Weltwirtschaft im Würgegriff: Diesel, Schwefel, Helium – die anderen Opfer der Blockade

Es sind nicht nur Öl und Gas, die am Nadelöhr des Persischen Golfs festhängen. Zwar bestimmen diese beiden Rohstoffe derzeit die Schlagzeilen rund um den Irankrieg, doch die nun unpassierbare Straße von Hormus ist auch für eine ganze Reihe weiterer Produkte ein entscheidender Engpass. Deren Ausfall hat potenziell schwerwiegende Auswirkungen, denn viele der unglamourös anmutenden Güter, die durch diese Wasserstraße auf die Weltmärkte gelangen, bilden die Basis für die wichtigsten Industrien der Welt. Bedroht sind Gesundheitssysteme ebenso wie Elektronikproduktion, Konsumgüter, Forschung und Landwirtschaft.
Die Golfstaaten verschiffen längst nicht mehr nur frisch aus dem Boden gepumptes Öl. Rund um dessen Förderung haben sie industrielle Komplexe aufgebaut, von denen aus sie die Welt mit vielerlei Grundstoffen versorgen. Die Frage ist nicht, ob man das Öl woanders herbekommt – die neueste Irankrise schneidet die Welt auch von einem beträchtlichen Teil ihrer industriellen Kapazität ab.
Zuerst einmal produzieren die Raffinerien der Region enorme Mengen verarbeiteter Rohölprodukte – eines der wichtigsten davon ist Diesel. Etwa zehn Prozent des global gehandelten Diesels sind von der Sperrung betroffen. Den Kraftstoff benötigt man vor allem für industrielle Anwendungen; große Motoren wie jene in den Maschinen und Fahrzeugen der Bergbauindustrie, aber auch Lastwagen und landwirtschaftliche Maschinen fahren nahezu ausschließlich damit. Hinzu kommt, dass sich das Öl aus dem Nahen Osten für die Dieselproduktion besonders gut eignet, und Diesel ist wegen der Sanktionen gegen Russland schon seit Jahren relativ knapp. Entsprechend sind die Dieselpreise seit Beginn des Konflikts im Iran viel stärker angestiegen als zum Beispiel die Ölpreise.
Nicht nur Fliegen wird teurer
Der am stärksten von der Blockade betroffene Treibstoff ist Flugbenzin. Mehr als 20 Prozent des weltweit gehandelten Kerosins fallen derzeit durch die Sperrung weg. Europa bezieht rund ein Drittel bis die Hälfte – je nach Quelle – seiner Flugbenzin-Importe über diese Route. Bei Kerosin zeigen sich die Folgen der Knappheit am schnellsten, denn für den Treibstoff gelten besonders hohe Anforderungen. Entsprechend kann man nur wenige Stabilisatoren zusetzen, die verhindern, dass Oxidationen und Radikalreaktionen seine Eigenschaften verändern. Deswegen, und weil für Tanks besondere und kostspielige Anforderungen gelten, sind die Reserven an Flugbenzin gering. Einige Länder wie China haben inzwischen den Export von Flugbenzin eingeschränkt, was die Knappheit in anderen Ländern verschärft. Fluggesellschaften wie die skandinavische SAS oder Air New Zealand streichen wegen der hohen Kosten für Treibstoff bereits Tausende Flüge.
Am bedeutsamsten für andere Wirtschaftszweige sind Rohöldestillate aus der Golfregion als Grundstoffe für die chemische Industrie. Hier gibt es zwei wesentliche Kategorien: Flüssiggas (LPG) und Naphtha. Flüssiggas ist ein Gemisch aus den leichtesten Kohlenwasserstoffen, darunter Propan und Butan. Hiervon produziert die Golfregion als mit Abstand größter Hersteller 40 Prozent des Marktvolumens. Der größte Teil dieser Gase dient als Brennstoff im Haushalt und für technische Anwendungen, sodass Verbraucherinnen und Verbraucher speziell im globalen Süden, wo LPG als unverzichtbares Brenngut für den Hausgebrauch dient, direkt von den höheren Preisen betroffen sind.
Aus gut einem Viertel des Gesamtvolumens an LPG stellt die chemische Industrie Kunststoffe und Gummis her. Besonders asiatische Länder, deren Fabriken sehr viel des aus LPG produzierten Propylens für Gummis, Klebstoffe und andere Produkte nutzen, sind stark abhängig von LPG aus der Golfregion. Sie versuchen nun, ihren Bedarf aus anderen Quellen zu stillen, wodurch die Preise steigen.
Neben LPG erhält man beim Destillieren von Erdöl ein Gemisch namens Naphtha. Es enthält Kohlenwasserstoffe mit 5 bis etwa 12 Kohlenstoffatomen, darunter aromatische Verbindungen, deren Benzolringe ein zentrales Strukturelement in vielen Feinchemikalien sind. Gleichzeitig ist Naphtha der wichtigste Vorläufer für die in extrem großen Mengen hergestellten Kunststoffe Polyethylen und Polypropylen. Etwa 10 bis 15 Prozent des global genutzten Naphtha gehen durch die Straße von Hormus. Am stärksten abhängig ist auch hier Asien, wo der größte Teil der Massenkunststoffe produziert wird, während Europa nur rund zehn Prozent seines Bedarfs aus der Golfregion bezieht. Die höheren Kosten für diese Rohstoffe der chemischen Industrie schlagen vor allem bei Kunststoffen durch, während sie bei höherwertigen Feinchemikalien einen geringeren Teil des Preises ausmachen.
Eine branchenübergreifende Krise
Neben diesen verarbeiteten Öl- und Gasprodukten liefert die Golfregion zwei Nebenprodukte, die ebenfalls eine tragende Rolle in der Industrie spielen. Zum einen fällt beim Verarbeiten des »sauren«, schwefelhaltigen Öls und beim Reinigen von Gas elementarer Schwefel an. Die Golfstaaten produzieren nahezu die Hälfte allen elementaren Schwefels, und Iran lieferte bisher rund 30 Prozent der international gehandelten Menge des Elements.
Schwefel ist der Grundstoff für die Gewinnung von Schwefelsäure. Die wird nicht nur für die Herstellung von Phosphatdünger benötigt, sondern auch in der chemischen Industrie und bei der Produktion von Halbleitern und Batterien. Schwefel aus der Ölindustrie ist zusätzlich ein Koppelprodukt der Öl- und Gasverarbeitung. Das heißt, wie viel davon auf dem Weltmarkt ankommt, hängt nicht von Nachfrage und Preis ab, sondern allein davon, wie viel Öl und Gas verarbeitet werden. Deswegen ist der Markt für Schwefel wenig flexibel, und die Krise in Hormus lässt die Preise für Schwefel und Schwefelsäure derzeit deutlich steigen.
Als unerwartet anfällig hat sich der Markt zum anderen für ein Gas erwiesen, das viele Menschen wohl nicht als bedeutende industrielle Ressource verbuchen. Die Preise für Helium haben sich seit Beginn der Krise mehr als verdoppelt, denn rund ein Drittel des Edelgases kommt aus der Golfregion. Man extrahiert es aus Erdgas, und es ist entscheidend für eine Reihe industrieller und wissenschaftlicher Anwendungen. Unter anderem dient es als Kühlmittel für supraleitende Magnete, wie sie zum Beispiel in Kernspintomografen oder Spektrometern eingesetzt werden, sowie für spezialisierte Tieftemperaturverfahren. Vor allem aber benötigt man hochreines Helium in der Halbleiterproduktion.
Das Gas wird dort ionisiert und zum Ätzen extrem feiner Chipstrukturen genutzt. Wegen der relativ trägen Lieferkette könnte eine länger andauernde Blockade einen viele Monate währenden Heliumengpass auslösen, selbst nachdem die Straße von Hormus wieder geöffnet ist. Nicht zuletzt hat Iran die Produktionsanlage in Ras Laffan in Katar beschossen, in der täglich bis zu 17 Tonnen Helium produziert werden; ein direkter Treffer an der Anlage könnte sogar einen langfristigen Heliummangel mit gravierenden Folgen für Forschung und Industrie auslösen, fürchten Fachleute.
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