Intelligenz-Irrtümer: 7 Fragen an den IQ

1. Warum ist uns der IQ so wichtig?
Intelligenz ist ein hoch emotionales Thema. Schließlich gibt sich niemand gern die Blöße, auf diesem Gebiet minderbemittelt dazustehen. Für die meisten ist es leichter zu akzeptieren, dass man vielleicht nicht supersportlich ist, eher durchschnittlich aussieht oder nicht so viel verdient wie der Nachbar. Geht es aber um unseren IQ, so reagieren wir empfindlich. Nicht von ungefähr kanzelt US-Präsident Donald Trump missliebige Personen mit dem Hinweis ab, der- oder diejenige sei »a low IQ person« – jemand mit niedrigem IQ.
Dagegen stärkt der Glaube an die eigene Brillanz Selbstvertrauen und Wohlbefinden. Sich für schlau zu halten, fühlt sich gut an und fördert narzisstische Gefühle, wie der Psychologe Marcin Zajenkowski von der Universität in Warschau und sein Kollege Gilles Gignac in einer Studie von 2021 zeigten. Die Forscher teilten manchen ihrer Probanden mit, sie hätten höchstwahrscheinlich einen sehr hohen IQ. Wie ein danach eingestreuter Persönlichkeitsfragebogen offenbarte, hielten sich diese Testpersonen anschließend eher für »einzigartig«. War der eigene IQ dagegen vermeintlich eher dürftig, dämpfte dies das Ego.
Auf kaum einem Gebiet ist das Wunschdenken so ausgeprägt wie auf dem der Intelligenz. So wurde der »above average effect« – die Überzeugung vieler Menschen, sie seien »besser als der Durchschnitt« – erstmals bei der IQ-Selbsteinschätzung beschrieben. David Dunning, damals an der Cornell University, und sein Doktorand Justin Kruger baten in ihrer berühmten Studie von 1999 Versuchspersonen zu einem Intelligenztest. Zudem sollten die Probanden ihr eigenes Abschneiden prognostizieren.
Personen mit hohem IQ lagen dabei im Allgemeinen nahe an ihrem wahren Wert oder unterschätzten sich ein wenig. »Low-Performer« dagegen überschätzten ihre Fähigkeiten regelmäßig.
Dunning und Kruger erklärten dies so: Nicht sehr helle Köpfe übersehen ihre Inkompetenz leicht – denn genau das, was hilft, im Test gut abzuschneiden, fördert auch eine realistische Selbsteinschätzung.
Andere Psychologen vermuteten zwar, die Erklärung könnte zumindest teils statistischer Natur sein. Denn sowohl Menschen auf hohem als auch auf niedrigem Niveau neigen im Selbsturteil eher zur Mitte hin. Doch wie dem auch sei, Dunning und Kruger verwendeten den IQ in dem Experiment vor allem deshalb, weil er zu den verlässlichsten Persönlichkeitsmaßen überhaupt gehört.
2. Was misst der IQ überhaupt?
Der IQ existiert seit mehr als 100 Jahren und hat im Lauf der Zeit manche Wandlung durchgemacht. Die Grundidee aber blieb gleich: Man misst die geistige Kapazität von Menschen in diversen Bereichen (Logik, Mathematik, Sprache, räumliches Vorstellungsvermögen und so weiter), indem man ihnen eine Batterie standardisierter Aufgaben vorlegt. Diese wurden zuvor von vielen repräsentativ ausgewählten Menschen bearbeitet – der »Eichstichprobe« – und das resultierende statistische Mittel wird der Definition nach auf 100 Punkte festgelegt.
Werte unter 100 zählen somit zur unteren Hälfte der Verteilung, solche darüber zur oberen. Wobei es mit wachsender Distanz zur Mitte immer weniger Vertreter gibt: Sehr hohe oder sehr niedrige IQ-Werte sind selten.
Im Jahr 1904 stellte der französische Psychologe Alfred Binet (1857–1911) gemeinsam mit seinem Kollegen Théodore Simon (1873–1961) einige Aufgaben zusammen, um abzuschätzen, wann ein Schulkind seinen Altersgenossen geistig voraus war oder hinterherhinkte. Die Forscher legten die Liste Tausenden Schulkindern verschiedenen Alters vor, um für jeden Jahrgang ein alterstypisches Niveau zu bestimmen. Löste nun etwa ein Achtjähriger Aufgaben für Neun- oder gar Zehnjährige, so war sein »Intelligenzalter« entsprechend höher.
Rund eine Dekade später teilte der deutsche Psychologe William Stern (1871–1938) das Intelligenzalter durch das Lebensalter von Schülern und erhielt so einen »Quotienten«, der bei größer 1 einen überdurchschnittliches, bei kleiner 1 ein unterdurchschnittliches Leistungsvermögen anzeigte. Mit 100 multipliziert ergab das später die Grundform des heutigen IQ.
Das bedeutet aber: Der IQ ist relativ! Anders als Körpergröße oder Gewicht bemisst sich Intelligenz nicht an einer objektiven Skala, sondern allein an der Verteilung bestimmter Leistungen in einer großen Stichprobe. Verändert man diese oder modifiziert die Testaufgaben, dann hat das Auswirkungen auf den individuellen IQ.
So hätte ein heute mittelintelligenter Mensch bei Testung vor 100 Jahren wohl weit überdurchschnittlich abgeschnitten, weil das Intelligenzniveau insgesamt anstieg. Diesen Zuwachs in den entwickelten Industrieländern beschrieb erstmals der Sozialforscher James Flynn 1984, weshalb er heute als »Flynn-Effekt« bekannt ist. Laut einer Auswertung der Wiener Psychologen Jakob Pietschnig und Martin Voracek stieg der durchschnittliche IQ zwischen 1909 und 2010 um schätzungsweise 30 Punkte.
Bei dieser für Kinder konzipierten Variante des IQ-Tests kamen vor allem physische Objekte zum Einsatz. Während der Testung mussten die Kinder zum Beispiel Formen zuordnen, Objekte benennen und Gemeinsamkeiten erkennen. Der zugehörige Holzkasten enthielt unter anderem haptische Puzzles, Spielzeug und Bildkarten.
Auch individuell kann der IQ schwanken, abhängig etwa von der Tagesform, von Lerneffekten oder vom Zufall. Das bedeutet allerdings nicht, dass der IQ beliebig wäre – solange man seriöse, an vielen Menschen erprobte Verfahren verwendet. Die Intelligenzmessung ist in der Persönlichkeitsforschung inzwischen gut etabliert, standardisiert und reliabel. Das heißt, bei Testwiederholung kommt eine Person zu ähnlichen Resultaten, die meist nur um bis zu fünf Punkte abweichen. Dabei sind manche Fähigkeiten wie das Gedächtnis grundsätzlich ausbaufähiger als andere, etwa das Tempo der Reizverarbeitung.
Eine Ausnahme bilden Kinder und Jugendliche: Wie Trierer IQ-Forschende um Moritz Breit nach Auswertung von mehr als 200 Langzeitstudien berichteten, ist die Intelligenzmessung bei Minderjährigen eher eine Momentaufnahme, denn ihr Gehirn reift noch. Das macht eine frühe Selektion auf Basis von IQ-Werten fragwürdig. Doch ab einem Alter von etwa 20 Jahren hängen selbst im Abstand von mehreren Jahren erhobene Testresultate derselben Person sehr eng zusammen.
Laien halten einen derart stabilen IQ oft für genetisch festgelegt: Entweder man hat’s drauf oder eben nicht – und entsprechend hat man einen IQ von 112 oder, ach, nur 95. Warum das ein Trugschluss ist, erfahren Sie unter Punkt 6.
3. Gibt es verschiedene Formen von Intelligenz?
Der vermeintlich schicksalhafte IQ provoziert eine Reihe von Gegenreaktionen – etwa die Idee, Logik und abstraktes Denken seien nicht die einzigen Formen von »Intelligenz«. Vielmehr gebe es ganz verschiedene Intelligenzen, und jemand mit hohem »Denk-IQ« sei etwa auf sozialem oder künstlerischem Gebiet häufig eine Pfeife. Beide Annahmen werden von den empirischen Fakten jedoch nicht gestützt.
In einer 2021 veröffentlichten Studie baten die Persönlichkeitsforscher Adrian Furnham und George Horne knapp 300 Teilnehmende, eine Liste von Aussagen über den IQ auf ihre Glaubwürdigkeit hin zu bewerten. Neun von zehn Befragten bejahten die Annahme, der »menschliche Geist verfüge über mehrere Intelligenzen« (63 Prozent hielten das für »definitiv wahr«, 27 für »wahrscheinlich wahr«).
Der 1943 geborene US-amerikanische Erziehungswissenschaftler prägte die Theorie der multiplen Intelligenzen. 1983 erschien sein Bestseller »Abschied vom IQ. Die Rahmen-Theorie der vielfachen Intelligenzen« (englisches Original: »Frames of Mind: The Theory of Multiple Intelligences«).
Die Inflation begann 1983 mit der »Theorie der multiplen Intelligenzen« des US-amerikanischen Erziehungswissenschaftlers Howard Gardner. Dessen Buch »Frames of Mind« trug in deutscher Übersetzung den vielsagenden Titel »Abschied vom IQ«. Neben etablierten Kategorien wie der visuell-räumlichen, der verbalen oder der mathematischen Intelligenz postulierte Gardner eine interpersonale (zwischenmenschliche) sowie eine intrapersonale Intelligenz, die für ihn die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis beschrieb. Zudem gebe es noch eine existenzielle, auf Sinnerleben bezogene Intelligenz. Allerdings fehlten seinen Konstrukten klare Kriterien, sodass sie nebulös blieben.
1995 propagierte der Psychologe und Journalist Daniel Goleman in seinem Buch »EQ« die emotionale Intelligenz als sympathischen Gegenpol zum abstrakten Denken. Und bis heute werden immer wieder neue Intelligenzen ausgerufen – von der praktischen über die sexuelle und spirituelle bis hin zur Wohlbefindens- oder Darmintelligenz. Nichts davon meint kognitive Fähigkeiten im engeren Sinn. »Intelligent« bedeutet hier einfach so viel wie »gut« oder kompetent – worin genau auch immer.
Die vermeintliche Fülle der Intelligenzen erinnert an das berühmte Verdikt aus Lewis Carrolls »Alice im Wunderland«, wo der Vogel Dodo nach einem Wettstreit verkündet: »Alle Tiere haben gewonnen und alle sollen einen Preis bekommen.« Betrachtet man den IQ als potenzielle Bedrohung für das Selbstwertgefühl von Menschen, mag man den Drang verstehen, sich eine alternative Form von Intelligenz zu sichern. »Okay, ich bin vielleicht kein Mathecrack, aber ich kann super zuhören! Mein Wortschatz ist sicher nicht riesig, doch basteln kann ich besser als die meisten.« Wissenschaftlich ist empathisches Zuhören oder handwerkliches Geschick zwar etwas ganz anderes als »Intelligenz«, für das Selbstverständnis vieler Menschen aber ist ein solches Labeling attraktiv. Wo Intelligenz draufsteht, kann nur etwas Gutes dahinterstecken!
4. Gründet beruflicher Erfolg auf einem hohen IQ?
Ein weiteres Vorurteil besagt, Intelligenz beeinflusse das Leben von Menschen nicht so stark, wie Forschende meinen. Die Bedeutung des IQ werde überschätzt, denn Erfolg und Karriere seien am Ende eher an die soziale Herkunft, familiäre Bedingungen, Beziehungen oder an andere Ressourcen geknüpft.
Mehrere große Metaanalysen der letzten Jahrzehnte legen allerdings nahe, dass Intelligenz wohl doch einen beträchtlichen Teil – genauer gesagt rund ein Drittel – der Unterschiede im beruflichen Erfolg zwischen Menschen erklärt. Das ergab etwa die Überblicksarbeit von John Hunter von der Michigan State University und seinem Kollegen Frank Schmidt aus dem Jahr 1996. Eine Auswertung von mehr als 200 Studien durch den Psychologen Jochen Kramer von der Universität Bonn bestätigte dies 2009.
Manche wenden dagegen ein: Was ist mit Selbstdisziplin? Mit sozialer Kompetenz? Ehrgeiz? Wille? Zählt das alles nichts? Doch, natürlich. Nur weniger. Oder auch sie sind teils Nebeneffekte höherer Intelligenz. Ein hoher IQ ist zwar weder unverzichtbare Voraussetzung noch Garant für Erfolg im Leben, aber er erhöht die Chance darauf mehr als alle anderen bekannten Persönlichkeitsfaktoren.
»Intelligenz wirkt als Schutzfaktor gegenüber negativen Lebensereignissen«Elsbeth Stern, Psychologin
Die Psychologin Elsbeth Stern von der ETH Zürich erklärt: »Intelligenz wirkt als Schutzfaktor gegenüber negativen Lebensereignissen.« Demnach sind schlaue Menschen besonders gut, mögliche Risiken, aber auch ihre Mitmenschen einzuschätzen – und handeln folglich vorausschauender.
Eine weitere populäre Kritik am IQ lautet: Warum müssen wir Menschen überhaupt in Kategorien wie »besser« und »schlechter« einsortieren? Sind am Ende nicht alle gleich? In vielerlei Hinsicht sicher. Vor allem sollte man Menschen nicht grundlos diskriminieren, sie also realer Chancen berauben. Aber gerade wenn Menschen gleiche Chancen bekommen, entwickeln sie vermehrt unterschiedliche Kompetenzen. Da die Zahl der Studienplätze und anspruchsvoller Jobs nun einmal begrenzt ist, bietet der IQ zumindest einen Anhaltspunkt dafür, wer solche Herausforderungen eher meistert. Verabsolutieren sollte man den IQ dennoch nicht.
Denn: Psychologische Zusammenhänge sind allgemein eher schwach. Signifikante Effekte in Studien müssen somit nicht zwangsläufig immensen Einfluss im realen Leben haben. Ein Beispiel: Wer unter dem Einfluss von Rosenduft lernt, erinnert sich an das Gelernte unter demselben Geruch später leichter. Aber der Duft allein bringt einen nicht durchs Abi. Will sagen: Es gibt viele weitere interne und externe Faktoren, die zum Lernerfolg beitragen – etwa die Frustrationstoleranz oder pädagogische Unterstützung.
5. Gibt es eine universelle Intelligenz?
Der IQ unterliegt vielen Einflüssen. Eine Metaanalyse von Kevin Stanek und Deniz Ones aus dem Jahr 2023 über den Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Denkvermögen ergab, dass Merkmale wie Gewissenhaftigkeit, Extraversion und Leistungsorientierung eng mit ihm verflochten sind. Wer im IQ-Test brilliert, ist womöglich also einfach ehrgeiziger als andere, doch nicht grundsätzlich schlauer.
Intelligenz ist komplex. Sie umfasst Fähigkeiten in unterschiedlichen Bereichen. Die Forschung der vergangenen Jahrzehnte drehte sich viel darum, welche Bereiche das genau sind und wie sie zusammenwirken und sich gegenseitig bedingen. Manche Forscher, wie der US-Amerikaner Edward Boring (1886–1968), erklärten: Intelligenz ist das, was ein Intelligenztest misst!
Der Mathematiker gilt vielen bis heute als personifizierte Intelligenz. Der Legende nach verblüffte er bereits als Kind seinen Lehrer – mit einer ebenso einfachen wie genialen Lösung für eine Rechenaufgabe.
Denselben Verdacht – »IQ-Test misst nur, wie gut jemand darin ist, IQ-Tests zu absolvieren« – bestätigten in der Arbeit von Furnham und Horne 73 Prozent der Teilnehmenden. Noch radikaler – »Der Inhalt von IQ-Tests ist trivial und kann Intelligenz nicht messen« – sahen es immerhin noch 62 Prozent.
Auf den britischen IQ-Pionier Charles Spearman (1863–1945) geht die Idee zurück, es gebe einen generellen Faktor, der alle Intelligenzformen vereint. Diese wird »g« (für »general intelligence«) genannt. Heute gilt in der Tat als gesichert, dass viele Intelligenz-Domänen eng zusammenhängen: Wer einen großen Wortschatz besitzt, kann meist auch recht versiert rechnen. Wer ein großes Arbeitsgedächtnis hat, verfügt in der Regel auch über eine gute räumliche Vorstellungskraft.
Dennoch lehnen viele Laien die Existenz eines universellen Intelligenzfaktors ab. Womöglich, weil es dann eben doch nur eine Intelligenz gäbe? Stattdessen suchen sie nach versteckten Anzeichen von Intelligenz. So gibt es zahllose Berichte darüber, wie etwa gewisse Vorlieben und Gewohnheiten – eine bestimmte Art Vergesslichkeit, der persönliche Musikgeschmack oder häufig verwendete Redewendungen – den »wahren« IQ einer Person offenbaren. Irgendwo muss die Intelligenz ja stecken, nur erkennt sie halt bislang niemand.
Der einfachste Weg, herauszufinden, wie intelligent eine Person ist, lautet jedoch, Intelligenz dort auf die Probe zu stellen, wo man sie braucht. Bittet man Sie etwa, alle Zahlen von 1 bis 100 aufzusummieren, dann legen Sie vielleicht los: 1 + 2 = 3, + 3 = 6, + 4 = 10 … und so weiter. Nur wenigen fällt auf, dass das Addieren der vielen Zahlen dasselbe ist, wie 50 mal 100 zu rechnen (nämlich 0 + 100, 1 + 99, 2 + 98 und so weiter), plus die verbleibende 50 zwischen 49 und 51. Macht 5050!
So lässt sich das Problem binnen Sekunden lösen, was der neunjährige Carl Friedrich Gauss (1777–1855) einst seinem verdutzten Mathelehrer vorführte. Wie das Beispiel zeigt, geht es bei Intelligenz tatsächlich nicht nur um Logik. Es geht auch darum, über den Tellerrand zu blicken und kreative Lösungen zu finden.
6. Ist Intelligenz trainierbar?
Man muss aber nicht schlau geboren sein, wie das bei Gauss vermutlich der Fall war. Tatsächlich können wir den IQ trainieren. Dass unser kognitives Potenzial eben nicht ein für alle Mal festgelegt ist, sondern sich durch Beschäftigung mit kognitiven Aufgaben entwickelt, weckt freilich wiederum Misstrauen: Ist ein so veränderlicher IQ nicht sehr unzuverlässig? Müsste er nicht immer gleichbleiben, weil er von der Hardware im Gehirn abhängt?
Unterm Strich gibt es also zwei konträre Wege, sich der Last des IQ zu entledigen: Entweder man hält ihn für genetisch festgelegt, aber nicht sehr ausschlaggebend, oder man erklärt ihn für allzu flatterhaft und daher wertlos. Beides ist ein Irrtum.
Einerseits lässt sich das Intelligenzniveau insgesamt wie auch individuell selbstverständlich steigern. Schon allein mehrfaches Testen verbessert den IQ, weil man mit der Art der Aufgaben vertrauter wird. Viele IQ-Unterschiede wurzeln zudem in den Lebensbedingungen. Menschen in wohlhabenden Ländern sind im Schnitt besser ernährt, erhalten mehr Anregungen und Bildung als Kinder aus ärmeren Regionen. Ganz zu schweigen von den Schäden, die Gewalt und Kriege hinterlassen. Das bedeutet: Wenn sich die Bedingungen verbessern, steigt auch der IQ.
Andererseits hängt das Ausmaß der IQ-Erblichkeit von der Vergleichsgruppe ab. In Ländern mit einem guten Schulsystem können mehr Menschen ihre Talente entfalten. Folglich bestimmen eher die Gene als die Umwelt über verbleibende individuelle Unterschiede.
7. Macht uns KI dümmer?
Aktuell stellen sich viele die bange Frage: Werden wir immer dümmer? Immerhin delegieren zahlreiche Menschen ganz alltägliche Problemlösungen, die den Geist auf Trab halten, an Algorithmen und Apps. Unsere hoch technisierte Lebenswelt macht doch sicher nicht vor dem IQ halt, oder? Die Antwort darauf lautet: im Prinzip ja, aber!
Gemäß dem Grundsatz »Use it or lose it« (»Nutze die Fähigkeit oder du verlierst sie«) ist mit kognitiven Einbußen durch die zunehmende Nutzung von KI-Werkzeugen zu rechnen. Diese Kosten sind schwer zu beziffern, doch es erscheint plausibel und wird durch Daten gestützt, dass das Nichtnutzen geistiger Gaben diese schwächt.
Eine noch nicht begutachtete Studie von Nataliya Kosmyna und Kollegen am MIT in Cambridge (USA) ergab 2025: Studierende, die KI zum Schreiben eines Essays nutzten, zeigten eine geringere neuronale Konnektivität als Kommilitonen, die »nur mit ihrem Gehirn« schrieben. Mehr noch: Als die KI-Nutzer später einen Aufsatz ohne technische Unterstützung verfassten, aktivierten sie weiterhin weniger Hirnnetzwerke. Außerdem konnten sie sich an ihre Argumente schlechter erinnern als jene, die von Beginn an eigenständig formuliert hatten.
So nimmt es nicht wunder, dass gerade in Schulen und Universitäten die Angst vor weitreichenden Folgen des grassierenden KI-Einsatzes um sich greift. Tatsächlich kann KI das Lernen aber auch fördern – wenn man sie als Sparringspartner nutzt: indem man Fragen stellt, sich testet oder von der KI nur so viel erklären lässt, wie nötig ist, um den Rest selbst zu lösen. So oder so bleibt Lernen mit Anstrengung verbunden.
Der Wunsch, Anstrengungen und kognitive Belastung zu meiden, ist verständlich, wird aber einen Preis haben. Seit geraumer Zeit gibt es Hinweise auf einen Anti-Flynn-Effekt in westlichen Ländern: Die durchschnittlichen IQ-Werte in der Bevölkerung gehen demnach leicht zurück. Bildung, Gesundheitsversorgung und Ernährung haben vielfach ein Optimum erreicht, während die Digitalisierung gleichzeitig Kompetenzen verschiebt.
Laut Jakob Pietschnig von der Universität Wien ist kein genereller Rückgang des IQ-Niveaus zu erwarten, allenfalls auf einzelnen Feldern. Wenn Kopfrechnen nicht mehr geübt wird, nimmt diese Fähigkeit ab. Wenn wir Texte nicht mehr selbst schreiben oder Argumente strukturieren, fällt auch das mit der Zeit schwerer.
Wir sollten in jenen Bereichen der menschlichen Kognition mit einem Rückgang rechnen, die KI überflüssig macht. Wahrscheinlich erleben wir also eher einen Wandel des Intelligenzprofils. Was an sich auch gar nichts Neues ist: »Wir nutzen Intelligenz heute auf andere Weise als die Menschen vor 100 Jahren«, so IQ-Forscher Pietschnig. Wir lernen nicht mehr so viele Bibelstellen oder Elegien auswendig, dafür wechseln wir zwischen x verschiedenen Aufgaben und Informationsquellen pro Minute. Die sogenannte fluide Intelligenz nimmt demnach zu, das kristalline Wissen schrumpft.
Gut möglich, dass die Klugen mittels KI noch klüger werden und die »Dummen« dümmer. Eine solche Spaltung zwischen dem digitalen Fußvolk und einer technisch versierten Elite ist allerdings keine rosige Aussicht. In einer Demokratie sollte jeder zu halbwegs fundierten Urteilen fähig sein. Ein Schwinden des IQ – und sei es nur im Lesen oder Faktenprüfen – kann keine Gesellschaft brauchen.
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