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Psychologie der Jahreszeiten: Schluss mit dem Winterblues!

Mit dem Ende des Winters steigt endlich auch wieder die Stimmung. Warum sind manche ausgerechnet dann besonders gefährdet, sich etwas anzutun?
Eine Frau steht in einem gemütlichen Raum und blickt aus einem großen Fenster auf eine grüne Landschaft. Sie hält eine Tasse in der Hand. Neben dem Fenster spendet eine Tischlampe warmes Licht. Auf der Fensterbank steht eine Vase mit Blumen. Draußen sind Bäume und eine Wiese zu sehen.
Draußen erwacht die Natur. Die kritische Zeit ist damit aber noch nicht vorbei.

Blühende Bäume, Badewetter, Herbstlaub, Schneeflocken – eigentlich gibt jede Jahreszeit Anlass für gute Laune. Trotzdem schwankt das Befinden vieler Menschen im Rhythmus der Jahreszeiten. Das Sonnenlicht hebt die Stimmung; im dunklen Winter dagegen geht die Laune in den Keller. Diese Tendenzen beobachteten zum Beispiel Forschende der Cornell University, als sie mehr als 500 Millionen Tweets auswerteten. Ergebnis: An kürzeren Tagen wurden weniger und an längeren Tagen mehr Nachrichten mit positivem Inhalt gesendet.

»Kleine Schwankungen der Stimmung sind normal«, sagt Edda Winkler-Pjrek. Die Medizinerin leitet an der Universität Wien eine Ambulanz für Herbst-Winter-Depressionen. Doch wenn die Gemütszustände immer wieder stark mit den Jahreszeiten wechseln, spricht man von einer saisonal affektiven Störung. Zu den affektiven Störungen gehören zum Beispiel Depressionen und bipolare Störungen. Beide Krankheitsbilder können im Zusammenhang mit den Jahreszeiten auftreten. Bei der bipolaren Störung wechseln sich Niedergeschlagenheit und Euphorie ab. Typischerweise liegen die depressiven Phasen im Herbst und Winter, die euphorischen, manischen Episoden dagegen im Frühjahr und Sommer. Die häufigste Form der saisonal affektiven Störung ist jedoch die Herbst-Winter-Depression: Betroffene entwickeln meist nach Ende des Sommers depressive Symptome. Schätzungen zufolge leiden darunter etwa zwei bis drei Prozent der Menschen im deutschsprachigen Raum. Womöglich sind es sogar mehr, denn bei der Diagnostik von Depressionen wird die Frage nach saisonalen Rhythmen oft vergessen.

Um eine Herbst-Winter-Depression festzustellen, durchlaufen die Betroffenen die übliche Anamnese. Dazu beantworten sie Fragen zu den typischen Symptomen einer Depression, unter anderem auch, ob die Symptome üblicherweise im Herbst beginnen und im Frühling aufhören – unabhängig von einer etwaigen Medikation oder anderen Behandlung. »Die Patienten können auch in Sommermonaten depressive Phasen haben. Für die Diagnose der Herbst-Winter-Depression müssen diese aber zahlenmäßig den depressiven Phasen im Winter deutlich unterlegen sein«, sagt Edda Winkler-Pjrek. Weitere typische Merkmale seien Tagesmüdigkeit und Kohlenhydrat-Craving – der Körper verlangt also nach einem schnellen Energieschub.

Die Rolle der Botenstoffe

Die Hauptursache für die Störung ist laut Edda Winkler-Pjrek der herbst-winterliche Lichtmangel, der sowohl den Serotonin- als auch den Melatoninspiegel im Gehirn beeinflusst. Bei den Betroffenen liege der Melatoninspiegel tagsüber etwas zu hoch, was zu erhöhter Müdigkeit beitrage.

Behandelt wird die Herbst-Winter-Depression häufig mit Lichttherapie. Dabei setzen sich die Betroffenen am Morgen mindestens eine halbe Stunde vor eine Tageslichtlampe, die mit einer Helligkeit von mindestens 10 000 Lux strahlt. Ein Nerv im Auge, der auf Licht reagiert, leitet daraufhin Signale an das Gehirn, was wiederum die Ausschüttung von Melatonin reguliert.

Wege aus der Not

Denken Sie manchmal daran, sich das Leben zu nehmen? Erscheint Ihnen das Leben sinnlos oder Ihre Situation ausweglos? Haben Sie keine Hoffnung mehr? Dann wenden Sie sich bitte an Anlaufstellen, die Menschen in Krisensituationen helfen können: an den Hausarzt, niedergelassene Psychotherapeuten oder Psychiater oder die Notdienste von Kliniken. Kontakte vermittelt der ärztliche Bereitschaftsdienst unter der Telefonnummer 116117.

Die Telefonseelsorge berät rund um die Uhr, anonym und kostenfrei: per Telefon unter den bundesweit gültigen Nummern 0800 1110111 und 0800 1110222 sowie per E-Mail und im Chat auf der Seite www.telefonseelsorge.de. Kinder und Jugendliche finden auch Hilfe unter der Nummer 0800 1110333 und können sich auf der Seite www.u25-deutschland.de per E-Mail von einem Peer beraten lassen.

Auch der Neurotransmitter Serotonin, dessen Mangel mit depressiven Symptomen in Verbindung gebracht wird, lässt sich Studien zufolge durch Licht beeinflussen. So fand eine Untersuchung Hinweise darauf, dass an Tagen mit viel Sonnenlicht mehr Serotonin produziert wird. Eine andere Studie stellte fest, dass Serotonin bei wenig Sonnenlicht schwächer an die Rezeptoren bindet. Eine weitere beobachtete eine erhöhte Aktivität von Serotonintransportern an dunklen Tagen – das heißt, dass vermehrt Serotonin abtransportiert wird.

Hinzu kommt, dass wir uns an sonnigeren Tagen mehr bewegen, was wiederum mit mehr verfügbarem Serotonin und Dopamin, dem Motivationsbotenstoff, verbunden sein soll. All diese Effekte können demnach dazu beitragen, dass wir im Frühling und Sommer tendenziell etwas besser gelaunt sind als im Herbst und Winter.

»Die Hauptursache für Herbst-Winter-Depressionen ist stark biologisch«Edda Winkler-Pjrek, Psychiaterin

Laut Edda Winkler-Pjrek bessert sich bei rund jedem zweiten Betroffenen das Befinden schon mit einer Lichttherapie. Eine Psychotherapie nehmen ihr zufolge hingegen weniger Patienten mit saisonaler Depression in Anspruch, verglichen mit der herkömmlichen Variante. »Für eine Gesprächstherapie gibt es meist zu wenig zu bearbeitende Themen«, sagt die Wiener Psychiaterin. Natürlich könne man gemeinsam an Unruhe, Motivation oder Ängsten arbeiten. »Aber die Hauptursache für Herbst-Winter-Depressionen ist stark biologisch. Es geht zum Beispiel nicht darum, ob jemand im Winter beruflich mehr Stress hat – das wäre für die Diagnose sogar ein Ausschlussgrund.« Die meisten Patienten, die sie in den vergangenen Jahren behandelt habe, würden vielmehr eine Lichttherapie und Antidepressiva kombinieren.

Vitamin D hingegen hat der Wiener Psychiaterin zufolge keinen antidepressiven Effekt – obwohl der Spiegel im Winter bei vielen niedrig ist. Bei einem Mangel könne die Einnahme dennoch über Umwege gut für die Stimmung sein, denn ein gesunder Vitamin-D-Spiegel beuge Müdigkeit und Infekten vor. Aktuell forscht die Medizinerin daran, ob eventuell Omega-3-Fettsäuren über ihre antientzündliche Wirkung gegen Depressionen helfen könnten.

Risikofaktoren: Die Gene – und der Geburtsmonat?

Noch ist in der Wissenschaft umstritten, wie stark Stimmung und Jahreszeit im Bevölkerungsmittel zusammenhängen. Das liegt auch an methodischen Problemen: Werden depressive Symptome im Nachhinein erfragt, sind die Antworten unter Umständen in der Rückschau verzerrt.

Klar ist: Ob im Winter überhaupt ein Stimmungstief eintritt, ist individuell sehr verschieden. Zahlreiche Menschen fühlen sich auch im Winter gut. Und sogar unter denen, die im hohen Norden leben, wo die Winter sehr lang und dunkel sind, werden nur wenige depressiv. »In Island leiden die Menschen viel seltener unter Herbst-Winter-Depressionen als für diesen Breitengrad üblich«, berichtet Edda Winkler-Pjrek. Warum also trifft der Lichtmangel manche mehr und manche weniger?

»Wir vermuten eine genetische Komponente, da es familiäre Häufungen gibt«, sagt die Medizinerin. Eine Theorie lautet, dass bei Personen mit dieser Art von Depression die Serotonintransporter überaktiv sind. Verschiedene Studien fanden Anhaltspunkte darauf, dass bei Betroffenen besonders viel Serotonin im Gehirn abtransportiert wird und deshalb weniger zur Verfügung steht. Die dahinterliegenden epigenetischen Mechanismen scheinen allerdings kompliziert. Wie genau die Genetik zu saisonal affektiven Störungen beiträgt, ist bislang folglich nicht geklärt.

Ein anderes Erklärungsmodell ist Edda Winkler-Pjrek zufolge die sogenannte LightImprintingTheory. »Aus Tierstudien wissen wir, dass das Gehirn in den ersten Lebensmonaten auf eine gewisse Lichtintensität geprägt werden kann«, berichtet sie. »Möglich ist, dass Menschen, die in Sommermonaten geboren wurden, deshalb ein etwas höheres Risiko für Herbst-Winter-Depressionen haben.« Am Wiener Universitätsklinikum stellten Winkler-Pjrek und ihre Kollegen fest, dass Patienten mit saisonal affektiver Störung überzufällig häufig im Frühjahr und Sommer Geburtstag hatten. Mittlerweile gibt es allerdings auch eine Studie an einer größeren Stichprobe in Europa, die das nicht bestätigen konnte. Ob und wie genau sich das Licht in den ersten Lebensmonaten auf saisonale Störungen auswirkt, ist also noch unklar.

Edda Winkler-Pjrek zufolge hängt der Lichtmangel bei Herbst-Winter-Depression stark damit zusammen, dass die Leute in den dunklen Monaten kaum vor die Tür gehen. »Manche Menschen sind als Berufstätige jahrelang bei uns in Behandlung, gehen dann in Pension und haben keine Beschwerden mehr, weil sie nun mehr Zeit draußen verbringen.« Andere ihrer Patienten könnten sich mit Urlaub im Süden über den Winter retten oder die Depression durch Sport und gesunde Ernährung abfangen. »Aber wer dazu nicht die Möglichkeit hat oder merkt, dass diese Taktiken nicht helfen, sollte sich Hilfe suchen.«

Der Tiefpunkt kommt am Winterende

Das gilt noch mehr für den Fall, dass das Tief ausweglos erscheint und sogar suizidale Gedanken oder Impulse auftreten. Denn auch saisonal affektive Störungen sind oft nicht nur ein harmloser Winterblues. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2023 kam zu dem Ergebnis, dass die meisten Suizidgedanken im Dezember geäußert werden, etwa auf die Frage »Wie sehr wünschen Sie sich gerade zu sterben?«. Doch wenn die Suizidalität nicht direkt erfragt, sondern über einen impliziten Assoziationstest gemessen wird, erreichen solche Gedanken im Februar ihren Höhepunkt. Bei einem solchen Test wird auf die Assoziationsstärke zwischen zwei Gedankeninhalten, zum Beispiel »ich« und »Suizid«, indirekt daraus geschlossen, wie schnell eine Person diese Verknüpfung herstellt, verglichen damit, wie schnell sie zum Beispiel auf »ich« und »Leben« reagiert.

Laut einer Studie in Dänemark nehmen sich dort Menschen mit Depressionen sogar häufiger in den Monaten April, Mai und Juni das Leben. Der Peak im Frühling ist bei den betroffenen Männern und Frauen stärker ausgeprägt als im Fall von Suiziden, bei denen keine affektive Störung bekannt ist. Fachleute erklären das mit dem Energielevel: Suizidale Menschen sind zwar im Winter besonders depressiv, haben in dieser Zeit aber auch wenig Antrieb. Nach der Wintersonnenwende im Dezember werden die Tage wieder länger, und damit kommt ein gefährlicher Aufschwung: Der Antrieb wächst und damit auch die Gefahr, dass Menschen mit Suizidgedanken ihre Pläne in die Tat umsetzen.

Der Sommer kann überdies auch schlechte Laune bringen – vor allem dann, wenn er sehr heiß ist. Denn während Sonnenlicht die Stimmung hebt, kann die damit verbundene Hitzedas Hirn heiß laufen lassen und die Emotionen zum Kochen bringen: Bei drückender Hitze werden aus kleinen Kränkungen schnell große Dramen. Einige Menschen haben im Sommer auch schlicht deshalb mehr mit Depressionen zu kämpfen, weil das eigene Tief verglichen mit dem blühenden Leben, das überall zu beobachten ist, umso schwerer wiegt.

Die psychische Reaktion auf die Jahreszeiten hängt außerdem von den persönlichen Vorlieben ab. Während einige Menschen Wärme lieben und gerne draußen sind, steigt bei anderen an gemütlichen Regentagen die Laune, weil sie guten Gewissens zu Hause bleiben können. Auch das, was wir mit den Jahreszeiten verbinden, kann die Stimmung erheblich beeinflussen – positiv wie negativ. Für die einen ist Weihnachten mit Stress oder Einsamkeit verknüpft. Für die anderen bedeutet es eine schöne Zeit mit der Familie.

Aber eines gilt für alle: Vor allem im Winter sollten wir jeden Tag für eine große Dosis Sonnenlicht sorgen. Und wenn das nicht reicht: Hilfe suchen.

Serie: Psychologie der Jahreszeiten

lachendes Mädchen mit Blumen im Gesicht

Unsere Gefühle und Gedanken unterliegen vielen, teils unbewussten Einflüssen. Manche folgen regelmäßigen Zyklen: dem Rhythmus von Licht und Dunkel, Wärme und Kälte, Urlauben und Feiertagen. Ein Überblick über die Psyche im Wechsel der Jahreszeiten.

  1. Stimmung: Schluss mit dem Winterblues!
  2. Werte und Vorlieben: Entscheiden wir im Frühling anders als im Winter?
  3. Kognition: Wie die Sonne das Denken beflügelt
  4. Liebe: Warum wir im Sommer flirten und im Winter Treue schwören

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  • Quellen

Freichel, R., O’Shea, B.A., Translational Psychiatry 10.1038/s41398–023–02434–1, 2023

Postolache, T.T. et al., Journal of Affective Disorders 10.1016/j.jad.2009.05.015, 2010

Praschak-Rieder, N. et al., Archives of General Psychiatry 10.1001/archpsyc.65.9.1072, 2008

Spindelegger, C. et al., The World Journal of Biological Psychiatry 10.3109/15622975.2011.630405, 2012

Traffanstedt, M.K. et al., Clinical Psychological Science 10.1177/2167702615615867, 2016

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