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News: Kältetod in der Antarktis

Weltweit steigen die Temperaturen, ein Trend, der in den polaren Gebieten besonders deutlich sein müsste. Doch in den größten Ökosystemen der antarktischen Landmasse sinken die Temperaturen - mit dramatischen Folgen für die Lebewelt der Region.
Eigentlich hat es in der Vergangenheit ja immer geheißen, in der Antarktis würde es wärmer. Schließlich brachen riesige Schollen aus dem Eis, und auch die Aufzeichnungen der Messstationen verhießen nichts Gutes. Außerdem passt die Erwärmung in das Bild des globalen Temperaturanstiegs. Denn im Durchschnitt stiegen die globalen Lufttemperaturen während des 20. Jahrhunderts alle zehn Jahre um 0,06 Grad Celsius. Zwischen 1979 und 1998 wurde es in jedem Jahrzehnt sogar um 0,19 Grad wärmer.

Den meisten Klimamodellen zufolge ist das Maß der Erwärmung breitenabhängig und liegt in den Polargebieten über dem Durchschnitt. Doch dies gilt offensichtlich nicht für die größte eisfreie Region der Antarktis: die Trockentäler von McMurdo. Denn Peter Doran von der University of Chicago und seine Mitarbeiter verzeichneten hier zwischen 1986 und 2000 eine Abkühlung um 0,7 Grad Celsius, wobei sie den deutlichsten Temperaturrückgang während der Sommermonate beobachteten.

Die Trockentäler von McMurdo gehören zu den wenigen Regionen der Antarktis, in deren Böden sich unzählige Mikroorganismen, aber auch Nematoden finden. Und diese Würmer haben die Forscher seit 1986 gezählt, vermessen und bestimmt - mit einem deutlichen Ergebnis: Während des 14-jährigen Zeitraums abnehmender Temperaturen ist die Zahl der Nematoden in den Böden in jedem Jahr um mehr als zehn Prozent zurückgegangen.

In dem nahe gelegenen Lake Hoare fiel infolge der Kälte die Produktivität der im Wasser lebenden Organismen in dieser Zeit um neun Prozent pro Jahr, was die Forscher vermuten lässt, dass hier schon bald weniger Kohlendioxid aus der Atmosphäre gebunden als durch den Abbau organischer Substanzen freigesetzt wird.

Die widersprüchlichen Temperaturtrends erklärt Doran mit den ungleich verteilten Messstationen in der Antarktis. Die meisten davon befinden sich auf der antarktischen Halbinsel, wo in der Tat ein Temperaturanstieg zu verzeichnen war. Bei der Abschätzung der Temperaturentwicklung in der Antarktis wurde diesen Stationen demnach schlicht ein zu großes Gewicht beigemessen.

In den Trockentälern von McMurdo, ein paar Tausend Kilometer westlich der antarktischen Halbinsel, haben nachlassende Winde und zunehmend klare Himmel jedenfalls zu jenem Temperaturrückgang geführt - und zwar vor allem in den Sommermonaten, wenn die Ökosysteme besonders empfindlich auf Temperaturveränderungen reagieren.

Warum in dieser Region sinkende Temperaturen verzeichnet werden, in anderen hingegen eine Erwärmung, hat mit der Kleinräumigkeit der Klimasysteme zu tun. Die Abkühlung in der McMurdo-Region spricht somit keineswegs gegen die globale Erwärmung, allerdings kann es in deren Folge in bestimmten Regionen auch kälter werden. Und wie die Ökosysteme der Trockentäler von McMurdo zeigen, hat dies nicht minder deutliche Auswirkungen auf die empfindlichen Ökosysteme dieser Kältewüste.

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