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James Bond: Der Spion, der wirklich lebte

Ein Mann inspirierte Ian Fleming zu seinem berühmten 007: Dušan Popov. Der Serbe liebte Luxus, trat mondän auf und spionierte als Doppelagent die Nazis aus.
Daniel Craig als James Bond in dem Film »Ein Quantum Trost« aus dem Jahr 2008.

Der Mann liebt schnelle Autos, schöne Frauen und schicke Anzüge. Er ist im Kampf gegen das Böse weltweit im Auftrag Ihrer Majestät unterwegs. Aber anders, als man meinen möchte, ist er kein Brite, sondern Serbe. Sie gestatten? Popov. Dušan Popov. Der Sohn aus reichem Hause war in den 1930er und 1940er Jahren Spion und diente dem Schriftsteller Ian Fleming als Vorbild für dessen Romanfigur James Bond. Flemings Bücher lieferten die Vorlage für inzwischen 24 Filme über den Agenten des MI6. Und dieser Tage freuen sich Fans auf den neuen 25. Film der Serie, »Keine Zeit zu sterben«, der am 30. September in die deutschen Kinos kommt.

Wie sich der Flegel aus reichem Hause durchs Leben schlägt

Bonds Vorbild, Dušan Popov, wird 1912 in der serbischen Vojvodina als Sohn eines wohlhabenden Geschäftsmanns geboren. Von klein auf genießt er ein privilegiertes Leben mit all den Annehmlichkeiten, die damals wie heute als Statussymbole gelten: herrschaftliche Anwesen mit Hausangestellten, teure Autos, eine Jacht.

Um den nötigen schulischen und gesellschaftlichen Feinschliff zu erhalten, schicken die Eltern ihren jungen Dušan 1929 auf ein englisches Eliteinternat. Mit dem guten Benehmen klappt es allerdings ganz und gar nicht: Nach wenigen Monaten fliegt der Flegel von der Schule, weil er sich mit seinen Lehrern anlegt. Als er beim Rauchen erwischt wird, gibt es dafür eine Prügelstrafe. Als kurz darauf eine zweite droht, nimmt Dušan dem Lehrer den Rohrstock weg und zerbricht ihn vor der Klasse in zwei Teile. Seine Eltern sorgen dafür, dass der aufsässige Sohnemann schleunigst die Schule wechselt. Sie stecken ihn in ein Gymnasium im französischen Versailles.

Nach dem Abitur studiert Dušan Popov Jura an der Universität Belgrad und genießt das Studentenleben in vollen Zügen mit ausschweifenden Partys und zahlreichen Affären. Denn offenbar lieben die Frauen den Mann mit den grüngrauen Augen, dem entwaffnenden Lachen und den mittlerweile guten Manieren. So schildert es Dušan Popov jedenfalls in seiner Autobiografie »Spy / Counterspy«.

Popov legt sich mit den Nazis an

1935 wechselt Popov an die Universität Freiburg. Dort trifft er auf einen Seelenverwandten: Johann-Nielsen »Johnny« Jebsen (1917–1945), Sohn einer reichen Hamburger Reederfamilie, der denselben Hang zum Luxus hat wie er selbst. Der junge Serbe und der Hanseat werden enge Freunde und engagieren sich schon bald im studentischen Ausländerklub. Bei den Debatten tauchen regelmäßig deutsche Studenten auf – überzeugte Nationalsozialisten, die dort die ausländischen Hochschüler beeinflussen wollen. Dušan Popov hält dagegen und postuliert stattdessen liberale Werte und Demokratie. Seine Offenheit wird ihm zum Verhängnis.

Im Sommer 1937 klopft es eines Morgens an Popovs Tür. Vier Gestapo-Beamte dringen in seine Wohnung ein und verhaften den verdutzten jungen Mann aus dem Bett heraus. Mehr als eine Woche lang wird er verhört. Der Vorwurf lautet, er sei Kommunist und wiegle die Studenten gegen die Nationalsozialisten auf. Sein Freund Jebsen erkennt die große Gefahr und meldet sich bei Popovs Vater, der über gute Kontakte zum jugoslawischen Premierminister Milan Stojadinovic (1888–1961) verfügt. Der wiederum ruft Hermann Göring (1893–1946) an. Die Intervention an höchster Stelle zeigt Wirkung: Dušan Popov wird aus dem Freiburger Gefängnis entlassen und aufgefordert, Deutschland innerhalb von 24 Stunden zu verlassen. Popov packt und fährt mit dem nächsten Zug in die Schweiz.

Freunde werden zu Spionen

Anfang des Jahres 1940 besucht Johnny Jebsen seinen alten Freund, der nun wieder in Belgrad lebt. Jebsen verrät ihm, dass er für den deutschen Nachrichtendienst, die Abwehr, arbeitet. Popov ist entsetzt. Doch der Hamburger erklärt seine Beweggründe, erinnert sich Popov in seiner Autobiografie: »Ich habe keine Lust, von der Wehrmacht eingezogen und an die Front geschickt zu werden.« Jebsen versucht seinen Freund zu überreden, ebenfalls für die Deutschen unter Abwehrchef Admiral Wilhelm Canaris zu spionieren.

Popov, der neben Serbokroatisch und Deutsch auch Englisch, Französisch und Italienisch spricht, lässt sich überzeugen. Er will nun auch ins Geheimdienstgeschäft einsteigen. Am nächsten Tag bittet er um ein Gespräch im britischen Konsulat. Dort bietet er seine Dienste als Agent an. Die Briten rekrutieren ihn tatsächlich. Sie raten ihm, den Job bei den Deutschen anzunehmen, um als Doppelagent den Feind mit lancierten Informationshäppchen zu füttern.

Großbritannien will dringend mehr über die Pläne der Deutschen wissen, die eine Invasion der Insel unter dem Codenamen »Seelöwe« vorbereiten. Popov soll dafür mit seinem Freund Jebsen kooperieren. Er geht nach London, wo er sich als Geschäftsmann für Import und Export ausgibt – Deckname »Tricycle« –, während er bei den Deutschen unter »Ivan« firmiert. Eine Zeit lang gefällt sich Popov in seiner alten Rolle als Partylöwe, der mit Geld um sich wirft und die gelangweilten Damen der britischen High Society betört.

Der Spion, der Fleming inspirierte

Im Sommer 1941 schicken die Deutschen ihren Agenten Popov dann nach Lissabon. In dem Land, das im Krieg neutral bleibt und das António de Oliveira Salazar autoritär regiert, sammeln sich Flüchtlinge aus aller Welt. Hier brodelt die Gerüchteküche, hier schnappen Spione Hinweise auf, die sie an ihre Zentralen kabeln.

Ausweispapier von Dušan Popov (1912–1981) | Zur Zeit des Zweiten Weltkriegs arbeitete der Serbe als Doppelagent für den britischen und deutschen Geheimdienst.

Im August 1941 weilt auch Ian Fleming (1908–1964) in der Stadt am Tejo. Der Brite ist als Nachrichten- und Verbindungsoffizier zu den Amerikanern im Einsatz. Der Deckname seiner Mission lautet »Goldeneye«. So heißt später die 17. Bond-Verfilmung mit Schauspieler Pierce Brosnan als 007. Im Casino Estoril, damals der größte Glücksspieltempel Europas, lernt Fleming dann Popov kennen, wo dieser mit einem Einsatz von 50 000 US-Dollar am Kartentisch sitzt und beim Baccara zockt. Geld, das dem deutschen Geheimdienst gehört. Diese Episode liefert die Anregung für den Bond-Roman »Casino Royale«, der 2006 mit Daniel Craig verfilmt wurde.

Popov inspiriert Fleming. Namensgeber für den wohl berühmtesten Geheimagenten der Welt ist der Serbe aber nicht. Der echte James Bond ist ein US-Ornithologe (1900–1989) und wohl das völlige Gegenteil des Draufgängers aus den Romanen und Filmen. Womöglich liegt gerade in diesem Gegensatz der Reiz für den Autor. Fleming lernt 1964 den Ornithologen Bond kennen. Dessen Namen entnimmt er aber schon zuvor seinem Buch über karibische Vogelarten »Birds of the West Indies«.

Fleming selbst führt ein unstetes Leben. Er ist Journalist, Banker und britischer Geheimdienstmitarbeiter, bevor er sich auf Jamaika sein Refugium »Goldeneye« schafft und vom Erfolg seiner Bücher und der Filmrechte sehr gut leben kann. Dem ersten Bond-Roman »Casino Royale« 1953 folgen bis 1964 elf weitere sowie zahlreiche Kurzgeschichten rund um den MI6-Spion.

Popov erhält den Auftrag, in den USA ein Spionagenetz aufzubauen

Und Popov? Sowohl Briten als auch Deutsche sind begeistert von ihm. Das selbstbewusste und mondäne Auftreten des Playboys mit schickem Auto, Seidenhemd und teurem Maßanzug, die exklusiven Restaurant- und Casinobesuche, immer in Begleitung einer attraktiven Frau, hinterlässt Eindruck. Nazi-Deutschland ist mit seinem Superspion dermaßen zufrieden, dass es ihn für höhere Aufgaben vorsieht. Er soll ein neues Spionagenetz in den USA etablieren, da seine Vorgänger aus Deutschland aufgeflogen sind. Außerdem beauftragt die Abwehr Popov damit, Informationen über den Heimathafen der US-Pazifikflotte in Pearl Harbour auf Hawaii zu sammeln, die die Deutschen an Japan weiterleiten wollen.

Popov informiert nach seiner Ankunft in den USA J. Edgar Hoover (1895–1972) über die Pläne Japans. Der erzkonservative und sittenstrenge FBI-Chef kann Popov jedoch nicht ausstehen, weil er dessen extravaganten Lebensstil verabscheut, erinnert sich Popov. Schon gar nicht mag er Doppelagenten, seines Erachtens windige Kerle, denen man nicht vertrauen sollte. So schlägt Hoover die Warnungen in den Wind – vier Monate vor dem Angriff der Japaner. Der Zwist spitzt sich zu, als Popov mit einer jungen Frau im Straßenkreuzer-Cabrio von New York nach Florida fährt, um ein paar Tage auszuspannen. Die amerikanischen Behörden drohen, ihn gemäß dem »Mann Act« zu verklagen. Dieses Bundesgesetz soll Prostitution unterbinden und verbietet, Minderjährige von einem Bundesstaat in einen anderen mitzunehmen. Popov wird unmissverständlich klargemacht, die USA schnellstmöglich zu verlassen.

Als Japan am 7. Dezember 1941 Pearl Harbour angreift, verheimlicht Hoover die Erkenntnisse von Popov gegenüber seinem Präsidenten Franklin D. Roosevelt (1882–1945), um seine Haut zu retten. Erst 1972 kommt es heraus, als die entsprechenden Geheimdokumente frei gegeben werden.

Zwei Freunde, zwei Doppelagenten

Popov kehrt unverrichteter Dinge nach Lissabon zurück und muss seine erfolglose US-Mission rechtfertigen. Die deutsche Abwehr ist unzufrieden mit ihrem Spitzenagenten, denn das Spionagenetz wurde nicht aufgebaut. Popov nimmt wieder Kontakt zu seinem alten Hamburger Freund auf, der ihm zu verstehen gibt, dass er nun auch gerne für die Briten spionieren würde. 1943 beginnt Jebsens Arbeit für den britischen Dienst unter dem Decknamen »Artist«. Die beiden Freunde sind nun Doppelagenten.

Ihre nächste große Aufgabe steht 1944 an: Mittels einer Desinformationskampagne soll der wahre Ort der geplanten Alliiertenoffensive in der Normandie geheim gehalten werden. Die Deutschen erwarten die Landung bei Dover, an der schmalsten Stelle des Kanals. Mit der Operation Fortitude wollen die Alliierten ebenjene Ahnung der Deutschen zu ihrem Vorteil nutzen. Sie stellen Attrappen von Panzern und Flugzeugen auf, um den eigentlichen Ort der Invasion in der Normandie – Operation Overlord – zu verschleiern und die Deutschen in die Falle zu locken, was letztlich auch gelingt.

Popov und Jebsen befinden sich in Lissabon – und werden zunehmend nervös. Sie fürchten aufzufliegen und betäuben ihre Panik mit Alkohol und Drogen. Jebsen fürchtet vor allem die Gestapo. Für einige hochrangige Mitglieder hatte er Jahre zuvor illegale Devisengeschäfte im Ausland eingefädelt und belastendes Material gesammelt. Ende April 1944 wird Jebsen in das Lissaboner Büro von Aloys Schreiber bestellt, dem deutschen Geheimdienstchef vor Ort. Dort wird der Hamburger zusammengeschlagen, betäubt und in einen großen Koffer verfrachtet. Ein Wagen fährt vor, die Nazi-Agenten wuchten das menschliche Gepäck in den geräumigen Kofferraum und fahren auf dem Landweg ins französische Seebad Biarritz. Dort wartet bereits ein Flugzeug, das Kurs auf Berlin nimmt. Im Gestapo-Hauptquartier wird Jebsen tagelang verhört und gefoltert.

Der eine stirbt, der andere überlebt

Der britische Geheimdienst informiert Popov über die Verhaftung seines Freundes. Die Behörde befürchtet, dass Jebsen der Gestapo sein Wissen über Operation Overlord preisgibt. Vorsichtshalber legen sie Popov und dessen Netzwerk von Informanten vorübergehend still. Doch Jebsen verrät nicht, was er weiß. Kurz vor Kriegsende im Februar 1945 stirbt er im Konzentrationslager Sachsenhausen nach einem brutalen Verhör durch die Gestapo. Heute erinnert in seiner Geburtsstadt Hamburg ein Stolperstein in der Hartungstraße 7 an ihn.

Nach dem Krieg beendet Popov seine Karriere als Agent. Er verbringt den Rest seines Lebens, bis er 1981 stirbt, als Geschäftsmann in einer Villa an der Côte d'Azur. Mit einem gewissen Amüsement schaut er sich gelegentlich die James-Bond-Filme an und fällt ein vernichtendes Urteil: »Im wahren Agentenleben hätte dieser Kerl keine 48 Stunden überlebt!«

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