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News: Jeden Tag auf Mammutjagd

Die Zeiten waren rauer. Der Kampf ums Überleben härter. Keine Chance für den primitiven Neanderthaler, sich gegen den weit überlegenen modernen Menschen zu behaupten. Mittlerweile verabschieden Anthropologen sich von dieser Vorstellung - immer neue Untersuchungen weisen darauf hin, dass der Neanderthaler durchaus geschickt und zu komplexem Verhalten fähig war. Einer Analyse stabiler Isotope in Knochenfragmenten zufolge haben sich die Urmenschen fast ausschließlich von Fleisch ernährt. Die vermeintlichen Aasfresser waren also in der Lage, organisierte Jagden durchzuführen.
Ein wütendes Mammut nur mit primitiven Steinwaffen zu erlegen, dazu gehört mehr als Mut. Oft genug bleibt im unbarmherzigen Kampf auf Leben und Tod der eigentliche Jäger auf der Strecke. Ein Mann alleine hat da keine Chance; nur ein gut eingespieltes Team kann den tonnenschweren Koloss überwältigen. Das hätte Neanderthaler völlig überfordert, meinten einige Wissenschaftler. "Unsere Forschung setzt der These, Neanderthaler seien nur Aasfresser gewesen, ein Ende", behauptet dagegen der Anthropologe Michael P. Richards von der University of Oxford.

Archäologische Überreste von den Mahlzeiten der Urmenschen geben nicht viel her: ein paar Knochen, eine Handvoll Steinwerkzeuge, kaum Pflanzenfasern. Das reicht allenfalls für einen groben Blick auf den Speiseplan der Frühmenschen. "Alleine aus den archäologischen Hinweisen lässt sich unmöglich sagen, welchen Anteil an der Nahrung Fleisch hatte", sagt Fred Smith vom Department of Anthropology an der Northern Illinois University. Zwar zeugen die Knochen davon, dass die Neanderthaler sicher tierische Nahrung zu sich genommen haben. Doch unklar bleibt, ob es sich dabei nur um gelegentliche Mahlzeiten an Aas gehandelt hat, das sie den eigentlichen Jägern entwenden konnten. Und welche Rolle Früchte, Wurzeln und Blätter gespielt haben, ist schwer zu bestimmen, da die Pflanzenreste meist verrottet sind.

Die Wissenschaftler suchten darum nach einem anderen Indikator für die Zusammenstellung des Speiseplans. Sie wählten eine Methode, mit der andere Forscher schon festgestellt hatten, dass der "Eismensch Ötzi" sich hauptsächlich vegetarisch ernährt hatte. "Die Analyse stabiler Isotope stellt ein direktes Maß der menschlichen Nahrung dar, denn unsere Knochen zeichnen die Isotopen-Signatur des Essens auf, das wir während des Lebens zu uns nehmen", erklärt Smith.

Zusammen mit Kollegen aus Kroatien bestimmten Richards und Smith die Menge an 13C- und 15N-Isotopen im Kollagen eines Kieferknochen und eines Schädelfragments aus der Höhle Vindija, die etwa 50 Kilometer nördlich von Zagreb liegt (Proceedings of the National Academy of Sciences vom 13. Juni 2000, Abstract). Erst vor kurzem war deren Alter mit der Radiokarbonmethode auf rund 28 000 Jahre geschätzt worden – die weltweit jüngsten Zeugnisse von Neanderthalern. Um das Ergebnis der Analyse mit der Ernährungsweise in Zusammenhang bringen zu können, untersuchten die Wissenschaftler auf die gleiche Weise Knochen von Tieren, zum Beispiel vom Wolf, arktischen Fuchs, Höhlenbär, Wisent und Mammut.

Aus dem Vergleich schließen sie, dass die Neanderthaler fast reine Fleischfresser waren. "Es ist schwer, das mit Sicherheit zu sagen, aber anscheinend bekamen sie nicht viel Nährstoffe aus anderen Quellen als Fleisch", stellt Smith fest. Ein so großer Bedarf lässt sich jedoch keinesfalls mit Aas abdecken. Offensichtlich waren die Urmenschen erfolgreiche Jäger, meinen die Forscher. Das setzt wiederum die Fähigkeit zu ausgeprägter sozialer Organisation und komplexem Verhalten voraus. "Es gibt keinen Grund für die Annahme, dass Neanderthaler irgendwie weniger geschickt ihre Umwelt genutzt hätten als die modernen Menschen", sagt Smith.

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