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News: Jungbrunnen für altersschwache Nerven

Ob Sprachen oder Snowboarden - Kinder lernen meistens schneller. Warum wir geistig altern, und wie man das Rad der Zeit zurückdrehen könnte, wollen Neurowissenschaftler herausgefunden haben.
Alles, nur nicht senil werden. Die Vorstellung des geistigen Verfalls ist für die meisten Menschen weitaus schlimmer als die Aussicht auf schütteres Haar und Fältchen. Wären wir auch im hohen Alter noch so lernfähig und reaktionsschnell wie ein Zwanzigjähriger; ein Traum der Menschheit würde wahr.

Audie Leventhal von der University of Utah und ihre Kollegen scheinen diesem Traum ein Stückchen näher gekommen zu sein. An den vermutlich ältesten zur Zeit lebenden Affen entdeckten sie, wie sich altersschwache Nervenzellen verjüngen lassen.

Die Wissenschaftler wollten an betagten Rhesusaffen (Macaca mulatta) untersuchen, inwiefern sich das Alter auf deren Fähigkeit auswirkt, visuelle Signale zu verarbeiten. In der chinesischen Kolonie Kunming stießen die Forscher auf über 30-jährige Affengreise – dies entspricht einem Menschenalter von etwa 90 Jahren. Die Tiere eines ehemals russisch-chinesischen Forschungsprojektes waren damit doppelt so alt, wie dies normalerweise bei freilebenden Rhesusaffen der Fall ist.

Die Forscher zeigten jungen und alten Tieren Linien und Balken auf Computerbildschirmen, die sich in ihrer Orientierung und Bewegungsrichtung unterschieden. Dabei verfolgten sie, wie die zuständigen Nervenzellen des visuellen Cortex antworteten, jenem Bereich der Hirnrinde, in dem visuelle Informationen verarbeitet werden.

Während bei den jüngeren Tiere jedes der Neurone nur sehr spezifisch bei bestimmten Bewegungsrichtungen antwortete, waren die Nervenzellen der 26- bis 32-jährigen Affen weitaus weniger wählerisch. Sie feuerten unspezifisch, also auch bei unterschiedlichen Informationen – eine mögliche Ursache, warum alternde Gehirne nicht mehr präzise zwischen verschiedenen Reizen unterscheiden können, vermuten die Wissenschaftler.

Was die jungen Nervenzellen so pingelig macht, zeigte das Forscherteam in einem weiteren Experiment. Während der Bilderpräsentation spritzen sie den Tieren den Neurotransmitter Gamma-Aminobuttersäure (GABA) und seinen Gegenspieler Biculcullin.

Während GABA die Nervenzellen junger Affen kaum zu beeinflussen schien, zeigte es bei den Neuronen der 26- bis 32-jährigen Affen eine erstaunliche Wirkung. Die Zellen schienen sich "zu verjüngen" und reagierten genauso spezifisch auf die Reize wie die eines 7-jährigen Tieres. Umgekehrt schienen die Nervenzellen junger Affen dagegen um 20 Jahre "zu altern", wenn die Forscher den GABA-blockierenden Antagonisten injizierten.

Die Forscher glauben daher, dass die hemmende Wirkung von GABA dafür verantwortlich ist, dass Nervenzellen nur auf spezifische Signale aus der Reizflut reagieren, die ihnen das Auge übermittelt. Möglicherweise sei eine verringerte GABA-Produktion der Grund, warum auch alte Menschen Probleme haben, einem Gespräch auf einer lauten Feier zu folgen oder sich im Verkehr zurechtzufinden.

"Wenn dieser Mechanismus bei der Verarbeitung von visuellen Reizen funktioniert, warum sollte er nicht auch auf andere Sinnesreize übertragbar sein", so Leventhal. "Hoffentlich können wir mit unserer Studie noch andere Wissenschaftler dazu anregen herauszufinden, warum ihre Kinder immer etwas cleverer sind als sie selbst."

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