Tal der Könige: Jahrtausendealte indische Inschriften in Ägypten entdeckt

Bereits vor rund 1800 Jahren haben Reisende aus Indien das ägyptische Kernland erreicht und dabei auch das altägyptische Theben besichtigt. Das verraten ihre Namen, die sie in die Wände von Königsgräbern ritzten. Vor allem ein gewisser Cikai Korran sticht dabei heraus: Sein Name taucht insgesamt achtmal in fünf verschiedenen Gräbern auf. Im römisch regierten Ägypten war das Tal der Könige bereits – wie heute – eine mehr als 1000 Jahre alte historische Sehenswürdigkeit.
Dass es Kontakte zwischen Ägypten und den Reichen des indischen Subkontinents gab, war schon bekannt. Die Inschriften, die Ingo Strauch von der Universität Lausanne und Charlotte Schmid von der Pariser École française d’Extrême-Orient nun entdeckten und auswerteten, belegen aber erstmals, dass die Händler und Gesandten aus dem indischen Subkontinent nicht an den Häfen des Roten Meers Halt machten.
Die bunten Grabkammerwände mit Namen und Botschaften zu versehen, war seinerzeit gängige Praxis für die Besucher. Es finden sich noch immer zahllose Inschriften aus den Jahrhunderten um Christi Geburt, die in den allermeisten Fällen auf Griechisch verfasst sind, der überregionalen Verkehrssprache des Römischen Reichs.
»Exotische« Inschriften
In den 1920er-Jahren hatte der französische Ägyptologe Jules Baillet eine umfassende Analyse dieser Inschriften angefertigt. Und war bereits damals auf »exotische« Schriftarten gestoßen, die er nicht identifizieren konnte.
Diesen merkwürdigen Hinterlassenschaften sind Strauch und Schmid nun systematisch nachgegangen. Was sie herausfanden, machten die beiden Fachleute für altindische Inschriften jetzt bei Vorträgen publik, unter anderem auf einer Konferenz im indischen Chennai.
Fast 30 Inschriften indischer Herkunft haben sie bei ihren Nachforschungen im Tal der Könige entdeckt. Verfasst sind diese in vier verschiedenen Sprachen und drei verschiedenen Schriften. Am häufigsten stießen sie auf eine Silbenschrift (Brahmi), mit der Alt-Tamil geschrieben wurde. Tamil oder Tamilisch wird noch heute im Süden Indiens und teils auch auf Sri Lanka gesprochen.
Auch der ominöse Cikai Korran verfasste seine Nachrichten in dieser Schrift und Sprache. Auffällig ist sein Besuch im Grab mit der Nummer 14: Hier gibt es insgesamt nur eine einzige – nämlich seine – Inschrift. Offenbar scheint dieses Grab abseits der üblicherweise begangenen Routen gelegen zu haben.
An den Küsten entlang durch Rotes Meer und Indischen Ozean
Kontakte zwischen dem indischen Subkontinent und Ägypten lassen sich über Jahrtausende hinweg zum Beispiel durch vereinzelte Funde von Handelswaren nachweisen. Wie gängig dieser Austausch in römischer Zeit geworden war, davon vermittelt der »Periplus Maris Erythraei« einen Eindruck. Es handelt sich dabei um eine Art Navigationshilfe (Periplus) für Seefahrer, in der ein anonymer Autor Häfen und Waren entlang der mehr als 5500 Kilometer langen Route »Rotes Meer–Indien« ausführlich beschreibt. In einer der dort verzeichneten Stationen, dem ägyptischen Hafen Berenike im Roten Meer, waren Ausgräber Mitte der 1990er-Jahre in einer Höhle auf zahlreiche Inschriften indischer Händler gestoßen.
Aus manchen der jetzt neu entdeckten Inschriften lassen sich Informationen über ihre Urheber gewinnen. So kopieren einige etwa das Muster, das auch die griechischen Inschriften verwendeten: »[Name] kam und sah.« Es ist also anzunehmen, dass die Reisenden oder Mitglieder ihrer Gruppe gut genug Griechisch beherrschten, um die schon vorhandenen Botschaften zu entziffern.
Händler, Diplomaten, Krieger?
Die verwendeten Sprachen und Schriften lassen vermuten, dass die Reisenden aus den unterschiedlichsten Regionen stammten, vom heutigen Pakistan bis zum südlichsten Zipfel des Subkontinents. Manche Urheber bezeichnen sich selbst als Adelige, andere als Gesandte. Die Erwähnung der Kṣāharāta-Dynastie des 1. Jahrhunderts n. Chr. in einem Fall hilft dabei, das Alter der Inschriften einzugrenzen. Insgesamt datieren Strauch und Schmid die Botschaften auf das erste bis dritte nachchristliche Jahrhundert.
In welcher Funktion der »Vielschreiber« Cikai Korran nach Ägypten gekommen war, verrät er nicht in seinen Botschaften. Nichts in seinem Namen lasse an einen Händler denken, schreiben Schmid und Strauch in der schriftlichen Fassung ihres Vortrags, der »Spektrum« vorliegt. Stattdessen drängt sich ein militärischer Hintergrund auf: Der erste Namensbestandteil könnte auf das Sanskritwort für »Schopf« oder »Krone« zurückgehen, der zweite erinnert an eine tamilische Wurzel, die »Sieg« oder »erschlagen« bedeutet.
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