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Ökologie: Zündeln gegen die Waldbrandgefahr

Indigene Völker legten in den kalifornischen Klamath Mountains lange Zeit kleine Feuer, um große Brände zu verhindern. Seit dem Verbot wächst die Baumdichte in der Region – mit gefährlichen Konsequenzen.
Waldbrand
Waldbrände sind in Kalifornien keine Seltenheit: Pro Jahr werden tausende Feuer gemeldet, wie dieser Brand im Jahr 2018 in Riverside County.

Durch mündliche Überlieferungen von Ureinwohnern ist es Forschenden gelungen, die rund 3000-jährige Geschichte eines großen, besonders feuergefährdeten Waldes in Kalifornien zu rekonstruieren. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass Teile des Waldes heute dichter sind als je zuvor – und Gefahr laufen, der Schauplatz schwerer Waldbrände zu werden. Die Forschungsarbeiten sind Teil der zunehmenden Bemühungen, indigenes Wissen mit anderen wissenschaftlichen Daten zu kombinieren, um die Geschichte von Ökosystemen besser zu verstehen.

Waldbrände stellen eine erhebliche Bedrohung für die kalifornischen Wälder dar. Clarke Knight, Paläoökosystemwissenschaftlerin am US Geological Survey in Menlo Park, Kalifornien, und ihre Kollegen haben deshalb untersucht, wie indigene Gemeinschaften in der Vergangenheit mit diesem Bedrohungsszenario umgegangen sind. Dabei interessierten sie sich vor allem für kulturelle Brände – den Brauch, die Biomasse durch kleine, kontrollierte Feuer gering zu halten und so das Risiko von großflächigen Bränden zu minimieren. Die Ergebnisse veröffentlichte das Team in den »Proceedings of the National Academy of Science«.

Einer, der sich noch gut an diese Feuer erinnern kann, ist Rod Mendes, Chef des Yurok Tribe Fire Department, dessen Familie zu den Karuk in Nordkalifornien gehört. Die Stämme der Karuk und Yurok sind seit Tausenden von Jahren in den Klamath Mountains beheimatet, einem Gebirge im Nordwesten des Bundesstaats. »Als ich ein kleines Kind war, hat meine Großmutter immer Feuer um das Haus herum angezündet«, sagt Mendes. »Sie hat den Ort einfach sauber gehalten. Indigene haben wahrscheinlich einige der ersten Feuerwehreinsätze der Geschichte durchgeführt.«

Zu verstehen, wie indigene Völker die Feuer nutzten, sei für die Verringerung des Waldbrandrisikos unerlässlich, sagt Knight. »Wir müssen ihnen zuhören und lernen und verstehen, warum sie die Landschaft so bewirtschafteten, wie sie es taten«, fügt Mendes hinzu.

Mündliche Überlieferungen und Bohrkerne enthüllen die Geschichte des Waldes

Um die Waldgeschichte der Region zu kartieren, stützte sich das Team um Knight auf historische Berichte und mündliche Erzählungen von Mitgliedern der Stämme der Karuk, der Yurok, sowie des Hoopa-Valley-Stammes. Studienautor Frank Lake, der gleichzeitig auch ein Nachfahre der Karuk ist, hatte die Überlieferungen im Rahmen seiner Doktorarbeit im Jahr 2007 zusammengetragen. Sie beschreiben die Feuer- und Landnutzung der Stämme. So zündeten die Mitglieder beispielsweise kleine Feuer an, um die Wege frei zu halten; dies reduzierte auch die Vegetation und verhinderte die Ausbreitung von Waldbränden durch Blitzeinschläge. Größere Feuer, so genannte Flächenbrände, wurden zur Verbesserung der Sichtverhältnisse, der Jagd und der Nussernte im Wald eingesetzt. Die Auswirkungen des Feuers auf die Vegetation hielten dabei über Jahrzehnte hinweg an.

Für Knight war es wichtig, mit den Stämmen zusammenzuarbeiten, da sie die Region gut kennen. Das Karuk Resources Advisory Board genehmigte einen Vorschlag für die Studie, noch bevor sie begann.

Die Forscher analysierten zudem Sedimentkerne, die in der Nähe von zwei niedrig gelegenen Seen in den Klamath Mountains gesammelt worden waren, die für die Stämme kulturell wichtig sind. Anhand der Pollenschichten in den Bohrkernen konnte die ungefähre Baumdichte in dem Gebiet zu verschiedenen Zeiten ermittelt werden, und die Modellierung half bei der Datierung der Bohrkerne, so dass die Forscher abschätzen konnten, wie sich die Baumdichte im Lauf der Zeit veränderte.

»In der Klamath-Region gibt es viel mehr Bäume als noch vor 120 Jahren«Jeffrey Kane, Feuerökologe)

Das Team untersuchte auch die Kohleablagerungen in den Schichten der Bohrkerne, um zu bestimmen, wie häufig und wann es in der Region brannte. Brandnarben an Baumstümpfen wiesen auf bestimmte Brandherde in der Zeit zwischen 1700 und 1900 hin. Da die Ringe der Baumstümpfe als ökologischer Kalender dienen, konnten die Forscher die Brandperioden mit den entsprechenden Daten über die Baumdichte vergleichen. So stellten sie fest, wie diese Dichte mit dem Auftreten von Bränden schwankte.

Zwar ließ sich mit diesen empirischen Methoden nicht eindeutig bestätigen, dass die Feuer von den Stämmen angezündet worden waren. Bestimmte Muster lieferten aber Hinweise, wann dies wahrscheinlicher war, sagt Knight. So deutet beispielsweise das vermehrte Brennen in kühlen, feuchten Perioden, in denen durch Blitzschlag verursachte Brände seltener auftraten, auf einen menschlichen Einfluss hin.

Die Bäume stehen heute so dicht wie nie zuvor

Wie Knight und ihr Team entdeckten, nahm die Baumdichte in dieser Region der Klamath Mountains mit der Besiedlung des Gebiets zu. Das hing zum Teil damit zusammen, dass die europäischen Siedler die indigenen Völker daran hinderten, Feuer zu legen. Im 20. Jahrhundert konzentrierte man schließlich alle Bemühungen darauf, sämtliche Art von Bränden zu löschen und von vornherein zu verhindern – und das, obwohl kontrollierte Brände noch heute bei der Waldbewirtschaftung zum Einsatz kommen. In manchen Gebieten ist die Baumdichte deshalb höher, als sie es seit Jahrtausenden war.

Doch ein dichter Wald ist nicht unbedingt ein gesunder Wald, erklärt Knight. Douglasien (Pseudotsuga menziesii), die in den Tieflandwäldern von Klamath dominieren, sind weniger feuerresistent und anfälliger für verheerende Waldbrände. »Die Idee, dass wir der Natur einfach ihren Lauf lassen sollten, wird durch unsere Arbeit nicht unterstützt«, sagt sie.

Den Feuerökologe Jeffrey Kane von der California State Polytechnic University Humboldt in Arcata überraschen die Ergebnisse der Studie nicht. Er hat ähnliche Beobachtungen in der Klamath-Region gemacht. »Dort gibt es viel mehr Bäume als noch vor 120 Jahren«, sagt er.

Dominick DellaSala, leitender Wissenschaftler bei der Waldschutzorganisation Wild Heritage in Talent, Oregon, weist allerdings darauf hin, dass die Ergebnisse, die auf eine Rekordbaumdichte hindeuten, nicht ohne Weiteres auf die gesamte Klamath-Region übertragen werden können. Dafür hätten die Daten der Studie am See eine zu begrenzte Reichweite. Zumindest für andere, ähnlich gelegene Seen mit einer vergleichbaren Vegetation könnten die Daten aber aussagekräftig sein, sagt Knight.

Paläoökologische Studien beziehen inzwischen zunehmend das Wissen von indigenen Völkern mit ein. Noch sei es aber ein weiter Weg, erklärt die Geografin Michela Mariani von der University of Nottingham in Großbritannien. In Australien konnte Mariani einen ähnlichen Trend aufdecken, wie in den Klamath Mountains: Auch hier nahm die Baumdichte zu, nachdem britische Kolonialisten die Ureinwohner davon abhalten, gezielt Feuer zu legen. »Es ist sehr wichtig, dass wir die Indigenen jetzt in die Diskussion über das weitere Feuermanagement einbeziehen«, sagt Mariani. »Sie haben ein tieferes Wissen über die Landschaft als wir.«

Indigene Stimmen in die Forschung einzubeziehen, sei auch für die Entkolonialisierung konventioneller wissenschaftlicher Methoden entscheidend, betont Lake. So würden die Völker, die lange Zeit ausgeschlossen, marginalisiert und verkannt wurden, zumindest ein wenig Gerechtigkeit erfahren.

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