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Artenschutz: Johannes und die Waldrappe

Eine ungewöhnliche Prozession von Mensch und Tier brach Mitte August in Altötting auf. Das Ziel: Italien - und die Wiederansiedelung eines ausgerotteten Vogels.
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Sein Schicksal war seine Schmackhaftigkeit – obwohl der Vogel auf den ersten Blick nicht unbedingt essbar aussieht. Denn der glatzköpfige Waldrapp (Geronticus eremita) mit dem schwarzen Federkleid und dem lang gebogenen, roten Schnabel zählt wohl eher zu den Tieren, die man erst später ins Herz schließt. Wegen seines düsteren Äußeren vermutet man in ihm das Vorbild des so genannten Nachtkrapps, der als Kinderschreckfigur im süddeutschen Raum und in Österreich sein Unwesen trieb und jene Knaben und Mädchen mit sich forttrug, die nach Beginn der Nacht noch draußen unterwegs waren.

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Waldrappe im Formationsflug | Mit Hilfe der Technik sollen Waldrappe ihre alten Zugrouten wieder erlernen und die ausgerottete Art damit im Alpenvorland neu angesiedelt werden.
Dieses Märchen wurde dem Waldrapp aber nicht zum Verhängnis, vielmehr schätzten ihn Mönche – und vielleicht auch das Volk – als Fastenspeise, wie ein altes Fresko aus dem ehemaligen Kloster Murrhardt andeutet. Einst weit von Nordafrika über den mitteleuropäischen Alpenraum, das Mittelmeergebiet und den Balkan bis hinein in den Nahen Osten verbreitet, wurde der Waldrapp bis Mitte des 17. Jahrhunderts europaweit schlicht aufgegessen, weil er die Nähe des Menschen und dessen Weiden und Felder suchte. Vielfach brütete der zu den Ibissen zählende Vogel sogar in Kolonien auf den Mauern und Ruinen von Burgen und Klöstern; heute existieren dagegen nur noch Tiere im Zoo und winzige, freilebende Bestände in Marokko und Syrien.

Die damals verhängnisvolle Vertrautheit möchte der Österreicher Johannes Fritz mit seinem Team nun zum Vorteil des Vogels nutzen – und ihn nach über 350 Jahren wieder im Alpenvorland ansiedeln. Sein Ziel: in einem momentan europaweit einzigartigen Projekt die Tiere mit technischer Hilfe nach Italien zum Überwintern zu leiten und damit eine alte Zugroute wiederzubeleben. Als Leiter des Projekts "Waldrapp" und Pilot schwingt sich der Biologe deshalb regelmäßig mit einem Ultraleichtflugzeug in die Lüfte, um den schwarzen Ibis von Österreich und Bayern an die Küste der Toskana zu bringen: "Seit 2004 geleiten wir Tiere systematisch mit Fluggeräten in den Süden." Auch jetzt sind er und seine Kollegen wieder mit elf Waldrappen unterwegs – in der Luft unterstützt vom frischgebackenen Paragleiter-Weltmeister Walter Holzmüller.

Amy und die Wildgänse als Vorbild

Fritz, Holzmüller und Co können sich bei ihrem Vorhaben auf einen erfolgreichen Kinofilm als Vorbild berufen: In "Amy und die Wildgänse" aus dem Jahr 1995 brütet die Hauptdarstellerin ein verwaistes Gänsegelege aus und weist den Jungen später selbst den Weg ins Winterquartier. Dieser Film beruht wiederum auf einem erfüllten Kinderwunsch des kanadischen Künstlers und Erfinders Bill Lishman, der nichts mehr wollte, als sich mit Vögeln in die Lüfte zu schwingen. Wegen einer Sehschwäche durfte er allerdings nicht Pilot werden, sein Traum vom Abheben mit den Vögeln starb jedoch nie – und erfüllte sich endlich im Oktober 1993: Als "Vater der Gänse" hob er nach langen Tüfteleien mit einem Ultraleichtflugzeug ab, eine Gruppe Kanadagänse im Gefolge. Über tausende Kilometer leitete er den Trupp sicher von Kanada nach Süden.

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Mensch als Leittier | Mit Ultraleichtflugzeugen, so genannten Paraplanes, führen die Piloten ihre Schützlinge in den Süden.
Ein Erfolg, der ihm einigen Ruhm bescherte. "Bill war ein Pionier. Er war der Erste, der Vögel großzog und als Ziehvater mit Hilfe der Technik in der Luft anführte", lobt der Ornithologe Gavin Shire vom Vogelschutzverband American Bird Conservancy. Endlich konnte gefährdeten Zugvögeln geholfen werden: "Man kann gezüchtete Ibisse, Gänse oder Kraniche nicht einfach dort aussetzen, wo sie einst ausgerottet wurden. Sie würden nicht ziehen, denn dieses Verhalten ist nicht angeboren. Sie müssen es erwerben", so der Biologe.

Auch einige Europäer wie Christian Moullec ließen sich von diesem Durchbruch inspirieren. Der französische Tierschützer will die vom Aussterben bedrohte Zwerggans (Anser erythropus) retten, indem er einige Tiere mit einem Ultraleichtflugzeug von Finnland nach Mitteleuropa lenkt, wo sie im Gegensatz zu ihrem traditionellen südeuropäischen Überwinterungsgebiet nicht gejagt werden. Sein Projekt hängt jedoch seit Jahren in der Schwebe.

Ab in den Süden

Johannes Fritz ist dagegen umso erfolgreicher. Seit 2004 leitet er mit seinem Team nun schon erfolgreich Waldrappe von Oberösterreich über die Alpen an die Küste der Toskana, und ab 2007 begann er das Gleiche mit im Zoo nachgezüchteten Ibissen von Burghausen aus. Seit Mitte August befinden sie sich auf dem Weg und haben nun Venedig erreicht: "Mit unseren elf Vögeln haben wir nun gut die Hälfte der Flugstrecke hinter uns", freut sich der Projektleiter über die Fortschritte. Denn ganz problemlos startete die Unternehmung dieses Jahr nicht. "Mehr als einen Monat lang wurden wir dieses Jahr am Training gehindert, als die Vögel flügge geworden sind, weil das Wetter so schlecht war. Mit Beginn der Migration waren wir uns überhaupt nicht sicher, ob die Tiere den Fluggeräten folgen oder nicht. Aber mittlerweile läuft es recht gut."

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Waldrapp | Mönche schätzten ihn im Mittelalter als Fastenspeise. Heute überleben wilde Waldrappe bislang nur in winzig kleinen Brutkolonien in Syrien und Marokko. Umso wichtiger erscheint es, den Vogel auch in Mitteleuropa wieder anzusiedeln und ihn an seinen natürlichen Zuginstinkt zu erinnern.
Bis Ende September sollen die Waldrappe in der Toskana ihre Artgenossen aus früheren Flügen treffen, wenn das Wetter und die Technik mitspielen. Wie die amerikanischen Kollegen profitieren die Biologen von der im Lauf der Jahre stetig verbesserten Technik und Forschung an den Zöglingen. Lishman etwa hatte gezeigt, dass ihm seine Tiere überall hin folgen, wenn man sie nur früh genug an die seltsamen, lärmenden Geräte gewöhnt, auf denen er ihnen vorausfliegt. "Wichtig ist, dass die Vögel die Flugzeuge als ihresgleichen betrachten: Wir spielen ihnen schon im Ei Motorengeräusche vor und präsentieren den Flieger wenige Tage nach dem Schlüpfen", erklärt Shire. "Nacheinander konnten wir mit dieser Technik erfolgreich Trompeterschwäne, Kanada- und Schreikraniche nach Süden führen", sagt Liz Condie von der Organisation Operation Migration, die Lishman 1993 gegründet hat.

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Waldrappe auf dem Ultraleichtflugzeug | Nachdem zwei Vögel mit dem Propeller kollidierten, wurde dieser mit einem Vollschutz umhüllt.
Fehlentwicklungen sind nicht zu erwarten, entwarnt Fritz: "Wir ziehen die jungen Waldrappe per Hand auf, damit sie die Piloten als Ersatzeltern annehmen. Sie werden sozial geprägt und folgen ihren Ziehvätern überall hin. Später paaren sie sich aber problemlos mit Artgenossen und gehen nicht fremd." Probleme machte eher die Technik: "Wir müssen sehr langsam fliegen, damit uns die Vögel folgen können. Unsere alten Fluggeräte mit starren Tragflächen hatten deshalb immer wieder Motoraussetzer." Neue, flexiblere Schirme halten das "Leittier" jetzt aber zuverlässig und stabil in der Luft – die Ibisse binden es sogar immer wieder in ihre Formation ein. Was früher nicht ganz ungefährlich war: "Letztes Jahr haben wir zwei Vögel verloren, die mit dem Propeller kollidierten. Deshalb haben wir ihn dieses Mal mit einem Vollschutz umhüllt. Ausfälle hatten wir daher bislang zum Glück noch nicht."

Zurück geht es allein

Den Weg nach Hause finden die Vögel dann nach dem Winter allein. Bis es allerdings so weit ist, dauert es noch ein paar Jahre: "Momentan haben sich schon 30 Waldrappe in der Laguna de Orbitello in der Toskana eingefunden – alles Jungvögel, die wir in den letzten Jahren dorthin geleitet haben. Bis sie volljährig sind, bleiben sie dort und streifen nur umher. Erst wenn sie geschlechtsreif sind, geht es zurück", so Fritz.

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Waldrappe über dem Flugschirm | Der Pilot muss sehr langsam fliegen, damit ihm die Vögel folgen können – eine Herausforderung an Mensch und Technik.
Eine Gruppe von sechs erwachsenen Tieren wird sich mit seinem Nachwuchs ebenfalls bald hinzugesellen. Sie ziehen bereits allein, nachdem sie von den Forschern vor fünf Jahren angelernt worden waren: "Damals wollten wir die Vögel direkt über die Alpen leiten, was scheiterte. Wir haben sie dann mit dem Auto über das Gebirge gebracht und sind mit ihnen erst von Norditalien weitergeflogen", erklärt Fritz. Deshalb wandern sie auch "nur" zwischen der Toskana und Norditalien, sie geben dieses Wissen aber an ihren Nachwuchs weiter. Ein ermutigendes Zeichen, freut sich der Biologe: "Wir haben gezeigt, dass wir ein natürliches Zugverhalten wiederherstellen können." 2011, wenn die ersten Burghausener erwachsen sind, wird sich zeigen, ob die Waldrappe nach Jahrhunderten auch wieder nach Deutschland heimkehren möchten – so, wie sie auf mittelalterlichen Bildern zu sehen sind.
37. KW 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 37. KW 2009

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