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Zum Tod von Jürgen Habermas: Der bundesrepublikanische Philosoph

Jürgen Habermas war eine der wenigen ganz großen intellektuellen Figuren der Bundesrepublik – und über viele Jahrzehnte der wichtigste deutsche Philosoph. Nun ist er im Alter von 96 Jahren verstorben.
Ein älterer Mann mit weißen Haaren und Brille schaut nach oben leicht an der Kamera vorbei. Er hebt den Zeigefinger seiner linken Hand und scheint zu mahnen oder zu diskutieren.
Jürgen Habermas (18. Juni 1929 – 14. März 2026)

Anders als in der Epoche vor dem Zweiten Weltkrieg, die von großen Denkern wie Edmund Husserl, Max Scheler, Ludwig Wittgenstein, Rudolf Carnap, Martin Heidegger, Ernst Cassirer oder Karl Jaspers geprägt war, hat die deutsche Philosophie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht mehr viele weltweit diskutierte Intellektuelle hervorgebracht, aber doch mindestens einen: Jürgen Habermas, der am 14. März 2026 im Alter von 96 Jahren verstorben ist.

Dabei kokettierte der gebürtige Düsseldorfer stets gerne damit, sich selbst weniger als Philosophen zu verstehen denn als Soziologen. Dies spiegelte den Anspruch seiner zwei wichtigsten akademischen Lehrer – Theodor W. Adorno (1903–1969) und Max Horkheimer (1895–1973) – wider, passte aber auch zur intellektuellen Heimat aller drei, der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule, angesiedelt vor allem am Frankfurter Institut für Sozialforschung. Dass sich philosophische Fragen nicht ohne den Blick auf konkrete gesellschaftliche Verhältnisse bearbeiten lassen, stand für Habermas außer Frage. Hier beeinflusste ihn auch der amerikanische Pragmatismus, mit dem er über seinen ehemaligen Studienfreund Karl-Otto Apel (1922–2017) in Berührung gekommen war. Dort gilt das (reale und potenzielle) Handeln in der wirklichen Welt als Grundlage aller Begriffe.

Neben der Kritischen Theorie mit ihren vielfältigen Wurzeln unter anderem im Marxismus und der Psychoanalyse rezipierte Habermas auch umfangreich weitere philosophische Strömungen seiner Zeit. Die analytische Philosophie und das Werk Ludwig Wittgensteins, die philosophische Hermeneutik Martin Heideggers und Hans-Georg Gadamers, der »kritische Rationalismus« Karl Poppers, der Konstruktivismus der Erlanger Schule, soziologische Großtheorien wie jene von Émile Durkheim, Max Weber, George Herbert Mead und Talcott Parsons fanden ihren Niederschlag in seinem Werk.

Frankfurt 1968 | Jürgen Habermas kritisiert beim »Pfingstkongress der Schüler und Studenten« in der Mensa der Goethe-Universität den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS).

Habermas wuchs in Gummersbach im Bergischen Land als Sohn des Wirtschaftsfunktionärs Ernst Habermas und dessen Frau Grete auf. Er gehörte zum berühmten Jahrgang 1929, der zahlreiche bedeutende Figuren der bundesdeutschen Geschichte hervorbrachte, so auch den Soziologen und Politiker Ralf Dahrendorf (1929–2009) und die Schriftsteller Walter Kempowski (1929–2007) und Hans Magnus Enzensberger (1929–2022). Nach dem Abitur 1949 und dem Studium verschiedener Fächer wurde Habermas 1954 im Fach Philosophie promoviert – wie damals üblich »grundständig«, das heißt ohne einen vorhergehenden Studienabschluss. Schon als Student publizierte er vielfältig in Zeitungen und Zeitschriften. 1953 besprach er in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« die Publikation der Metaphysikvorlesung Martin Heideggers von 1935 und machte darauf aufmerksam, dass dessen Lob für den Nationalsozialismus in der Veröffentlichung kommentarlos übernommen worden war. Damit erregte er erstmals öffentliches Aufsehen. Habermas’ Rhetorik und sein eigenes Denken waren zu dieser Zeit dabei selbst noch stark von Heidegger geprägt.

»Strukturwandel der Öffentlichkeit«: Heute ein Klassiker

1956 wechselte Habermas an das Institut für Sozialforschung, das nach der Rückkehr von Horkheimer und Adorno – die als jüdische Intellektuelle vor den Nationalsozialisten in die USA geflohen waren – seit einigen Jahren wieder das Zuhause der Kritischen Theorie Frankfurter Schule war. Nach einem Zerwürfnis mit Horkheimer habilitierte er sich allerdings nicht dort, sondern bei Wolfgang Abendroth (1906–1985) in Marburg, der dort einen Lehrstuhl für wissenschaftliche Politik innehatte; Habermas’ Habilitationsschrift »Strukturwandel der Öffentlichkeit« von 1961 wurde zum Klassiker. Nach einem Intermezzo bei Hans-Georg Gadamer (1900–2002) an der Universität Heidelberg folgte Habermas 1964 als Horkheimers Nachfolger auf den Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie in Frankfurt. 1971 wurde er neben Carl Friedrich von Weizsäcker (1912–2007) einer der Direktoren des Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-technischen Welt in Starnberg, dem späteren Max-Planck-Institut für Sozialwissenschaften. Es wurde 1984 aufgelöst, nachdem Habermas drei Jahre zuvor zurückgetreten war. In den Jahren 1983 bis 1994 war Habermas erneut als Professor an der Universität Frankfurt tätig. Sein Opus magnum, »Theorie des kommunikativen Handelns«, hatte er noch in Starnberg abgeschlossen.

Das zweibändige, fast 1200 Seiten zählende Werk formuliert gleich mehrere miteinander verflochtene Großtheorien: eine Bedeutungs- und Handlungstheorie, eine Theorie sozialen Handelns und eine Gesellschaftstheorie. Dies alles stets unter dem Anspruch, die Gesellschaft nicht nur beschreiben, sondern begründet kritisieren zu können. Zu diesem Zweck beruft es sich auf eine Vielzahl von Quellen, die geradezu ein Panorama des sprach-, handlungs- und sozialtheoretischen Denkens des 20. Jahrhunderts umfassen. So stellt Habermas darin mit dem Psychologen Karl Bühler (1879–1963) fest, dass Sprechen stets drei Aspekte hat: Darstellung, Appell und Ausdruck. Aus der Sprechakttheorie des Briten John L. Austin (1911–1960) und des US-Amerikaners John Searle (1932–2025) sowie der Bedeutungstheorie des britischen Sprachphilosophen Michael Dummett (1925–2011) leitet er den Gedanken ab, dass jedes Sprechen immer auch ein Handeln, nämlich ein Erheben von Geltungsansprüchen ist, auf die ein Gegenüber mit »Ja« oder »Nein« reagieren kann. Und dass einen Sprechakt zu verstehen bedeutet, zu verstehen, welche Begründungen der Sprecher, der ihn tätigt, für diesen Geltungsanspruch nennen könnte.

Im Rahmen dieser pragmatischen Bedeutungstheorie beschreibt Habermas verschiedene Arten menschlichen Handelns im gesellschaftlichen Kontext, die von unterschiedlichen Arten von Vernunft geprägt sind: instrumentelles, strategisches und kommunikatives Handeln. Während instrumentelles Handeln unpersönliche Mittel zu einem Zweck einsetzt und strategisches Handeln den Einfluss auf andere Menschen – ebenfalls bloß als Mittel – nutzt, ist kommunikatives Handeln ein Handeln, in dem Handelnde sich durch Verstehen miteinander koordinieren. Dabei beschreibt er instrumentelles und strategisches Handeln als defizitäre Formen des kommunikativen Handelns. Dies war neu: Habermas brach hier mit den Traditionen der Handlungstheorie, wo in der Regel davon ausgegangen wurde, dass Zweckrationalität die grundlegende Form von Vernunft im Handeln darstellt.

Die Gesellschaft als System und Lebenswelt

Mit diesem handlungs- und kommunikationstheoretischen Handwerkszeug konnte Habermas nun, in Anlehnung an verschiedene Theoretiker, darunter auch den oft als seinen Gegenspieler aufgefassten Systemtheoretiker Niklas Luhmann (1927–1998), die Gesellschaft unter zwei komplementären Aspekten beschreiben: einerseits als System, charakterisiert durch instrumentelles und strategisches Handeln; andererseits als Lebenswelt, charakterisiert durch kommunikatives Handeln. Gesellschaftskritik kann in diesem Rahmen zum Beispiel die Form von Kritik an der »Kolonialisierung der Lebenswelt durch die Systeme« annehmen. Exemplarisch für diese Kolonialisierung ist für Habermas beispielsweise die Verrechtlichung und Bürokratisierung von Erziehung und Bildung im modernen sozialen Rechtsstaat, die zwar einerseits patriarchalische Willkür beseitigt, aber andererseits dazu führt, dass rechtliche und administrative Rationalität in Handlungsbereiche eindringt, die einer solchen Umstellung entgegenstehen, sodass diese in der Folge kommunikativ verarmen. Wenn beispielsweise wohlhabende Eltern ein Kind in Ausbildung nur sehr knauserig finanzieren, gibt das System dem Kind das Mittel der gerichtlichen Unterhaltsklage an die Hand – doch dem stehen lebensweltliche Erwägungen entgegen. Konkret etwa, dass kaum ein Kind gerne der eigenen Familie mit Klage droht. Unter Bediensteten von Behörden, die maßgeblich System sind, mag man einen Prozess zur Klärung eines Erstattungsanspruchs anschieben und sich trotzdem in der Kantine bestens verstehen. Aber Lebenswelt ist eben etwas anderes.

Vielfach ausgezeichnet | Jürgen Habermas mit seiner Frau Ute im Jahr 2016 bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Frankfurter Paulskirche.

Habermas’ Werk ist mit der Darstellung seines monumentalen Hauptwerks aber längst nicht vollständig erfasst. Neben weit über 20 Bänden mit Aufsätzen, Vorlesungen und Essays verfasste er im Lauf der Zeit eine Reihe von Monografien unterschiedlichen Umfangs, von denen viele heute zum Kanon des Fachs gehören, etwa »Erkenntnis und Interesse« (1968) über die methodische Stellung der Erkenntnistheorie vor allem der Sozialwissenschaften, »Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus« (1973), »Der philosophische Diskurs der Moderne« (1988) und »Faktizität und Geltung« (1992) zur Philosophie und Soziologie des Rechts. Für Diskussionen haben auch seine Arbeiten über »Nachmetaphysisches Denken« (zwei Bücher 1988 und 2012) gesorgt. Noch 2019, mit über 90 Jahren, legte er mit dem 2000-seitigen Doppelband »Auch eine Geschichte der Philosophie« ein stark rezipiertes, umfassendes historisch-systematisches Werk über Philosophie und Religion vor.

Habermas’ wissenschaftliche Publikationstätigkeit war häufig mit engagierten öffentlichen Positionierungen verbunden. In mindestens zwei der prägenden intellektuellen Debatten der Bundesrepublik spielte er eine zentrale Rolle: beim sogenannten Positivismusstreit um die Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie der Sozialwissenschaften Mitte der 1960er Jahre sowie im Historikerstreit 1986/87 um die historische Einordnung der nationalsozialistischen Massenmorde und die Konsequenzen für den Blick der bundesdeutschen Intellektuellen auf die eigene Geschichte. Hier wandte er sich entschieden gegen die Versuche konservativer Historiker wie Ernst Nolte (1923–2016), die NS-Verbrechen und insbesondere die Vernichtung des europäischen Judentums als letztlich aus der historischen Situation erklärbar zu »normalisieren«.

Der »letzte deutsche Großintellektuelle«

Doch auch in allen anderen größeren Kontroversen bezog Habermas Stellung. Schon als junger Assistent hatte er sich Ende der 1950er Jahre gegen die damals geplante Ausstattung der Bundeswehr mit taktischen Atomwaffen engagiert; die 1968er Bewegung begleitete er so eng wie kritisch. In den 1990ern stellte er sich sowohl gegen einen neuen nationalistischen Konservatismus, wie er für eine Reihe Intellektueller die Konsequenz aus der Wiedervereinigung darstellen sollte, als auch gegen die faktische Abschaffung des Asylrechts als Reaktion auf rechte Pogrome. Ob es um das militärische Eingreifen der NATO in Ex-Jugoslawien oder der USA im Irak ging, um die Finanzkrise und den Umgang der EU-Institutionen mit Griechenland, um Fragen der Bioethik oder der Neurowissenschaften – oder um den »neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit« durch Social Media: Jürgen Habermas war stets am Ball. Er erwarb sich damit schon vor Jahrzehnten den Ruf eines der »letzten deutschen Großintellektuellen«. Zuletzt hatte er sich zum russischen Angriff auf die Ukraine mehrfach (in durchaus umstrittener Weise) geäußert.

Der Philosoph privat | Habermas im August 1981 auf der Terrasse seines Hauses am Starnberger See.

Habermas' Denken schien dabei, oberflächlich betrachtet, nie sonderlich radikal. Letztlich war es immer der Vorstellung verpflichtet, dass Vernunft sich nicht bloß in den menschlichen Köpfen oder in der Sprache abspielt, sondern sich diskursiv entwickelt, durch sprechende und handelnde Auseinandersetzung im öffentlichen Raum mit seinen Institutionen. Die in den liberalen marktwirtschaftlichen Rechtsstaaten trotz all ihrer Defizite – und, wie er es nannte, »Pathologien« – errungenen Fortschritte wie Parlamentarismus, Rechtsstaatlichkeit oder auch die europäische Einigung verteidigte er bis zuletzt in Theorie und Praxis. Damit machte er sich nicht nur bei Rechtskonservativen unbeliebt. Seine Position zur 1968er Bewegung, seine zunehmende Distanz zur frühen Kritischen Theorie seiner Lehrer Horkheimer und Adorno wie auch sein Bekenntnis zur parlamentarischen Demokratie brachten auch traditionsmarxistische und linksradikale Intellektuelle gegen ihn auf. Als zentrale Figur beim Plädoyer für einen deutschen »Verfassungspatriotismus« Ende der 1980er Jahre hatte Habermas großen Anteil an dem lange geltenden »postnationalistischen« und entschieden proeuropäischen Selbstverständnis der bundesrepublikanischen Eliten, galt aber auch zunehmend als staatstragend.

Gegen Ende seines Lebens wandte Habermas sich, für viele überraschend, der Frage nach dem Stellenwert der Religion zu. »Auch eine Geschichte der Philosophie« befasste sich zuletzt maßgeblich mit dem Verhältnis von Glauben und Wissen in der europäischen Geistesgeschichte. Die Reibungsflächen mit Habermas im öffentlichen Diskurs wurden dadurch nicht weniger.

Stilikone der linksliberalen Bundesrepublik

Bei alledem war Jürgen Habermas bis zuletzt eine stilprägende Figur. Sein Haus in Starnberg mit seinen über mehrere Ebenen reichenden offenen Räumen und Bücherwänden, 1971/72 als erstes Werk des später bekannt gewordenen Architekturbüros Hilmer Sattler errichtet, ist ein geradezu idealtypisches Gebäude einer aktualisierten klassischen Moderne. Der Historiker Philipp Felsch hat am Anfang seines Habermas-Buchs »Der Philosoph« beschrieben, wie Habermas ihn dort in »Chinos und fabrikneuen Reeboks« begrüßte und sich entschuldigte, dass der Marmorkuchen etwas zu dick geschnitten sei. Habermas und das Selbstbild der linksliberalen Bundesrepublik waren sozusagen identisch: prononciert nüchtern, international, allseits offen, intellektuell-rationalistisch, großzügig, aber geschmackvoll, bei allem Understatement herausragend freundlich und hochstilisierter brillanter Kälte abgeneigt.

Neben seinem gewaltigen, international (besonders in den USA) rezipierten Werk und bedeutenden Schülern wie etwa Axel Honneth und Rainer Forst hinterlässt Habermas als wichtigstes Erbe vielleicht gerade diese Erinnerung an seine Persönlichkeit. In unserer Epoche, die sich mit den verschiedensten Arten von Angriffen auf die Vernunft herumzuschlagen hat, wird man in Jürgen Habermas, ob man etwas mit seinem Denken und seinen politischen Positionen anfangen konnte oder nicht, auch künftig noch geradezu ein Sehnsuchtsbild erblicken.

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