Männlichkeit: Kann »toxische Männlichkeit« gemessen werden?

Wie verbreitet ist »toxische Männlichkeit« in westlichen Gesellschaften? Laut einer in Neuseeland durchgeführten Studie ist nur ein kleiner Prozentsatz der befragten Männer tatsächlich feindselig toxisch – und sich »männlich« fühlen zu wollen, deutet nicht unbedingt auf sozial schädliche Einstellungen hin.
Der Begriff »toxische Männlichkeit« wurde schon in den 1980er-Jahren geprägt. Er meint die Vorstellung, dass sich stereotyp »männliche« Eigenschaften wie Dominanz und Aggression schädlich auf das soziale Miteinander auswirken können. Heute wird der Begriff oft verwendet, um eine Vielzahl von Verhaltensweisen zu beschreiben: von sexueller Gewalt bis hin zur Abneigung, im Haushalt zu helfen.
Allein die Benennung des Konzepts hat sich aber schon als hilfreich erwiesen. Es hat darauf aufmerksam gemacht, wie geschlechtsspezifische Erwartungen zu Depressionen bei Männern beitragen können, und es ermutigt Männer dazu, offen mit ihren Emotionen umzugehen. Aber nicht alle Gesellschaften definieren Männlichkeit gleich, nicht alle männlichen Eigenschaften sind negativ und nicht alle Männer toxisch. Der Begriff sollte also nicht pauschal verwendet werden.
Forschende haben sich schon mit verwandten Konzepten befasst, darunter die hegemoniale oder die patriarchale Männlichkeit. Letztere untersucht, wie eine kulturell idealisierte und dominante Sichtweise von Männlichkeit das Patriarchat aufrechterhält. Toxische Männlichkeit hat bislang jedoch nicht so viel akademische Aufmerksamkeit erhalten. »Niemand misst sie«, sagt der Psychologieforscher Steven Sanders von der Oregon State University in Corvallis. Einige Psychologinnen und Psychologen versuchen nun, toxische Männlichkeit in ihre Bestandteile zu zerlegen und messbar zu machen.
Sanders und sein Team veröffentlichten im Jahr 2024 eine »Skala der toxischen Männlichkeit«. Mit 28 Fragen sollte damit festgestellt werden, wie toxisch männlich weiße Studenten in den Vereinigten Staaten waren. Ein Team um die Psychologiedoktorandin Deborah Hill Cone von der University of Auckland in Neuseeland ist nun einen Schritt weiter gegangen: Es hat diese Skala nicht nur um eine umfassendere Sichtweise von Toxizität, sondern auch um eine größere Stichprobe von Männern ergänzt. Die entsprechende Studie wurde in Psychology of Men & Masculinities veröffentlicht.
»Der privilegierte reiche Tech-Bro«
Hill Cone und ihr Team identifizierten acht Indikatoren für toxische Männlichkeit bei heterosexuellen erwachsenen Männern in westlichen Gesellschaften. Dazu gehören Vorurteile gegenüber sexuellen Orientierungen und die »Zentralität der Geschlechtsidentität«. Diese beschreibt, wie wichtig das eigene Geschlecht einer Person für ihr Selbstverständnis ist.
Die Forschenden untersuchten sowohl feindseligen Sexismus – zum Beispiel die Überzeugung, dass Frauen Macht erlangen wollen, indem sie Männer kontrollieren – als auch wohlwollenden Sexismus, wie beispielsweise die Ansicht, dass Männer Frauen beschützen sollten. Zusätzlich interessierte sie, ob die Männer dagegen waren, häuslicher Gewalt vorzubeugen, und ob sie fanden, dass es in der Gesellschaft generell Gruppen gibt, denen mehr zusteht als anderen.
Hierfür wertete das Team die Ergebnisse der New Zealand Attitudes and Values Study aus den Jahren 2018 und 2019 aus. Diese Umfrage enthielt Antworten von fast 50 000 Personen. Mehr als 15 000 der Teilnehmenden identifizierten sich als heterosexuelle Männer und haben genau die Fragen beantwortet, für die sich die Forschenden interessierten. Dazu zählte eine Bewertung der Aussagen »Eine Frau/ein Mann zu sein, ist ein wichtiger Teil meiner Selbstwahrnehmung« und »Minderwertige Gruppen sollten an ihrem Platz bleiben«. Bei der statistischen Analyse wurden die Befragten dann in fünf Gruppen eingeteilt.
Die gute Nachricht: Nur die kleinste Gruppe (3,2 % der Männer) wurde von den Forschenden als »feindselig toxisch« eingestuft, während die größte Gruppe (35,4 %) »nicht toxisch« war. Aber das sei nicht überraschend, sagt Stevens. »Durchschnittlich gesehen sind Männer keine Monster.« Dazwischen fanden Hill Cone und ihr Team noch zwei mittlere Gruppen. Die einen waren gegenüber Menschen aus sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten (LGBTQ+) mehr oder weniger tolerant; die andere war eine »wohlwollend toxische« Gruppe, deren Mitglieder relativ hohe Werte bei Sexismus, aber nicht bei Feindseligkeit erzielten.
Die Wahrscheinlichkeit für ein ein feindselig toxisches Profil war höher bei älteren, alleinstehenden, arbeitslosen und religiösen oder ethnischen Minderheiten angehörenden Männern sowie bei solchen, die einen niedrigen Bildungsstand hatten, ihre Emotionen schlechter regulieren konnten oder die höhere Werte erzielten bei politischem Konservatismus und wirtschaftlicher Benachteiligung.
»Der privilegierte reiche Tech-Bro und der Frat-Boy tauchten eher nicht in der feindselig toxischen Gruppe auf«, sagt Hill Cone. Stattdessen bestand die feindselig toxische Gruppe hauptsächlich aus marginalisierten und benachteiligten Männern. »Das sind Männer mit nur wenigen Ressourcen – nicht die Männer, die in Lamborghinis herumfahren.«
Wie wichtig es jemandem war, »männlich zu sein«, sagte allerdings nichts darüber aus, in welcher der Gruppen man landete. Zwar gaben die Männer in der feindselig toxischen Gruppe meist an, dass ihr Geschlecht wichtig für sie ist, aber das taten auch viele Männer in den anderen Kategorien. »Männliche Männer sind nicht unbedingt toxisch«, sagt Hill Cone. »Es gibt auch positive Männlichkeit.«
Alles in Maßen
Die Studie sei umfangreich, clever konzipiert und gut durchgeführt, sagt Ryon McDermott. Er ist Psychologe an der University of South Alabama in Mobile. Er betont aber, dass sie nur Männer in einem bestimmten Teil der Welt untersucht hat. Die fünf Gruppen, in die die Männer eingeteilt wurden, »müssen in einer anderen Stichprobe nicht unbedingt so wiedergefunden werden«, sagt McDermott.
Michael Flood ist Forscher für Männer, Männlichkeit und Gewaltprävention an der Queensland University of Technology in Brisbane, Australien. Er sagt, dass Studien, die darauf abzielen, toxische Männlichkeit zu messen, dabei helfen können, »Maßnahmen gegen schädliche Formen der Männlichkeit besser auf bestimmte Gruppe zuzuschneiden«. Dadurch könnten auch kulturelle Unterschiede einer bestimmten Region miteinbezogen werden.
Dennoch, fügt McDermott hinzu, seien die Ergebnisse nicht besonders überraschend. Auch andere Studien haben ergeben, dass nur ein kleiner Prozentsatz der Männer »unangenehme, problematische Aspekte der Männlichkeit« aufweist. Die Untersuchung sei trotzdem wichtig, sagt McDermott, weil sie verdeutlicht, wie viele der vermeintlich toxisch männlichen Eigenschaften – wie Wettbewerbsdenken oder Dominanz – in Maßen sowohl für Männer als auch für Frauen von Vorteil sein können. Diese Eigenschaften werden erst dann problematisch, wenn man starre und extreme Vorstellungen von Geschlechtsverhältnissen entwickelt und sich gezwungen fühlt, diesen Standards zu entsprechen. »Wenn Sie ein Mann sind und glauben, dass Sie sich in keiner Weise feminin verhalten dürfen – nicht verletzlich sein oder Gefühle zeigen dürfen – , werden Sie in Schwierigkeiten geraten«, sagt McDermott. »Solche Männer greifen zu Alkohol oder Drogen und haben sogar ein höheres Suizidrisiko.«
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