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Museumsbrand in Rio: Katastrophe wäre auch in Deutschland möglich

Nach dem Museumsbrand in Rio: Erst ein Drittel des Berliner Naturkundemuseums ist ausreichend gegen Feuer geschützt. Und woanders sieht es noch schlechter aus. Ein Interview mit dem Generaldirektor Johannes Vogel vom Berliner Museum für Naturkunde.
Nasssammlung des Berliner Museums für Naturkunde

Herr Vogel, beim Museumsbrand in Rio sind auch Sammlungsstücke aus dem Museum für Naturkunde Berlin zerstört worden. Wie groß ist der Schaden auch für die deutsche Wissenschaft?

Alle Naturkundemuseen leihen sich gegenseitig Sammlungsobjekte aus, weil wir ja Forschungseinrichtungen sind und an den Objekten arbeiten. Wer die Vielfalt der Natur verstehen will, muss verschiedene Exemplare miteinander vergleichen. Deshalb waren zur Zeit des Brandes 389 Sammlungstücke von Insekten und Spinnen aus Berlin am Museum in Rio de Janeiro gewesen. Die Forscherinnen und Forscher dort hatten sie von uns ausgeliehen. Wir gehen davon aus, dass diese Exemplare zerstört sind.

Wie schlimm ist das?

Es tut uns um jedes Sammlungsstück weh, das wir verlieren, aber besonders schwer wiegt, dass es sich in mindestens neun Fällen um so genannte Typusexemplare gehandelt hat – also jene Insekten und Spinnen, an denen Wissenschaftler die Art erstmals beschrieben haben. Sie sind so etwas wie die Urmeter der biologischen Forschung. Gleichzeitig befinden sich aber auch Sammlungsstücke aus Rio bei uns, und zwar Tausendfüßler. Diese entkamen deswegen dem Feuer.

Der Brand gilt als großes Unglück für die Wissenschaft. Man könnte ja auch sagen: Es gibt viele Naturkundemuseen, da mag es schade sein, eines zu verlieren, aber es ist keine Katastrophe.

Nein, das wäre falsch, denn in jedem großen Naturkundemuseum gibt es eine Vielzahl einmaliger, unersetzbarer Sammlungsstücke. In der Paläontologie ist jedes Stück einmalig. In der Botanik ist die Situation ein bisschen besser, weil Forscher oft von einer Pflanze Teile an zehn Herbarien schicken. Bei Tieren geht das schlechter, aber es werden – etwa von einer Käferart – meist mehrere Exemplare gesammelt und in einer weltweiten Kooperation auf verschiedene Häuser verteilt. Doch die Vielfalt der Sammlung ist ein Wert an sich: Naturforschung lebt vom Vergleichen. In diesem Konzert spielt jede Sammlung eine wichtige Rolle.

Johannes Vogel
Johannes Vogel | Johannes Vogel ist seit 2012 Generaldirektor des Museums für Naturkunde in Berlin. Zuvor war er für zehn Jahre beim Londoner Pendant tätig, zuletzt als Leiter der Botanik-Abteilung. Vogel leitet die Forschungsallianz der Leibniz-Gemeinschaft zur Biodiversität und gehört zahlreichen Beratungsgremien an, darunter dem Bioökonomierat der Bundesregierung.

In Rio handelte es sich um die nationale Sammlung. Hat das eine besondere Bedeutung?

Ja, so wie auch wir in Berlin eine besondere Bedeutung haben. Wir besitzen zehn Prozent aller Typusexemplare weltweit, also jedes zehnte Originalstück einer Artbeschreibung für alle Arten, weltweit. Solche Sammlungen gibt es sonst nur in Paris, London, Washington und New York. Wenn so ein Brand bei uns passieren würde, wäre es für die Naturforschung eine globale Katastrophe.

Kann man beim heutigen Stand der Erkenntnis sagen, dass der Brand durch Sparmaßnahmen der brasilianischen Regierung begünstigt wurde – dass es ihn sonst nicht gegeben hätte?

Es gab in dem Museum in Rio nicht einmal Sprinkleranlagen, es fehlte also an ganz grundlegenden Sicherheitsmaßnahmen, in die eine Regierung schon lange hätte investieren müssen. Naturkundemuseen werden gerne in alten, mächtigen Gebäuden betrieben, die umgewidmet werden, weil sie repräsentativ aussehen. Aber wenn man das tut, muss man sich auch darum kümmern, dass das natürliche, kulturelle und wissenschaftliche Erbe der Nation und der Menschheit nicht durch einen Funken oder eine weggeworfene Zigarette – oder was immer die Brandursache gewesen sein mag – komplett niederbrennt. Im Zweifelsfall muss man den repräsentativen Teil für die Besucherinnen und Besucher trennen von den Sammlungen, die dann in hochmodernen Gebäuden untergebracht werden. Hier nicht zu handeln, war einfach ein schweres Versäumnis der Regierung.

Haben brasilianische Kolleginnen und Kollegen darüber schon länger geklagt?

Natürlich haben sie das, aber sie wurden nicht gehört. Mein Plädoyer: Es muss nicht nur in Rio, sondern weltweit ein ganz anderes Bewusstsein bei den zuständigen Geldgebern entstehen, denn die Situation ist ja auch an Weltmuseen wie in London oder Berlin kritisch.

Wie schneiden Sie in Berlin denn bei den Investitionen zum Beispiel im Vergleich zu Kunstmuseen ab?

Deutschland kann unheimlich stolz sein, dass bisher in die Sanierung von kriegsversehrten Gebäuden auf der Museumsinsel mehrere Milliarden Euro geflossen sind. Ins Museum für Naturkunde, das bis zu 50 Prozent der Kulturgüter Berlins in seinen Mauern aufweist und 2016 das meistbesuchte Museum Berlins war, sind bis jetzt für die Sanierung 80 Millionen Euro geflossen.

Früher hing im Berliner Naturkundemuseum der Alkohol- und Formaldehyddampf in der Luft, aber inzwischen gibt es eine Art Safe für die Alkoholsammlung. Ist das Berliner Museum auf hohem Niveau bei der Feuersicherheit?

Wo wir saniert haben, sind wir State of the Art, was Feuersicherheit, aber auch Besuchergenuss angeht. Aber vom Museum für Naturkunde Berlin sind zum Ende dieses Jahres nur 30 Prozent der gesamten Fläche durchsaniert und damit gesichert. Das heißt, es gibt auf 70 Prozent der Fläche des Hauptgebäudes noch dringenden Bedarf, auch was den Brandschutz betrifft. Die Nebengebäude kommen noch hinzu.

70 Prozent unsaniert? Das ist fast 30 Jahre nach der Wende ja keine brillante Bilanz …

Ja, 70 Prozent unseres Gebäudes sind noch immer auf dem Stand vom 8. Mai 1945.

Wie sieht es mit anderen großen Naturkundemuseen aus, gibt es eine Bestandsanalyse des Bedarfs?

Bei den elf großen Naturkundemuseen weltweit herrscht überall ein riesiger Investitionsbedarf, auch beim Thema Brandschutz. Das große niederländische Naturkundemuseum in Leiden wird gerade umfassend saniert. In Deutschland weiß ich persönlich von großem Bedarf in Stuttgart, Hamburg, Halle und Jena.

Kubaara – der Schatz der Karibik
Kubaara – der Schatz der Karibik |

Mindestens 19 Araarten existierten bis vor 200 Jahren in Mittel- und Südamerika – der Kuba- oder Dreifarbenara (Ara tricolor) ist seitdem sicher ausgestorben, der Meerblaue Ara (Anodorhynchus glaucus) aus der Region zwischen Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay gilt seit 1920 mindestens als verschollen. Wie bei vielen anderen Papageien führte gerade auch unsere Hassliebe zu einem raschen Niedergang, denn die farbenprächtigen Vögel endete zu häufig in Käfigen. Auf der anderen Seite galten sie als landwirtschaftliche Plage, da sie Feldfrüchte plünderten. Zusammen mit der Abholzung großer Teile Kubas führte dies bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zum Aussterben des Kubaaras, eines der eindrucksvollsten Vögel der Karibik. Weltweit existieren weniger als 20 Exemplare des Vogels in zoologischen Sammlungen – darunter der gezeigte Vogel im Museum für Naturkunde in Berlin. Dort läuft bis Ende 2018 eine Sonderausstellung, die auf das Schicksal der Aras aufmerksam macht und alle bekannten Exemplare der Vogelfamilie zeigt.

Wie schwierig ist es, solche Investitionen der Politik zu verkaufen? Schließlich gibt es bei Brandschutz keine schicken Sachen, die man vorzeigen kann.

Wir müssen noch viel deutlicher als bisher machen, dass der weltweite Schutz der Natur nur mit handfestem Wissen aus der Erforschung der Biodiversität gelingen kann. Von Häusern, die Schätze aus aller Welt zusammengetragen haben, sind wir zu Institutionen geworden, die maßgeblich am Schutz der Natur weltweit beteiligt sind und versuchen, diesen zu organisieren. Reicht das nicht an Bedeutung, um solche Institutionen gegen das Niederbrennen abzusichern? Wir sind auf unserem Feld eine der führenden Forschungseinrichtungen weltweit. Wenn ich mir anschaue, in welch topmodernen Gebäuden Spitzenforscherinnen und -forscher aus anderen Wissenschaftsdisziplinen in Deutschland arbeiten, frage ich mich schon, warum wir nicht mehr finanzielle Unterstützung bekommen.

Um was geht es: Was schlagen Sie der Bundesregierung vor?

Es ist toll, dass die Bundeskanzlerin, die Umweltministerin, die Agrarministerin und die Forschungsministerin sich in den vergangenen Monaten zum Schutz der Natur bekannt haben. Wir stehen als Ort der Spitzenforschung bereit, um Gesellschaft und Wissenschaft bei diesem Thema zusammenzubringen. Dazu haben wir einen Zukunftsplan ausgearbeitet, der den Verantwortlichen bekannt ist. Wir wollen die Ausstellungsfläche von heute 5000 Quadratmetern auf 25 000 Quadratmeter vergrößern, das Museum zu einem Ort des Dialogs und gemeinsamen Nachdenkens machen. Und im Rahmen dieses Ausbaus wollen wir die Brandsicherheit des gesamten Gebäudes und der Sammlungen massiv verbessern. Wir hoffen dabei natürlich auf die Unterstützung aller Parteien, denn Natur ist für alle Menschen da.

Welche Unterstützung erhoffen Sie sich?

Dass Regierung und Parlamente zustimmen, unser Museum in den nächsten zehn Jahren komplett zu sanieren, damit es für Forschung und Naturschutz die Rolle spielen kann, die es weltweit spielen muss.

Wird die deutsche Wissenschaft den Kollegen in Brasilien nun beim Wiederaufbau helfen?

Ja, die großen Naturkundemuseen weltweit sind im Gespräch miteinander und auch im Dialog mit den brasilianischen Behörden und Kollegen. Das wird sich in den nächsten Wochen materialisieren. Wir können anbieten, Rettungsteams für Sammlungsstücke dorthin zu schicken. Wir warten auf eine Reaktion aus Rio, welcher Bedarf besteht. Zudem haben wir angeboten, dass unsere noch laufende Ausstellung zu den Aras nach Rio wandert. In Brandenburg läuft ein Projekt, den in Brasilien ausgestorbenen Spix-Ara wieder zu vermehren und auszuwildern. Darüber wurde im Berliner Naturkundemuseum erst vor wenigen Wochen mit dem brasilianischen Umweltminister und der Association for the Conservation of Threatened Parrots eine Vereinbarung getroffen. Hier jetzt noch stärker zusammenzuarbeiten und unsere Ausstellung in Rio zu zeigen, würde das niedergebrannte Museum nicht wieder zurückbringen. Aber es würde den Willen zeigen, gemeinsam für die Schönheit und Einmaligkeit der brasilianischen Natur einzutreten und sie – ob in Form eines Museums oder von ausgewilderten Spix-Aras – wiederauferstehen zu lassen.

Der Artikel erschien unter dem Titel »Nach dem Museumsbrand in Rio: Erst ein Drittel des Berliner Naturkundemuseums ist ausreichend gegen Feuer geschützt« bei den »Riffreportern«.

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