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Kadaverökologie: Mehr Toleranz für verwesende Leichen

In Europas Wäldern liegt nur selten verendetes Tier. Was wäre, wenn Kadaver nicht entsorgt werden? Versuche zeigen: Dann geschieht Gutes. Denn fast alles, was man dachte, erwies sich als falsch! Ein Gastbeitrag
Zahlreiche Tierarten nutzen Aas. So freuen sich auch die als Allesfresser bekannten Rotfüchse über einen toten Hirsch.

Schon als Schüler war ich begeisterter Pilzsammler und oft in Wald und Moor unterwegs. Soweit ich mich erinnere, stieß ich dabei lediglich ein einziges Mal auf einen Rehkadaver. Sonst entdeckte ich höchstens Überbleibsel von Vögeln oder kleineren Säugetieren wie Mardern oder Katzen.

Auf Grund strenger Hygieneregeln in der Landwirtschaft sind Tierkadaver bei uns ein seltener Anblick. Kaum ein Wildtier stirbt an Altersschwäche; vielmehr werden sie Opfer von der Jagd, von Seuchen wie der Afrikanischen Schweinepest und nicht zuletzt vom Straßenverkehr. So werden in Deutschland jährlich über eine Million Rehe geschossen und etwa 200 000 überfahren.

Seit wieder Wölfe in nennenswerter Zahl bei uns heimisch geworden sind, finde ich immerhin manchmal Überreste ihrer Beute. Doch all diese Kadaver werden früher oder später beseitigt. Dagegen gehört in anderen Ländern wie Indien der Anblick von verendeten Tieren zum Alltag. Und in letzter Zeit befassen sich auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für das Fach Kadaverökologie – früher Aasökologie genannt – mit dem vermeintlich anrüchigen Thema.

Kadaver beim Sonntagsspaziergang

Was geschieht, wenn Kadaver wieder regelmäßig in der Landschaft liegen bleiben? Stellen sie womöglich ein gesundheitliches Risiko dar oder riechen sie einfach nur streng? Gibt es auch positive Effekte? 2005 begann ich damit, genau diese Dinge zu erforschen. Unser Wissensstand zur Kadaverökologie beschränkte sich damals in Deutschland fast nur auf kleine Tierleichen oder auf die Ökologie der Käfergattung Nicrophorus (Totengräber). Im November 2008 starteten wir an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus-Senftenberg zusammen mit dem Landesbetrieb Forst Brandenburg das Projekt »NECROS« – dankenswerterweise tatkräftig unterstützt von zahlreichen Studierenden.

Auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz Lieberose etwa 30 Kilometer nördlich von Cottbus legten wir Unfallwild oder bei der Jagd bleifrei geschossene Tiere aus; hauptsächlich handelte es sich um Rehe, Rothirsche und Wildschweine. Abseits von der Zivilisation sollte sich hier niemand an dem Geruch stören oder – so glaubten wir – unsere Experimente beeinflussen. Letzteres erwies sich allerdings als naive Vorstellung: Technische Geräte wurden uns immer wieder gestohlen, Familien mit kleinen Kindern durchstöberten regelmäßig auf ihren Sonntagsspaziergängen die verwesenden Leichen.

Geschickter hatten sich unsere Kollegen in den Niederlanden angestellt: Sie übersprangen die von uns initiierte Grundlagenforschung und gingen direkt zur Umweltbildung über. Bart Beekers von der Naturschutzorganisation ARK Natuurontwikkeling in Nimwegen führt regelmäßig Schulklassen zu ausgelegten Kadavern. In der Tat halte ich es für wichtig, den Tod von Tieren wieder als etwas Natürliches zu begreifen.

Doch zurück zu unserem Projekt: Im Gegensatz zu Forensikern, die möglichst standardisierte Kadaver von Hausschweinen einsetzen und diese vor Wirbeltieren durch Käfige oder Draht schützen, wollten wir erproben, was tatsächlich mit großen Tierkörpern passiert. Einige Kadaver, die keine offenen Wunden hatten, schnitten wir auch auf, um so die Einwirkung durch Wölfe oder andere Beutegreifer zu simulieren.

Fast alles, was wir im Vorfeld geglaubt hatten, erwies sich im Nachhinein als falsch! Wir fühlten uns an das Bonmot des englischen Biologen Thomas Henry Huxley (1825–1895) erinnert: Die große Tragödie der Wissenschaft ist das Erschlagen einer wunderschönen Hypothese durch eine hässliche Tatsache. So mussten wir als Erstes die naheliegende Idee opfern, dass ein Kadaver im Sommerhalbjahr durch das Zusammenspiel von Wirbeltieren, Insekten und Bakterien signifikant schneller abgebaut wird als im Winter: Das erste Wildschwein, das wir im November 2008 ausgelegt hatten, war bereits nach einer Woche komplett skelettiert.

Thanatophilus sinuatus | Der Gerippte Totenfreund, ein in Mitteleuropa häufiger Aaskäfer, ernährt sich ausschließlich von Kadavern. Auf seinem Rücken sitzende Milben nutzen den Käfer als Transportvehikel.

Mit Hilfe von Wildkameras konnten wir verfolgen, wie sich bis zu 25 Kolkraben (Corvus corax) und fünf Seeadler (Haliaeetus albicilla) gleichzeitig am Kadaver labten. Vor Ort gefressen hatten allerdings nur die Adler. Die zahlreichen Raben füllten sich stattdessen ihren Kropf, flogen davon und versteckten ihre Beute als Vorrat. Das wiederholten sie so lange, bis nichts mehr am Kadaver zu holen war. Bei jedem Besuch zogen sie geschickt mit ihren Krallen die Wildschweinhaut passend auseinander, um so die darunter liegende kostbare Fettschicht mit ihrem Schnabel abzuschaben. Am Ende blieb ein von außen nach innen gekehrter Balg übrig.

Käferkrabbeln am Kadaver

Mit nennenswerter Insektenaktivität im Winter hatten wir ebenfalls nicht gerechnet. Wir wussten lediglich, dass die Linsenfliege (Thyreophora cynophila), die lange als ausgestorben gegolten hat, im Winterhalbjahr ihre Eier an offene Markknochen legt. Aber auch der zu den Mistkäfern (Geotrupidae) gehörende Stierkäfer (Typhaeus typhoeus) gräbt seine Gänge unter dem Kadaver hauptsächlich im Winterhalbjahr. Andere Blatthornkäfer wie Dung- und Kotkäfer sammeln sich dagegen meist im Sommerhalbjahr in teils großer Zahl am Aas.

Zunächst vermuteten wir, dass die Insekten von den Kotresten angelockt werden. Wir entdeckten sie allerdings ebenfalls bei aufgebrochenem Jagdwild, bei denen die Jäger die Innereien komplett entfernt hatten. Bis heute wissen wir nicht, was die Insekten an den Tierleichen machen. Mistkäfer graben ihre Tunnel und Brutkammern unterhalb der toten Tiere. Tragen sie dabei Kadaverstücke ähnlich wie Dung in die Kammern? Oder leben die Larven von Pilzen und Mikroorganismen, die unter dem Aas gedeihen?

Trotz der uns überraschenden Winteraktivität bleibt das Frühjahr die große Zeit der Käfer, deren Individuenzahlen über den Sommer bis zum Herbst deutlich abnehmen. Erwartungsgemäß tummelten sich an den Tierleichen vor allem Aaskäfer (Silphidae). Als im Vorfrühling die ersten warmen Tage kamen, erschien zunächst die Rothalsige Silphe (Oiceoptoma thoracica). Später fanden sich auch Larven der Gattung Thanatophilus ein, die in hoher Zahl offen auf den Kadavern lebten. Bei beiden handelt es sich nicht um Jäger, sondern sie ernähren sich direkt vom Aas.

An den großen Kadavern entdeckten wir zu unserem Erstaunen auch mehrere Arten von Totengräbern (Nicrophorus), die ebenfalls zur Familie der Aaskäfer zählen. Laut Lehrbuchwissen sollten sie eigentlich nur bei den Überresten kleinerer Tiere wie Mäuse anzutreffen sein. Wir fanden sie weitgehend verborgen unter den Tierkörpern oder im Innern wie in der ausgeräumten Bauchhöhle. Bei Störungen flüchteten sie sofort und vergruben sich. Offenbar hatten sie die Kadaver direkt angeflogen, während die anderen Aaskäfer wie der verwandte Ufer-Totengräber (Necrodes littoralis) auch in mehreren Metern Abstand vom Kadaver auftauchten. Durch seine verborgene Lebensweise scheint Nicrophorus nur selten von Folgenutzern gefressen zu werden, während das bei den anderen Aaskäfern und deren Larven regelmäßig geschieht.

Die nächste Stufe der Nahrungskette

Eine begehrte Beute für die beiden Aaskäfergattungen Nicrophorus und Necrodes stellen Fliegen beziehungsweise deren Maden dar. Diese werden auch gerne von Waldameisen gefressen; entsprechend stießen wir auf unseren Versuchsflächen regelmäßig auf die Blutrote Raubameise (Formica sanguinea). Nachdem sich im Lauf des Frühsommers die räuberischen Käfer immer mehr zurückzogen, hielten sich im Herbst fast nur noch Fliegen sowie deren Larven an den Kadavern auf. Sobald die Maden das dritte Larvenstadium erreicht hatten, verließen sie den Tierkörper, und die Käfer verkrochen sich im umliegenden Boden zur Verpuppung. Das fand im Umkreis von wenigen Zentimetern, aber auch in größerer Entfernung statt. Das von uns gemessene Maximum betrug 14 Meter.

Die Maden werden nicht nur von Insekten vertilgt, sondern auch von Wirbeltieren. Mehrere kleine Singvogelarten sowie vor allem Kolkraben mögen sie gern. Vor die Wahl gestellt zwischen Wildschweinkadaver oder Maden entschieden sich die Raben im November 2012, lieber den Sandboden nach Letzteren zu durchwühlen als Aas zu fressen. Wiedehopfe (Upupa epops) hatten gelernt, dass der Boden rings um die toten Tiere voll Futter steckt. Dabei fraßen sie hauptsächlich Mistkäfer und suchten in der Erde nach weiterer Nahrung.

Für alle Zugvögel fungiert der Futterplatz um das Aas als entscheidende Überlebenshilfe, wenn sie ausgezehrt aus dem Winterquartier zurückkehren und wegen eines späten Kälteeinbruchs keine sonstigen Insekten finden, wie wir Ende April 2016 beobachtet hatten. Da im Winter die Insektenmaden im letzten Larvenstadium verharren und sich erst im Frühjahr verpuppen, stellt der Boden rund um den Kadaver einen reich gedeckten Tisch für überwinternde Vögel dar. Davon machten zum Beispiel Waldschnepfen Gebrauch.

Wie viele Maden überwintern rund um das Aas? Um das herauszufinden, bestimmten wir deren Dichte im Boden und kamen hochgerechnet auf einen Wert von 400 000 Individuen, die es bis zum letzten Larvenstadium schaffen. Tatsächlich dürften es sogar wesentlich mehr sein, da doch etliche von den verschiedenen Räubern gefressen werden. So führten die schon erwähnten Waldameisen regelrechte Prozessionen vom Kadaver zum Nest durch, um erbeutete Maden einzutragen.

Neben den unzähligen Fliegenmaden müssen auch Käferlarven im Boden stecken. Von diesen sollten ebenfalls Maulwürfe profitieren. Wir rechneten allerdings nicht damit, dies jemals nachweisen zu können, bis es dem Naturschützer Dieter Haas in Baden-Württemberg gelang, einen Maulwurf zu fotografieren, der gerade zwischen den Knochen eines verendeten Tiers aus dem Boden schaute. Später entdeckten wir, dass Wildschweine nicht nur nach den tiefer vergrabenen Käferpuppen suchen, sondern auch nach den Wintermaden im Boden.

Sogar Bienen laben sich an Leichen

Der Spätsommer gilt als Hochsaison für Wespen. Vor allem die Gemeine (Vespula vulgaris) sowie die Deutsche Wespe (Vespula germanica) wussten den Kadaver zu nutzen, wobei sie das Fleisch für ihre Larven ins Nest trugen. Da sie offenbar immer wieder zur gleichen Stelle zurückkehrten, entstanden dabei regelrechte Tunnel. Hornissen hatten es weniger auf das Aas als vielmehr auf Fliegen und die kleineren Wespenarten abgesehen, die sie um den Kadaver herum erbeuteten. Ebenfalls in großer Zahl ließen sich Grabwespen beobachten: Auf einem Wildschwein zählten wir bis zu 50 Individuen, die ausschließlich Goldfliegen (Lucilia) jagten.

Käfer und Fliegen sind als Aasfresser bekannt; bei anderen Insektengruppen wie den Hautflüglern (Hymenoptera) – zu denen Wespen und Ameisen zählen – war eine solche Nekrophagie nicht unbedingt zu erwarten. Doch die Waldameisen schleppten sogar ganze Fleischstücke vom Kadaver ins Nest und beseitigten nebenbei die Leichen anderer Insekten. Da einige Insektenarten direkt nach der Reproduktion sterben, bilden sie gleichsam ein zweites Nahrungsnetz aus toten Organismen. Als Opportunisten jagten die Ameisen auch die frisch aus dem Boden geschlüpften Fliegen, die ihnen ohne gehärteten Chitinpanzer wehrlos ausgeliefert waren.

Aphantopus hyperantus | Schmetterlinge wie der Braune Waldvogel lassen sich meist auf Pflanzen nieder. Doch überraschenderweise hat hier ein Exemplar an einem Hirschknochen Gefallen gefunden.

Mit einer großen Zahl Blüten besuchender Insekten hatten wir ebenfalls nicht gerechnet. So saugte eine Reihe von Schmetterlingsarten an den Kadavern. Wenig appetitlich erscheint ein solches Verhalten bei Honigbienen (Apis), aber genau aus diesem Grund sollten Babys nicht mit Honig gefüttert werden, denen sonst Säuglingsbotulismus droht. Den Schmetterlingen geht es vermutlich um Spurenelemente wie Natrium, die sie für die Ausbildung der Flugmuskulatur brauchen.

Als strenge Vegetarier unter den Insekten gelten laut Literatur eine Reihe von Heuschreckenarten und Wanzen. Deshalb beachteten wir zunächst die Heuschrecken nicht, die wir ständig auf den Tierkörpern gesehen hatten, sondern hielten das für Zufall. Doch als ein Weibchen der Italienischen Schönschrecke (Calliptamus italicus) vor unseren Augen von einem Rehkadaver fraß, mussten wir abermals einen Teil unserer vermeintlich sicheren Weltsicht vergessen. Die häufig vorkommenden Feuerwanzen, deren Nahrung »eigentlich« aus Pflanzensamen bestehen sollte, saugten ebenfalls an den Kadavern, an toten Insekten oder – bei einem gesonderten Experiment – an einem Hühnerei.

Ein vermeintlicher Aasfresser, der keiner ist

Wirbeltiere können Kadaver auf dreierlei Weise nutzen – als Aasfresser, als Folgenutzer der zahlreichen Insekten oder als Sammler von Haaren für den Nestbau. Besonders beeindruckt haben mich die für ihre Intelligenz bekannten Meisen, die alle drei Möglichkeiten beherrschten: Im Winterhalbjahr fraßen sie direkt vom Aas, wobei sie teilweise kopfüber von den Rippen des toten Tieres hängend selbst die kleinsten Reste wegpickten. Sobald Insekten auftauchten, vertilgten sie auch diese, und das Fell von Rehen und Hirschen ergab wohl ein wunderbares Polster für das Vogelnest. Unsere niederländischen Kollegen haben wiederum Eichhörnchen beim Einsammeln von Rehhaaren gefilmt.

Amphibien und Reptilien nutzten ebenfalls Insekten am Kadaver als Nahrungsquelle. Direkt gesehen haben wir Teichfrösche und Zauneidechsen, aber es spricht nichts dagegen, dass dies für andere Froschlurche und Eidechsen genauso gilt. In den ersten Jahren des Projekts zeigten unsere Fotofallen noch eine zu schlechte Auflösung, um gut getarnte Eidechsen oder Mäuse nachzuweisen. Ich gehe jedoch davon aus, dass seltene Reptilienarten in entsprechenden Biotopen an Kadavern ebenfalls beobachtet werden können.

Dagegen wollten meine Partner vom Landesbetrieb Forst Brandenburg es schier nicht glauben, dass Wildschweine extrem selten das Fleisch der toten Tiere fressen. Lediglich dreimal konnten wir das dokumentieren, und zwar im Winter bei zum Teil hohem Schnee. Erst als ein Förster selbst ein Jahr lang solche Versuche durchgeführt hatte, sprach sich die neue Erkenntnis herum.

Die Wildschweine tauchten vielmehr am Ende des Zersetzungsprozesses auf, weil sie es auf die Knochen abgesehen hatten. Dabei kauten sie vor allem Rippen, die Dornfortsätze der Wirbel und die zarteren Knochenpartien an der Schnauze des Tierkörpers ab. Ähnlich wie Insekten müssen sich auch Säugetiere mit Spurenelementen versorgen. Die eher kargen Sandlandschaften Brandenburgs bieten dazu nur wenig Gelegenheit, so dass Skelettteile eine begehrte Mineralquelle darstellen.

Als Aasfresser bekannt sind Geier. In Deutschland waren einst vier Spezies heimisch – sie gelten aber mittlerweile als so gut wie ausgestorben. Wiederauswilderungsprojekte laufen unter anderem in der Schwäbischen Alb für den Gänsegeier (Gyps fulvus) sowie in den Bayerischen Alpen für den Bartgeier (Gypaetus barbatus). Bartgeier ernähren sich bis zu 80 Prozent von Knochen.

Wer im Knochen wohnt

Wir beobachteten dagegen Rotmilane (Milvus milvus), die mit Schweinerippen davonflogen und diese einmal sogar vor unserer Kamera als Ganzes verschluckten. In der Arktis hatte man in Mägen von Strandläufern Skelettüberreste von Lemmingen gefunden. Natürlich jagen die kleinen Schnepfenvögel keine Lemminge, vielmehr picken sie die Knochen aus den Gewöllen von Schnee-Eulen heraus, die sich zuvor an den Wühlmäusen gütlich getan haben. Schnecken nutzen wiederum Skelettteile als Materialquelle für ihr Kalziumgehäuse.

Große Knochen spielen eine weitere, wenn auch kaum untersuchte Rolle: als Habitat. Auf den ostdeutschen Truppenübungsplätzen stößt man heute immer noch auf Rinderknochen aus Hausschlachtungen der Roten Armee. Diese inzwischen mehr als 30 Jahre alten Gebeine weisen eine kaum bekannte Vielfalt an Moosen und Flechten auf. Wie mein damaliger Kollege Hans-Georg Wagner von der BTU Cottbus beobachtete, sind darunter auch solche, die in kalkarmen Sandlandschaften generell nicht vorkommen – es sei denn, sie finden ein Trittsteinbiotop wie die großen Knochen. 2015 entdeckten wir dabei sogar eine neue Schlauchpilzart, die wir auf den Namen Pleurophoma ossicola tauften.

Ohne große Knochen fehlt solchen noch unbekannten Zönosen die Lebensgrundlage. So wurde die eingangs genannte Linsenfliege, deren Maden sich im Winter in offenen Markknochen entwickeln, erst 2010 – nach mehr als 160 Jahren – in Spanien wiederentdeckt. Dort gab es bis zur BSE-Krise noch traditionelle Schindanger, auf denen die Landbevölkerung ihre Tierabfälle entsorgte. Das rettete nicht nur die letzte größere Geierpopulation in Europa, sondern auch die unscheinbaren Mitglieder des Nahrungsnetzes an Kadavern.

Große Kadaver stellen eine Sammlung akkumulierter Nährstoffe dar, allen voran Stickstoff. Zersetzt sich ein Tierkörper langsam, ohne durch Aasfresser beseitigt zu werden, konzentrieren sich die Nährstoffe im darunterliegenden Boden (siehe »Nährstoffinsel«). Meist ergibt sich folgendes Bild: Während Knochen und Haare von dem verendeten Tier zurückbleiben – sofern sie nicht von Folgenutzern fortgetragen werden –, stirbt die Vegetation unmittelbar unter der Tierleiche durch die Beschattung und die zumindest zeitweise anaeroben Bedingungen ab. Gleichzeitig düngt und bewässert der Kadaver die direkt angrenzenden Pflanzen. Auf einen kargen Bereich folgt also ein Ring mit besonders üppigem Bewuchs. Später können Pflanzensamen auch innerhalb des ebenfalls aufgedüngten, vegetationslosen Zentrums ohne Konkurrenz keimen.

Bisons grasen an Stellen, an denen ein Artgenosse verendete

Davon profitieren Pflanzenfresser, wie Gene Towne von der University of Kansas in Manhatten Im Jahr 2000 beschrieb: Nordamerikanische Bisons halten sich häufig an Stellen auf, an denen einst ein Artgenosse verendete, da sie die hier besonders gut entwickelte Vegetation mögen. Dadurch setzen die Huftiere dort mehr Dung und Urin ab, so dass die Nährstoffinsel über längere Zeit erhalten bleibt. Bei Wisentkadavern in Polen beobachteten Forscher um Claudia Melis vom Norwegischen Institut für Naturforschung in Trondheim 2007 erhöhte Kalziumwerte im Boden.

Unterhalb eines Tierkörpers stiegen laut unseren Untersuchungen erwartungsgemäß die Stickstoff- und Phosphatgehalte an, was sich auch auf die Pflanzen auswirkte. So wiesen an den Kadaverstellen wachsende Exemplare des Land-Reitgras (Calamagrostis epigejos) etwa 100-mal höhere Stickstoffwerte auf als Kontrollpflanzen. Doch entgegen unseren ursprünglichen Hypothesen konnten wir nie eine Humusakkumulation nachweisen. Im Gegenteil schien es bei den untersuchten organischen Böden (Niedermoortorf und Ascheböden aus dem Braunkohletagebau) zu einem Abbau von organischer Substanz zu kommen. Auch der Säuregehalt verhielt sich anders als erwartet: Bei neutralen bis alkalischen Böden sank der pH-Wert (er wurde also saurer), bei eher sauren Böden stieg er jedoch – das Aas wirkte somit als Puffer.

Nährstoffinsel | Ein totes Wildschwein führt dem Boden erhebliche Mengen an Nährstoffen zu, wie sich anhand der Leitfähigkeit nachweisen lässt. Etwa einen Monat nach der Skelettierung liegt das Maximum der mobilisierten Nährstoffe im Zentrum unter dem Kadaver. Die Proben wurden mit einem Bodenstecher mit acht Zentimeter Durchmesser genommen.

Etwa ein Jahr nach der Zersetzung erreichten die Stickstoffwerte wieder ihr Ursprungsniveau, der Phosphatgehalt blieb dagegen nach mindestens zwei Jahren immer noch deutlich erhöht. Das nutzen Forensiker, um auch ohne Körperteile anhand der Bodenparameter Leichenliegeplätze nachzuweisen. Wenn allerdings ein Kadaver binnen kurzer Zeit von Folgenutzern aufgezehrt wird, bleiben diese Veränderungen aus, wie die Arbeitsgruppe von John Linnell vom Norwegischen Institut für Naturforschung 2020 anhand von Rehkörpern beobachtete. Das passiert nicht selten, wie wir selbst feststellen mussten: Gleich in der ersten Nacht verloren wir ein großes ausgelegtes Wildschwein an das damals sechsköpfige Lieberoser Wolfsrudel.

Verändern sich Bodenparameter durch einen Kadaver derart drastisch, dann nimmt die Diversität der Arten der Bodenfauna deutlich ab, die Individuenzahl steigt dagegen stark an. Beide Effekte konnten wir für Springschwänze und Milben nachweisen. Unterhalb eines Dachskadavers gehörten 95 Prozent der Springschwänze zur Spezies Hypogastrura vernalis, die sonst eher als selten gilt.

Wenn Aas eine solch wichtige ökologische Rolle spielt, warum werden dann verendete Tiere entsorgt? Als zu Beginn der 2000er Jahre der Rinderwahn BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie) wütete, war zunächst rätselhaft, was die Krankheit auslöst und wie sie sich verbreitet. Schnell kristallisierte sich allerdings heraus, dass das Verfüttern toter Haustiere in Form von Tiermehl an Rinder und Schafe mit der Seuche in Verbindung stehen musste. Entsprechend erließ die Europäische Union 2002 scharfe Regeln zum Umgang mit toten Tieren.

Ökologisch verfehlte Hygienepolitik

Diese aus ökologischer Sicht verfehlte Hygienepolitik veränderte die Nahrungsnetze grundlegend: Hungernde Gänsegeier griffen Schafe an, und Braunbären fanden nach der Winterruhe nichts mehr zu fressen. Zum Glück ist die EU-Verordnung 1774/2002 inzwischen aufgehoben. Mit der Novelle 1069/2009 gestattet die EU, Wildtiere für wild lebende Vögel auszulegen, und seit 2011 sind mit der Durchführungsverordnung 142/2011 auch Haustierkadaver als Nahrung für Arten der FFH- und Vogelschutzrichtlinie ausdrücklich erlaubt. Die europäische Rechtslage hat sich entspannt, so dass es Aas- und Insektenfressern europaweit deutlich besser gehen sollte.

Deutschland, das sich immerhin rühmt, den größten Anteil an Rotmilan-Populationen weltweit zu beherbergen, hätte somit die Möglichkeit, diese Lockerungen zu übernehmen und das verschwundene Nahrungsnetz an Kadavern wiederzubeleben. Doch leider wird das hier nicht praktiziert. So heißt es immer noch in der Brandenburgischen Jagdverordnung: »Aufbrüche von erlegtem Wild und erlegtes Raubwild sind von den Erlegenden so zu beseitigen, dass eine Aufnahme durch Greifvögel nicht möglich ist.«

Statt im Sinn des Erhalts der Biodiversität etwas für die vier europäischen Geierarten – die einst auch bei uns brüteten – als Flaggschiffspezies zu tun, übernahm Deutschland die Empfehlung der Europäischen Arzneimittel-Agentur, das Schmerzmittel Diclophenac in der Behandlung von Haustieren nicht zu verbieten. Dessen katastrophalen Auswirkungen für nekrophage Vögel kennt man aus Indien und Afrika, wo die Geierpopulationen dramatisch einbrachen – mit der Folge, dass sich als Tollwutüberträger bekannte fakultative Aasfresser wie Füchse oder Ratten vermehrten. Es bleibt unverständlich, wieso man bei uns besseren Wissens in die nächste ökologische Katastrophe läuft.

Auch wenn Wildtierkadaver inzwischen zur Fütterung ausgelegt werden dürfen, ist der Umgang mit toten Tieren immer noch von Traditionen und Missverständnissen geprägt. Die Veterinärämter der Landkreise können bei begründetem Seuchenverdacht wie bei der Afrikanischen Schweinepest die Beseitigung von Wildtierkadavern anordnen. Dabei sollen die Körper mindestens 50 Zentimeter tief vergraben werden. Wer im Winter bei gefrorenem Boden einen 140 Kilogramm schweren Rothirsch so beseitigen soll, weiß, wie unpraktisch dieses Verfahren ist. Die Jäger vor Ort überlegen sich daher genau, ob sie etwa bei einem Wildunfall von ihrem Aneignungsrecht des Kadavers Gebrauch machen. Tun sie das nicht, liegt die Entsorgungspflicht beim Ordnungsamt. In Brandenburg legt man mitunter Unfallwild, das nicht an die eigenen Hunde verfüttert wird, »für die Adler« aus. Das ist nicht nur pragmatisch, sondern auch ein wertvoller Dienst für eine gesunde Natur. Schließlich gehört der Tod zum Leben.

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