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Menschheitsgeschichte: Kanaaniter haben in Libanesen überlebt

Der Überlieferung nach befahl der Gott der Hebräer ihre Vernichtung. Rein genetisch betrachtet hat das biblische Volk dagegen bis in die Gegenwart überdauert.
Skelett aus der Untersuchung zu den KanaaniternLaden...

Laut dem 5. Buch Mose, Kapitel 20, befahl der biblische Gott die Vernichtung der Kanaaniter unter anderem, weil sie nicht dem rechten Weg folgen wollten und heidnische Kulte pflegten – so lautet zumindest eine der Interpretationen. Dabei gehörten sie zu einer frühen Hochkultur, die als eine der ersten ein echtes Alphabet entwickelten und nutzten. Archäologische Zeugnisse aus ihrer Frühzeit sind jedoch Mangelware, und schriftliche Überlieferungen basieren unter anderem auf der Bibel und ägyptischen Texten, die besonderer Auslegung bedürfen. Immerhin haben zahlreiche Knochen aus der Anfangsepoche der Kanaaniter überdauert, die eine Genanalyse erlaubten – und ein überraschendes Ergebnis produzierten, das Marc Haber vom Wellcome Trust Sanger Institute in Cambridge und sein Team im "American Journal of Human Genetics" präsentieren.

Demnach besteht eine ununterbrochene genetische Linie von den Kanaanitern vor 4000 Jahren – während der Bronzezeit – bis in den heutigen Libanon. Das zeigt ein Genomvergleich von rund 100 Libanesen mit dem Material aus fünf Skeletten, die auf einem alten Friedhof der Stadt Sidon ausgegraben wurden. "Wenn man sich vorstellt, wie komplex und abwechslungsreich die Geschichte dieser Region während der vergangenen Jahrtausende ablief, wundert es uns sehr, dass sich ein dermaßen großer Anteil des ursprünglichen kanaanitischen Erbmaterials in heute lebenden Libanesen nachweisen lässt", so Koautor Chris Tyler-Smith. Das Genom der Toten stimmt zu etwa 90 Prozent mit dem der Testpersonen überein.

Das restliche Zehntel lässt sich auf einen Zustrom anderer eurasiatischer Menschen zurückführen, die vor 3800 bis 2200 Jahren in den Vorderen Orient gelangten. Während dieser Zeit fanden viele Eroberungszüge und Einwanderungswellen etwa durch Assyrer, Makedonier oder Perser statt. Sie hinterließen ihre Spuren in der DNA, allerdings nur in relativ geringem Umfang: Es kam also nicht zu einer wilden Durchmischung der Bevölkerungsgruppen. Die Kanaaniter selbst lassen sich auf eine Mischung aus lokalen neolithischen Bauern sowie Einwanderern zurückführen, die vor etwa 5000 Jahren aus weiter östlich liegenden Gebieten in die Region zogen.

31/2017

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 31/2017

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