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Humanevolution: Kälte formte die Nase des Neandertalers

Die Nase eines Neandertalers hat man sich ja immer schon als veritablen Zinken vorgestellt - ohne sich darüber aber wirklich Gedanken zu machen. Das holen Forscher jetzt nach und finden gute Gründe für große Nasen.
NeandertalerschädelLaden...

Als der anatomisch moderne Mensch seine warme Heimat Afrika verließ, war er anpassungsfähig genug, sich auch in kälteren Regionen niederzulassen – die Neandertaler, auf die er dann im Eiszeit-Europa stieß, dürften ihm allerdings in manchen Punkten voraus gewesen sein: Sie hatten über Jahrhunderttausende verschiedene Anpassungen an das Leben im rauen Norden perfektioniert. Dazu gehören auch anatomische und physiologische Details, berichten im Fachmagazin "PNAS" nun Forscher um Rodrigo Paz vom Consejo Nacional de Investigaciones Científicas y Técnicas in Buenos Aires: Neandertalernasen, so die Forscher, waren wohl zum Beispiel prädestiniert für das Atmen im Kalten.

Die Wissenschaftler meinen das nach intensiver Analyse von Nasenpartien und Atemwegen zweier Neandertaler, die sie auf der Basis von Schädeln digital rekonstruierten. Bisher, so Paz und Co, wusste man kaum etwas über die Weichteile der Gesichtspartien von Neandertalern, die ja nicht mit den fossilen Schädeln erhalten bleiben. Die Rekonstruktion von Nasenhöhle mitsamt Nasenschleimhaut erlaubt jetzt auch, den Luftstrom in den arbeitenden oberen Atemwegen nachzuvollziehen und zu vergleichen. Dabei zeigte sich, dass in den Neandertalernasen Luft deutlich länger zirkuliert – und somit unter anderem intensiver erwärmt und angefeuchtet wird als etwa in der Durchschnittsnase eines modernen Menschen aus Südeuropa, welche die Wissenschaftler zum Vergleich anhand der vermessenen Gesichtspartien von 26 Argentiniern mit europäischen Ahnen gemittelt haben.

Ganz verloren ging das Neandertalernasen-Knowhow aber nicht: Mindestens genauso gut an das effiziente Einatmen von kalter Luft angepasst sind noch heute die typischen Nasen von Nordostasiaten, so die Wissenschaftler. In der Studie wurde die genetische Grundlage der anatomischen Anpassung nicht untersucht; denkbar wäre aber, dass moderne Menschen und Neandertaler an Kälte angepasste Erbanlagen auch ausgetauscht haben. Ähnliches vermuteten Forscher bereits zuvor – so könnten etwa verschiedene Kältetoleranzgenvarianten, die man heute noch bei den Inuit findet, ursprünglich von Eiszeit-Spezialisten wie dem Denisova-Menschen stammen.

44/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 44/2017

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