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News: Kalt, heiß, heißer

Beim Gedanken an den letzten Sommer wird noch so mancher aufstöhnen. Zu Recht: 2003 war wohl der wärmste Sommer des letzten halben Jahrtausends. Und auch die anderen regionalen Temperaturtrends zeigen eindeutig nach oben.
KlimaaufzeichnungLaden...
Momentan fällt es schwer, sich an die 40 Grad Celsius im Büro zu erinnern, als der Ventilator nur noch unerträglich heiße Luft umwälzte und die Gedanken träge wurden. Der Sommer von 2003 wird noch lange als außergewöhnlich in Erinnerung bleiben – als Jahrhundert- oder gar Jahrtausendereignis. Und er warf natürlich einmal mehr die Frage nach den Ursachen auf: Menschgemachter Klimawandel? Natürliche Schwankung? Direkt gefolgt von der bangen Überlegung: Wird die Ausnahme bald zur Regel?

Gerne werfen Wissenschaftler für den Blick nach vorn erst einmal einen Blick zurück. Also sammelten Jürg Luterbacher von der Universität Bern und seine Kollegen Temperaturdaten aus verschiedensten Quellen, wie schriftlichen Aufzeichnungen, Messreihen selbst aus frühen Zeiten, Eisbohrkernen oder Jahresringen, und rekonstruierten damit bis ins Jahr 1500 zurück die Trends vergangener Zeiten sommers wie winters und fürs ganze Jahr betrachtet – ab 1659 sogar mit Daten für jeden Monat. Als Vergleichsbasis wählten sie die jeweiligen Durchschnittswerte für das 20. Jahrhundert, die im Sommer bei 17,5 Grad Celsius, im Winter bei minus 0,75 Grad Celsius und im Jahresmittel bei 8,3 Grad Celsius lagen.

Zunächst, und in Anbetracht der jetzigen Jahreszeit: Früher waren Winter noch richtige Winter, bestätigen die Ergebnisse die Binsenweisheit. Denn abgesehen von zwei kurzen Abschnitten um 1530 und 1730 lagen die Temperaturen von Dezember bis Februar früher immer unter jenen des 20. Jahrhunderts. Die kältesten Phasen erlebten die Europäer im späten 16. und Ende des 17. sowie des 19. Jahrhunderts. Als Kälte-Rekordhalter kristallisierte sich der Winter von 1708/1709 heraus, in dem sich der Durchschnittswert 3,5 Grad Celsius unter den Vergleichswerten des 20. Jahrhundert einpendelte. Insbesondere Januar und Februar zeigten sich damals ausgesprochen frostig und ließen die Thermometer in großen Teilen Europas und Westrussland um mehr als 7 Grad Celsius unter dem Durchschnitt zittern.

Von 1684 bis 1738 fest stellen die Forscher dann aber eine Erhöhung der winterlichen Temperaturen fest – gerade zur Zeit des Maunder-Minimums, einer ausgeprägt kalten Phase. Doch das Klimaarchiv von Luterbacher und seinen Kollegen weist hier eindeutig auf eine intensive Erwärmung insbesondere über Skandinavien und dem Baltikum hin, die in diesem Ausmaß in dem betrachteten halben Jahrtausend sich nicht wiederholt. Unterstützt wird das Ergebnis von Studien zur Eisbedeckung im baltischen Raum, die zu dieser Zeit offenbar ebenfalls weniger stark war.

Ab 1900 kletterten die Thermometer zur Winterzeit wieder, und zwar um 0,08 Grad Celsius pro Jahrzehnt. Der Trend ist um so deutlicher, je näher wir der Gegenwart rücken. Rekordhalter der milden Art ist bisher der Winter von 1989/1990, und die Periode von 1989 bis 1998 sowie die drei Jahrzehnte nach 1973 bildeten die wärmsten Phasen der letzten gut 500 Jahre. Erst um den Jahreswechsel 2002/2003 rutschten die Temperaturen wieder unter den Vergleichs-Jahrhundertdurchschnitt.

Nun aber zum Sommer. Hier offenbarten die Daten auch früher schon einige sehr heiße Perioden im 16. Jahrhundert und von etwa 1750 bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, die 1757 im zweitheißesten Sommer gipfelten. Allerdings, so mahnen die Forscher, gibt es hier einige Unstimmigkeiten bezüglich der Temperaturaufzeichnungen, weil beispielsweise manche Thermometer entsprechender Stationen in Schweden womöglich nicht ausreichend gegen Sonneneinstrahlung geschützt waren. Anderen Studien zufolge blieben die Temperaturen damals offenbar doch unter der Vergleichslinie aus dem 20. Jahrhundert.

Nach 1757 wurden die Sommer jedoch langsam kühler, unterschritten schließlich den Vergleichsdurchschnitt und bescherten den Menschen im Jahr 1902 wohl den ungemütlichsten Sommer des letzten halben Jahrtausends. Bis 1947 kletterten die Temperaturen wieder, doch von da an bis 1977 durften sich die Europäer zu Recht und immer frustrierter fragen, wann es wieder einmal richtig Sommer wird. Heute wäre diese Frage absolut unberechtigt, denn seit Ende der Siebziger stiegen die Werte kontinuierlich um 0,7 Grad Celsius pro Jahrzehnt, gekrönt durch die wohl wärmsten zehn Sommer hintereinander von 1994 bis 2003. Und der Rekordhalter vom letzten Jahr lag mit rund 2 Grad Celsius sehr deutlich über dem Durchschnitt des 20. Jahrhunderts – ihm gebührt daher sicherlich Platz 1.

Auch die Jahresmitteltemperaturen, bei denen allerdings die feineren Abstufungen verloren gehen, zeichnen erwartungsgemäß ein Bild steigender Temperaturen. Das kälteste Jahrhundert erlebten die Europäer ab 1800, die kältesten Jahrzehnte insbesondere in dessen zweiter Hälfte, gegen Ende des 17. Jahrhunderts und um 1600 – hier zeigt sich nun wohl doch die Kleine Eiszeit. Das 20. Jahrhundert war schließlich das wärmste in dem betrachteten Zeitraum, und die letzten drei Jahrzehnte liegen um ein knappes halbes Grad über dem Durchschnitt der zweitwärmsten 30-Jahre-Periode im 18. Jahrhundert. Und was sich sommers wie winters schon zeigte, prägt sich dann natürlich auch im Gesamtschnitt aus: Die neun wärmsten Jahre seit 1500 erlebte Europa nach 1989 – das gleichzeitig den ersten Platz belegt, denn hier schlägt für 2003 der kalte Winter zu Buche –, und das letzte Jahrzehnt dürfte auch hier der Rekordhalter sein.

Ein Sommer wie 2003 wäre übrigens – rein statistisch gesehen – unter den durchaus warmen Verhältnissen Mitte des 18. Jahrhunderts höchstens alle 5000 Jahre aufgetreten, und zu kühleren Zeiten um 1900 lag die Wahrscheinlichkeit einer Wiederholung sogar nur bei Millionen von Jahren. Unter den gegenwärtigen Bedingungen jedoch muss man damit wohl eher in Abständen von einigen Jahrzehnten oder noch häufiger rechnen. Und speist man die Daten in Simulationen, so wird der Rekord von 2003 gegen Ende des 21. Jahrhunderts der Normalfall, denn dann müssen unsere Nachkommen womöglich jedes zweite Jahr über die Hitze stöhnen und den Ventilator hervorkramen – oder sie leben schon längst in einer vollklimatisierten Bürowelt.

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