Wie sich das Allerschlimmste noch verhindern lässt, skizzieren die weltweit führenden Klimaexperten in Form von Lösungsansätzen: Naturschutz steht für sie auf Augenhöhe mit der Reduktion von Treibhausgasen, auch eine größere soziale Gerechtigkeit sehen sie als entscheidende Voraussetzungen dafür an, einen lebenswerten Planeten für alle zu erhalten. Der bislang politischste aller sechs IPCC-Berichte gibt den Staaten Rückenwind, die bei der bevorstehenden Weltbiodiversitätskonferenz den Schutz von mindestens 30 Prozent der Erde und der Ozeane durchsetzen wollen.

»Alles Leben auf der Erde – von den Ökosystemen bis zur menschlichen Zivilisation – ist durch den Klimawandel gefährdet«, heißt es in dem Bericht, der IPCC-Arbeitsgruppe II, der sich mit »Folgen, Anpassungen und Verwundbarkeit« durch den Klimawandel befasst. »Sowohl das Ausmaß des Klimawandels als auch die Schwere seiner Folgen sind größer als in früheren Bewertungen angenommen«, bilanzieren die Wissenschaftler. Wo sich bereits Veränderungen zeigen, lassen sie sich immer eindeutiger dem Klimawandel als Ursache zuordnen.

»Halbe Sachen sind keine Option mehr«

Schon im ersten Teil des neuen Sachstandsberichts des IPCC, der im August 2021 erschienen ist, hatten die Autorinnen und Autoren deutlich gemacht, dass sich die Welt auf eine Zeit mit sehr viel mehr Stürmen, Bränden, Dürren und Hochwasserkatastrophen einrichten muss – selbst dann, wenn es doch noch gelingen sollte, die Erderwärmung auf weniger als 1,5 Grad zu beschränken. Nun bekräftigt der Rat die Warnung, dass sich das Zeitfenster zum Handeln immer schneller schließe. »Dieser Bericht ist eine eindringliche Warnung vor den Kosten der Passivität«, sagt IPCC-Chef Hoesung Lee. »Halbe Sachen sind keine Option mehr.« Auch der Vorsitzende der Arbeitsgruppe II, Hans-Otto Pörtner, sieht als »die ganz dicke Botschaft« des neuen Berichts, »dass sich das Zeitfenster zum Handeln schließt und wir keine Zeit haben zu warten«.

Was die Staaten in den Jahren bis 2030 beschließen und umsetzen, würde darüber entscheiden, wie hart der Klimawandel ausfalle, sagt Pörtner. Fortschritte sieht die Arbeitsgruppe II am ehesten noch bei den Anpassungsmaßnahmen, mit denen sich Staaten und Gemeinschaften vor den Folgen der Erwärmung schützen. Diese seien aber regional zu unterschiedlich verteilt und insgesamt nicht ausreichend.

Trocken gefallenes Wasserreservoir in Indien | In vielen Regionen wird die Menschheit mit Wassermangel zu kämpfen haben. Gleichzeitig steigt die Wahrscheinlichkeit von Extremwetterlagen mit verheerenden Überflutungen.

Die Hälfte der Erdbevölkerung lebt im Risiko

Während die Arbeitsgruppe I für ihren Bericht im Sommer 2021 neue Temperaturszenarien entwickelte und die Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens berechnete, hatten die 270 Autorinnen und Autoren der Arbeitsgruppe II einen anderen Arbeitsauftrag: Sie beschreiben in ihrem Bericht, wie sich die Klimaveränderungen auf die Umwelt auswirken und welche Erfolgschancen die verschiedenen Maßnahmen zur Anpassung an die nicht mehr abwendbaren Folgen haben. Dazu haben die Fachleute aus 67 Ländern mehr als 34 000 wissenschaftliche Studien ausgewertet.

»Die Risiken des Klimawandels sind größer, als wir bisher gedacht haben«, erläutert Pörtner. Dies gelte für alle Weltregionen und in allen Lebensräumen – »in den Tiefen der Ozeane ebenso wie auf den Gipfeln der höchsten Berge, in ländlichen Gebieten ebenso wie in den Städten«, stellt der Bericht fest. Dabei sind die Gefahren nicht gleichmäßig verteilt: In vielen ärmeren Ländern und den besonders betroffenen Regionen bedrohe der Klimawandel das gesamte Gemeinwesen eines Staats. In den entwickelteren Staaten dagegen zeichne sich ab, dass vor allem einzelne Gruppen leiden werden. Dazu zählen etwa marginalisierte und sozial schwächere Schichten. Kommen dann noch innere Konflikte hinzu wie in Syrien oder Afghanistan, dann sei das Risiko besonders hoch. Insgesamt leben dem Bericht zufolge derzeit bis zu 3,6 Milliarden Menschen in einem Umfeld, das durch den Klimawandel stark gefährdet ist. Das ist fast die Hälfte der Weltbevölkerung.

Selbst im optimistischsten Szenario, in dem der globale Temperaturanstieg auf 1,5 Grad gebremst wird, müsse sich die Welt in den nächsten zwei Jahrzehnten auf noch mehr Dürren, Hochwasser und Großbrände einstellen. Jedes weitere Zehntelgrad verschlimmere diese Auswirkungen weiter – einige davon wird die Menschheit dann sogar nicht mehr rückgängig machen können. Daher seien die nächsten Jahrzehnte entscheidend, um die Klimaanpassung voranzutreiben. Dies gelte besonders für Städte, in denen bereits jetzt die Hälfte und bald 70 Prozent aller Menschen leben. Als zentrale Anpassungsmaßnahmen nennen die IPCC-Experten Veränderungen beim Hausbau, die Begrünung von Städten, eine Abkehr vom Individualverkehr und eine größere soziale Gerechtigkeit, um einen gleichberechtigten Zugang zu Gütern zu schaffen, die durch die Klimakrise in einigen Regionen knapp würden: etwa Wasser, Gesundheitsversorgung und Lebensmittel.

»Die gute Botschaft: Wir können etwas tun und viel erreichen, wenn wir rasch handeln«(IPCC-Leitautorin Daniela Schmidt)

Viele Risiken auch für Europa

»Europa erwärmt sich schneller als der globale Durchschnitt«, betont die Leitautorin des Europa-Kapitels Daniela Schmidt. Die Liste der Kernrisiken ist lang: Durch Hitzewellen werden mehr Menschen sterben, die Landwirtschaft wird unter Hitzestress und Dürren leiden, die Gemeinden unter Wassermangel einerseits und häufigeren Hochwasserlagen anderseits. Küstenregionen müssen mit dem Anstieg des Meeresspiegels rechnen.

Auch hier wachse die Gefahr wie in anderen Bereichen mit jedem Zehntelgrad Temperaturerhöhung deutlich, rechnet der Sachstandsbericht vor: Steigt die Erwärmung um 3 Grad Celsius, seien dreimal so viele Hitzeopfer zu erwarten wie bei einer Begrenzung des Anstiegs auf 1,5 Grad. Steige sie gar über die drei Grad hinaus, stoße Europa an die Grenzen der Anpassungsfähigkeit sowohl jedes einzelnen Menschen wie auch des Gesundheitssystems, warnt der Report. Für viele Tier- und Pflanzenarten hier zu Lande ist dagegen schon bei einem 1,5-Grad-Anstieg die Grenze der Anpassungsfähigkeit überschritten. Die Folge: Mit ihrem Lebensraum verschwinden auch die Arten selbst oder werden seltener, die Artenzusammensetzung der europäischen Ökosysteme an Land und im Meer werden sich dauerhaft und irreversibel verändern. In ganz Europa wird nach Einschätzung der Fachleute die Waldbrandgefahr steigen. Auch das gefährde die Artenvielfalt und führe zu zusätzlichen Treibhausgasemissionen.

Um besser mit den zu erwartenden Rekordtemperaturen klarzukommen, schlagen die Experten unter anderem vor, die Innenstädte stärker zu begrünen, sparsamer mit Wasser umzugehen, zum Beispiel durch eine verbesserte Wasseraufbereitung und den Anbau weniger wasserzehrender Kulturen in der Landwirtschaft. Im Hochwasserschutz sollten die europäischen Länder verstärkt auf naturbasierte Methoden setzen, etwa den Schutz von Auen. Dadurch würden Städte vor Hochwasser geschützt, die Artenvielfalt erhalten und Kohlenstoff in der Natur eingelagert.

Das sind nun wahrlich keine ganz neuen Ideen. Seit Jahren sind sie im Gespräch und in der Planung. Doch getan worden sei bislang zu wenig, zumindest in vielen Teilen Europas, warnt die IPCC-Arbeitsgruppe II. Insbesondere für das Szenario eines Anstiegs um mehr als 1,5 Grad. »Die gute Botschaft unseres Berichts ist aber: Wir können etwas tun und viel erreichen, wenn wir rasch handeln«, sagt Schmidt.

Schulterschluss zwischen Klima- und Biodiversitätsschutz

So ausführlich wie kein IPCC-Bericht zuvor beschäftigt sich der Report mit der Wechselwirkung von Klimawandel und Artensterben. Erfolgreich lasse sich der Klimawandel nur dann bekämpfen, wenn gleichzeitig auch die Ökosysteme geschützt und die biologische Vielfalt erhalten werde. Wo Wälder gerodet, Moore entwässert und Ökosysteme ausgebeutet werden, verliere die Natur ihre Fähigkeit, Treibhausgase zu speichern. Doch von dieser natürlichen Speicherwirkung ist die Menschheit abhängig: Ohne die Fähigkeit der Regenwälder, Moore und Ozeane, große Mengen an CO2 aus der Atmosphäre zu ziehen, wäre die globale Durchschnittstemperatur bereits jetzt schon in Schwindel erregende Höhen gestiegen. Verlieren diese Ökosysteme diese Wirkung, wird die Menschheit ihren Treibhausgasausstoß noch radikaler reduzieren müssen.

Wiederanpflanzung von Mangroven in Thailand | Der Erhalt der Ökosysteme hat doppelte Wirkung: So werden nicht nur Arten vor dem Aussterben bewahrt, intakte Habitate speichern auch Treibhausgase, allen voran Kohlenstoffdioxid.

Moore und Wälder – das sind in den Augen des Weltklimarats die Verbündeten im Kampf gegen den Klimawandel. Der Biodiversitätsschutz stehe auf Augenhöhe mit der Verringerung des Treibhausgasausstoßes.

Darum plädiert der IPCC in seinem neuen Sachstandsbericht für eine Konzentration auf einen naturbasierten Klimaschutz. Das Konzept sieht vor, solche Lebensräume zu erhalten, die einerseits überlebenswichtige Refugien für viele Tiere und Pflanzen darstellen und andererseits große Mengen von Kohlenstoff speichern. Das sind an Land etwa alte Wälder, Moore oder Grünland und in Küsten- und Meereslebensräumen Seegraswiesen oder Mangrovenwälder. Wissenschaftler gehen davon aus, dass über naturbasierte Lösungen etwa ein Drittel der Treibhausgaseinsparungen erreicht werden können, die für das Erreichen des 1,5-Grad-Ziels nötig sind. Dies gelte aber nur, wenn gleichzeitig sofort der Treibhausgasausstoß radikal reduziert werde. Auch die neue Bundesumweltministerin Steffi Lemke hat in diesem Sinn die Vorlage eines milliardenschweren Aktionsplans zum naturbasierten Klimaschutz angekündigt.

»Es gibt immer mehr Belege dafür, dass die Klimarisiken für den Menschen durch die Stärkung der Natur verringert werden können«, begründet der IPCC sein Plädoyer für naturbasierte Lösungen. Auch in Städten könne durch mehr Parks, Teiche und Straßenbegrünung Abkühlung und Lebensqualität gleichzeitig erreicht werden.

Der IPCC spricht sich in diesem Zusammenhang dafür aus, 30 bis 50 Prozent der Erdoberfläche für die Natur zu reservieren. Er stützt damit eine Kernforderung zahlreicher Staaten für die bevorstehende Weltbiodiversitätskonferenz.

Schlechte Aussichten für Eisbären, Robben und Pinguine

Dürre, Überschwemmungen und Hitzewellen setzten Tieren und Pflanzen aber bereits heute klimatischen Bedingungen aus, die sie seit mindestens Zehntausenden von Jahren nicht erlebt hätten. Auf ihrer Hitzeflucht wanderten alle Organismen, die es noch können, immer schneller in Richtung der Pole, die Berge hinauf oder in tiefere Gewässer. So verschob sich der Verbreitungsschwerpunkt der europäischen Vogelarten in den letzten 30 Jahren im Mittel um 28 Kilometer nordwärts, also etwa um einen Kilometer pro Jahr. »Viele Arten stoßen an die Grenzen ihrer Anpassungsfähigkeit an den Klimawandel, und diejenigen, die sich nicht schnell genug anpassen oder bewegen können, sind vom Aussterben bedroht«, konstatiert der Bericht. Unklar sei, wann die Ökosysteme die besonders gefürchteten Kipppunkte überschreiten. Aber im Grundsatz gelte: Je mehr und stärkere Extremereignisse es gebe, desto eher würden die kritischen Schwellen erreicht. Studien haben gezeigt, dass klimawandelbedingte Abwärtsspiralen bereits bei viel geringeren Störungen einträten, als die Wissenschaft es noch vor Kurzem erwartet habe.

Anpassung an die Hitze | Klimaanlagen auf dem Dach verschärfen durch ihren Energieverbrauch die Klimakrise schlimmstenfalls sogar. Um sich gegen steigende Temperaturen zu wappnen, fordert der IPCC unter anderem die Begrünung von Innenstädten und Dächern.

Als realistisch halten viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler derzeit eine Erwärmung um 2 Grad. Das hieße aber, dass innerhalb der Lebensspanne eines heute neugeborenen Menschen fast jede fünfte an Land lebende Tier- und Pflanzenart vom Aussterben bedroht wäre. Viele Arten der Polarregionen wie Pinguine, Robben und Eisbären sind ebenso wie die tropischen Korallenriffe und Mangrovenwälder sogar noch unter dieser Grenze ernsthaft bedroht, warnt der Bericht. Erwärmt sich die Erde bei ungebremst hohem Treibhausgasausstoß sogar um 4 Grad stünde jede zweite Pflanzen- oder Tierart innerhalb eines Menschenlebens vor dem Aus.

Dreiklang für »klimaresiliente Entwicklung«

Als »Lösungsweg« schlägt der IPCC einen Dreiklang aus Anpassungsmaßnahmen, einem strikten Reduktionskurs von Treibhausgasemissionen und der Erhaltung der Natur vor. Diese drei Komponenten bildeten gemeinsam den Kern einer »klimaresilienten Entwicklung« und müssten in das Zentrum aller politischen Entscheidungen gestellt werden – in der kleinen Kommune genauso wie im großen Staatenbündnis.

Der Klimarat wirkt im Bericht seiner Arbeitsgruppe II so politisch wie nie zuvor. Bei den zweiwöchigen virtuellen Verhandlungen über die rund 35 Seiten starke Zusammenfassung für die Politik hat es Insidern zufolge vernehmlich geknirscht, was sich auch in der Verzögerung der Veröffentlichung niedergeschlagen hat. Das ist kein Wunder, denn diese Zusammenfassung muss von den Regierungsvertretern sämtlicher IPCC-Mitgliedsländer einstimmig mitgetragen werden. Und ganz ähnlich wie bei den derzeit laufenden Verhandlungen zum neuen Weltbiodiversitätsabkommen lassen sich aus den Befunden der Arbeitsgruppe II direkte Forderungen an die Politik ableiten, etwa die nach Unterschutzstellung von Teilen der Erde oder einem Abholzungsstopp in Wäldern.

Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe II seien »politikrelevanter als die Verhandlungen über die physikalischen Grundlagen der Erderwärmung«, sagt Pörtner diplomatisch. Themen wie das Verhältnis zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, des Naturschutzes und der historischen Verantwortung für die Klimakrise hätten im Hintergrund eine Rolle gespielt, »und die Länder haben da ihre politischen Interessen auf den Tisch gepackt.«

Und auch der Krieg in der Ukraine hat die Verhandlungen nicht unberührt gelassen. Zwar gebe der IPCC als Institution keine Stellungnahme zu diesem politischen Konflikt ab, um den Klimadialog aller beteiligter Staaten nicht zu gefährden, sagt Pörtner. »Das Leiden der Menschen in der Ukraine wurde aber natürlich wahrgenommen«, betonte er. Die ukrainische Delegation habe die Lage im Land sehr eindringlich geschildert und dafür sehr viel Solidarität erfahren. Auch von russischer Seite gab es Pörtner zufolge Solidaritätsbekundungen, »die sehr deutlich gemacht haben, dass das Handeln der Regierung nicht unbedingt die Vorstellungen des gesamten Landes widerspiegelt«.

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