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Hungrige Invasoren

Kaninchen krempelten isolierte Insel um

Wenige Inseln sind so entlegen wie die Kerguelen. Dennoch hat der Mensch sie verändert - über eingeschleppte Kaninchen. Sie haben das Eiland total umgestaltet.
Kaninchen in freier Wildbahn

Der Kerguelenkohl (Pringlea antiscorbutica) ist eine besondere Pflanze: Er ist so reich an Vitamin C, dass ihn früher Seefahrer aßen, um sich vor Skorbut zu schützen – zumindest jene wenigen Schiffsbesatzungen, welche die entlegene Heimat des Gewächses aufsuchten. Denn die Kerguelen im südlichen Indischen Ozean gehören zu den am stärksten isolierten und abgelegenen Archipelen der Erde. Dennoch hat der Mensch hier seine Spuren hinterlassen und zahlreiche Arten eingeführt, die sich letztlich verheerend auf die Hauptinsel und den Kerguelenkohl ausgewirkt haben. Das zeigt eine Studie in »Science Advances«, die vor allem Kaninchen eine Hauptrolle zuweist.

Darin beschreiben Gentile Francesco Ficetola und sein Team, wie sie alte Seesedimente von der Hauptinsel analysiert haben und daraus die Umweltgeschichte ableiten konnten. Das Material reicht zurück bis etwa 1400. Demnach blieben die Verhältnisse 540 Jahre lang stabil: Die vorhandenen DNA-Spuren stammen von einheimischen Tieren und Pflanzen und änderten sich in dieser Zeit kaum. Ab 1940 machten sich dann jedoch dramatische Veränderungen bemerkbar. Plötzlich tauchte die DNA von Kaninchen in den Sedimenten auf, gleichzeitig verringerte sich die Menge an eingetragenen Rückständen der endemischen Pflanzen – obwohl mehr Erdreich in das Gewässer eingeschwemmt wurde: Die Erosion nahm explosionsartig zu.

Die ersten Kaninchen wurden bereits 1874 auf die Kerguelen gebracht. Aber erst ein zweiter Versuch, die Tiere als Nahrung für gestrandete Seeleute anzusiedeln, brachte Erfolg. Für die Vegetation der Insel war das jedoch katastrophal. Die Tiere vermehrten sich rapide und breiteten sich auf dem Eiland aus. Als sie das Hauptplateau der Insel erreichten – wo P. antiscorbutica das Pflanzenkleid dominierte –, fraßen sie den Kohl kurz und klein, was die Erosion begünstigte. Die Grabetätigkeit der Kaninchen, die ihren Nachwuchs in unterirdischen Höhlen aufziehen, trieb diese Entwicklung weiter an, und so wurde aus dem stabilen Ökosystem rasch ein extrem instabiles mit Erdrutschen und Bodenverlusten. Ihr Einfluss übertraf alle anderen Einflussfaktoren, so die Forscher.

Die Tiere begünstigten zudem wohl die massenhafte Vermehrung und Ausbreitung des ebenfalls eingeschleppten Löwenzahns, der nun stellenweise die Insel beherrscht, das Ökosystem aber nicht stabilisiert. Um die Kaninchenplage einzudämmen, brachten französische Ökologen in den 1950er Jahren die Erreger der Kaninchenpest auf die Kerguelen. Allerdings dezimierte diese die Tiere nur kurzzeitig und löschte die Population nicht vollständig aus.

»Das Ökosystem erholt sich momentan nicht. Solange die Kaninchenzahlen so hoch sind, wird es nicht zum ursprünglichen Zustand zurückkehren«, so der Bodenökologe Jerome Poulenard von der Université Savoie Mont Blanc gegenüber der »Washington Post«. Daneben treiben noch weitere eingeführte Tierarten ihr Unwesen. Mehrere tausend Katzen fressen sich durch die Seevogelkolonien (und halten auch die Kaninchen etwas in Zaum), Schafe und Rentiere bedrohen ebenfalls die einheimische Flora. Dazu kommen noch Ratten. Die Kerguelen gelten als Vogelschutzgebiet von internationaler Bedeutung, verschiedene Projekte sollen sich der Eliminierung eingeschleppter Tierarten widmen. Der Kerguelenkohl überlebt immerhin in einigen kaninchenfreien Gebieten und auf Nachbarinseln.

20/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 20/2018

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