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Geowissenschaften 2009: Kaum Katastrophen außer Kopenhagen

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Wenn kommende Generationen dereinst auf das Jahr 2009 zurückblicken, werden sie wohl zwei Dinge bemerken: ein Jahr ohne größere Naturkatastrophen – und das Scheitern der Weltgemeinschaft, sich auf kollektiven Klimaschutz zu verständigen und damit zukünftige häufigere Wetterextreme zumindest teilweise abzuwenden. Zuerst die gute Nachricht: Verglichen mit dem Vorjahr, als Wirbelstürme und Erdbeben mehr als 240 000 Menschenleben kosteten, verliefen die letzten zwölf Monate relativ ruhig. Taifune und einige mittelschwere Erdbeben verwüsteten zwar Teile Ost- und Südostasiens, und verheerende Buschbrände tobten in Australien. Trotzdem mussten durch diese Katastrophen 12 000 Menschen sterben, und es wurden Schäden in Höhe von rund 35 Milliarden Euro verursacht – die Weltgemeinschaft kam dennoch relativ glimpflich weg.

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Simulationen | Die Grafik zeigt die möglichen Temperaturveränderungen auf der Erde, wenn sich der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre von den 280 ppm (parts per million) der vorindustriellen Zeit auf 400 ppm erhöht. Die linke Simulation berücksichtigt nur kurzfristige Rückkopplungen wie Meereis- sowie Wolkenbedeckung und Wasserdampf, die rechte dagegen auch langfristige Veränderungen der Vegetation und der Gletscher – mit entsprechend höheren Auswirkungen auf die Durchschnittstemperaturen.
Die Chancen, dass es ähnlich ruhig weitergeht, sind allerdings eher klein: Immer mehr Menschen leben in Krisenregionen, denen Dürren, Überschwemmungen oder Erdbeben drohen. Und die Erderwärmung erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass es zu katastrophalen Wetterereignissen kommt. Um dies zu verhindern und den Klimawandel auf ein erträgliches Maß zu beschränken, hatten sich von Anfang bis Mitte Dezember mehrere tausend Delegierte in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen versammelt, um ein Nachfolgeabkommen für das Kioto-Protokoll auszuhandeln. Es sollte festlegen, wie viel Kohlendioxidemissionen die teilnehmenden Mitgliedsstaaten ausstoßen dürften und wie viel sie einsparen sollten. Trotz der Bemühungen der Staatsoberhäupter von Angela Merkel über Wen Jiabao bis zu Barack Obama scheiterte der Gipfel jedoch: Die Weltgemeinschaft konnte sich nicht auf ein neues Vertragswerk einigen.

Von Climategate nach Kopenhagen

Gegenwind verspürten die Klimatologen und Klimaschützer allerdings schon vor Beginn der Verhandlungen, nachdem Meldungen über angebliche Datenmanipulationen seitens einer der wichtigsten Forschergruppen zum Thema, der Climatic Research Unit an der University of East Anglia, im Internet lanciert wurden. Die Behauptungen basierten auf den gehackten E-Mails der Wissenschaftler, die zwar einiges über den bisweilen ruppigen Umgangston der Klimatologen untereinander verrieten, jedoch laut dem Hamburger Experten Hans von Storch keinerlei Hinweise auf tatsächliche Fälschungen lieferten.

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Temperaturtrend in der Arktis | Parallel zum wachsenden Abstand zur Sonne sanken die Temperaturen in der Arktis, bis sich der Trend mit zunehmenden Treibhausgaskonzentrationen in der Erdatmosphäre ins Gegenteil verkehrte.
Ein weiteres Hauptargument der so genannten Klimaskeptiker gegen den Klimawandel stützt sich auf die gegenwärtige Stagnation der Erwärmung: Seit zehn Jahren sei kein weiterer Aufwärtstrend bei den Temperaturen zu verzeichnen gewesen. Tatsächlich stammt der letzte Rekord aus dem Jahr 1998, das als das bislang heißeste weltweit gilt, seit meteorologische Daten mit modernen Methoden aufgezeichnet werden. Die Kritiker beziehen sich dabei auf eine Studie von Mojib Latif vom IFM-Geomar in Kiel, der diese Stagnation bestätigt, sie aber auch nur als natürliche Pause betrachtet, nach der sich die Welt wieder verstärkt aufheizen wird.

Obwohl 2009 keinen neuen Rekord gebracht hat, rangiert es unter den fünf wärmsten Jahren seit mindestens 1870, dem Beginn gesicherter Erhebungen – überhaupt war die abgelaufene Dekade das wärmste Jahrzehnt seit damals. Das gilt auch für Deutschland, wo die letzten zwölf Monate nach den vorläufigen Daten des Deutschen Wetterdienstes mit durchschnittlich 9,2 Grad Celsius ebenfalls deutlich über dem langjährigen Schnitt von 8,2 Grad Celsius lagen – daran ändert auch der kurze Kälteeinbruch im Dezember nicht mehr viel. Da uns nächstes Jahr ein hitziges El-Niño-Ereignis im Pazifik bevorsteht, stehen die Chancen gut, dass 2010 einen neuen Temperaturrekord sehen könnte, prognostizierte das U.K. Met Office in Exeter.

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Nettotemperaturentwicklung in der Antarktis | Neue Datenauswertungen zeigen: Die Antarktis hat sich im Gesamten in den letzten 50 Jahren erwärmt – auch wenn der Temperaturanstieg regional unterschiedlich ausfiel (je dunkler, desto stärker).
Folgen der Erderwärmung waren aber auch schon im abgelaufenen Jahr wieder zu sehen: Das arktische Meereis schrumpfte auf den drittkleinsten Bedeckungsgrad seit Aufzeichnungsbeginn – nur 2008 und 2007 wurde noch mehr Meer entblößt. An Land schmelzen die Gletscher weiter, und auch in der Antarktis weitete sich das Taugebiet beträchtlich aus. Immerhin ein Teil unserer Emissionen wird noch von den Ozeanen aufgenommen, doch schwindet offensichtlich deren Speicherkapazität – immer größer wird also der Teil unserer CO2-Emissionen, der in der Atmosphäre bleibt. Das Wasser versauert dagegen zunehmend durch das gelöste Kohlendioxid, und die Säure greift die Kalkgehäuse der Organismen an und macht sogar den Ozean lauter.
Die Suche nach Alternativen

Auf der anderen Seite suchen Forscher, Ingenieure und Politiker fieberhaft nach Möglichkeiten, den Ausstoß von Treibhausgasen zu senken oder den Klimawandel durch so genanntes Geoengineering einzudämmen: vom künstlichen Sonnenschirm aus Schwefelteilchen über riesige Spiegel in der Wüste bis hin zur simplen Aufforstung. Auf der Machbarkeitsliste weit vorne rangiert die Eisendüngung der Meere: Sie soll Algen zum Wachstum anregen, damit sie mehr Kohlendioxid aufnehmen und dieses beim Absterben in die Tiefsee verfrachten – ein Aspekt, den im letzten Januar das Alfred-Wegener-Institut erforschen wollte, dabei aber von der Politik zeitweilig ausgebremst wurde. Den Protest hätte sich der damalige Bundesumweltminister jedoch ersparen können, denn am Ende kam heraus, dass die Eisendüngung wirkungslos war.

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Solaranlage im Weltall | So könnte ein zukünftiger Solarsatellit aussehen: Mehrere Kilometer messende Solarpaneele sind mit einer zentralen Nabe verbunden.
Ohnehin nachhaltiger und umweltfreundlicher wären saubere Energien: Immerhin haben Studien ergeben, dass Wind den zukünftigen Strombedarf Chinas decken könnte. Ungenutzte Energien schlummern im Ozean, wo die Wellenkraft noch auf ihren Durchbruch wartet. Und verschiedene Unternehmungen wollen die Sonne direkt im All anzapfen oder unter dem Namen Desertec in den Wüsten Nordafrikas nutzen. Ein wenig für Aufsehen sorgte die Geothermie, als Anfang November bei Probebohrungen in Wiesbaden eine Wasserblase angezapft wurde, die anschließend ergiebig sprudelte. Doch das sei die extreme Ausnahme, meinte der Potsdamer Experte Ernst Huenges: Seit 100 Jahren arbeite man schließlich ohne schweres Unglück.

Wo rohe Kräfte walten

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Chaitén | Urplötzlich erwachte er nach 9500 Jahren wieder zum Leben – und keiner hatte mit seinem Ausbruch gerechnet. Denn der chilenische Chaitén spuckte Asche und Lava, ohne dass es vorher – wie bei Vulkaneruptionen üblich – ankündigende Erdbeben gab.
Die Hitze der Geothermie ist allerdings noch nichts im Vergleich zu den Temperaturen, die im Magma herrschen. Ein neuer Schmelzofen der Erde scheint sich gerade unter Afrika aufzutun, wie Geologen um Asish Basu von der University of Rochester vermuten: Seine Lava, die aus dem Nyiragongo-Vulkan quillt, ist chemisch einzigartig und gewährt einen Blick in die Kindheit unseres Planeten. Ebenfalls in Afrika sprudelt ein einzigartiger Karbonatit-Vulkan, dessen eigentümliche Lava jener Mittelozeanischer Rücken gleicht – obwohl er inmitten einer Landmasse produziert. Irgendwann einmal könnte der Ol Doinyo Lengai, so sein Name in der Sprache der Massai, vielleicht auf einem neuen Kontinent liegen, denn nur wenige hundert Kilometer weiter nördlich teilt sich Afrika: Ein neues Meer entsteht hier in der Afar-Senke, und dessen Boden ist bereits da.

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Ol Doinyo Lengai
Solche Geburten gehen nicht ohne Wehen ab: Die Erde bebt und kündet von den Bewegungen der Platten. Wen sie unvorbereitet treffen, dem bringen sie häufig den Tod. Um zumindest einen Teil der Schäden zu verhindern, sollen Schutzmäntel die Gebäude stabiler machen. Noch besser ist es aber, wenn die Erde überhaupt nicht erzittert, und in diesem Sinne könnten die Bewohner Taiwans Glück im Unglück haben, dass ihre Insel so oft von Taifunen heimgesucht wird: Die kräftigen Stürme scheinen Erdbeben zu verhindern, wie Geologen um Chi-Ching Liu von der Academica Sinica in Taipeh vermuten, weil der Tiefdruck die Belastung des Gesteins mindert.

Kleine Ursache, große Wirkung

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Raptorex-Skelett | Das Skelett von Raptorex kriegsteini wird auf ein Alter von etwa 125 Millionen Jahre geschätzt. Dennoch ist es fast vollständig erhalten und kann so den Wissenschaftlern wertvolle Informationen über die Anatomie dieses Raubsauriers geben.
Lokale Erdbeben oder Wirbelstürme hätten nicht ausgereicht, um die Dinosaurier hinwegzuraffen. Auch wenn viele Geowissenschaftler von einem Asteroideneinschlag als Übeltäter ausgehen, so wird der tatsächliche Grund für das Aussterben weiterhin heiß diskutiert. Neben Chicxulub, der vor rund 65 Millionen Jahren vor Yukatan eingeschlagen hat, gilt auch Shiva als Kandidat – allerdings nicht der Gott, sondern ebenfalls ein kosmischer Brocken, dessen Krater im Indischen Ozean entdeckt wurde. Vielleicht wurden die Dinos und viele andere Lebewesen aber auch nur schlicht vergiftet: durch Cyanobakterien, die in Massenblüte riesige Regionen verseucht haben könnten, meinen James Castle und John Rodgers von der Clemson University. Sogar den riesigen T. rex brachten vermutlich mickrige Mikroben immer wieder zu Fall.

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Urzeit-Primat | Das schon 1983 in der Ölschiefergrube Messel bei Darmstadt gefundene Fossil ist nun als das derzeit wohl weltweit älteste komplett dokumentierte Fossil eines Primaten anerkannt. Forscher halten es für ein hochinteressantes Bindeglied aus jener Zeit, in der sich Primaten-Entwicklungslinien trennten, die zu Lemuren einerseits und den "echten Affen" – inklusive des Menschen – andererseits führten. Vor einer genauen Einordnung von Darwinius masillae seien aber noch viele weitere Untersuchungen nötig, geben die Wissenschaftler zu bedenken.
Was auch immer die Tiere umbrachte, als Fossilien überdauerten einige bis zum heutigen Tag und gewähren Einblick in die damalige Zeit: Neue Funde aus China oder New Mexico beispielsweise hellten ein wenig die Evolution der Dinosaurier auf. Und sie teilten ihren Lebensraum tatsächlich schon mit Vorfahren der Säugetiere, die auf Bäume kletterten: Suminia getmanovi lebte vor etwa 260 Millionen Jahren und ist das älteste bekannte Wirbeltier, das in den Kronen der Wälder unterwegs war, um Futter zu finden.
Im Geäst kraxelte früher auch ein heute versteinerter Sensationsfund aus Deutschland herum: Ida, ein uraltes Primatenfossil aus der Grube Messel. Den Forschern um Jörn Hurum von der Universität Oslo reichte es allerdings nicht, dass der Affe sensationell gut erhalten blieb, sie präsentierten ihren Fund auch in einer großen Medienshow als Teil unserer unmittelbaren Ahnenreihe – eine Behauptung, die bei näherer Betrachtung dann nicht mehr haltbar war.

Neues Jahr, neues Motto

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Glasfrosch | Ein tödlicher Pilz sucht die Frösche in Zentralamerika heim. Betroffen ist auch dieser Glasfrosch der Art Cochranella euknemos.
Ida und den anderen augestorbenen Arten könnten bald noch sehr viel mehr Tiere und Pflanzen folgen. Den Fröschen geht es beispielsweise unverändert schlecht, weil Regenwälder schwinden oder Umweltgifte ihnen den Garaus machen – am schlimmsten wütet aber ein kleiner Pilz namens Batrachochytrium dendrobatidis: Er sorgt dafür, dass die Lurche am Herzinfarkt sterben. Doch scheint es erste Hilfsansätze zu geben. Außer bei den Amphibien wuchsen 2009 aber auch die Roten Listen der Säugetiere oder der Vögel, was viel über den Zustand des Planeten Erde aussagt, wo der Mensch die Umwelt mehr und mehr übernutzt. Etwa auf Sumatra, wo noch die letzten Wälder, in denen Orang-Utans leben, Plantagen weichen sollen, oder auf Madagaskar, wo kriminelle Banden die politischen Unruhen nutzten, um Nationalparks zu plündern.

Vereinzelt gibt es auch einige gute Nachrichten. Einigermaßen ermutigende Zahlen verkündete beispielsweise die brasilianische Regierung Mitte November: Die Abholzung im Amazonasbecken sei auf den niedrigsten Stand seit Aufzeichnungsbeginn 1988 gefallen – auch wenn das noch immer zerstörten Regenwald auf einer Fläche von mehr als 7000 Quadratkilometern bedeutet. In Deutschland feierte das Grüne Band – der einzigartige Biotopverbund entlang des ehemaligen Todesstreifens zwischen Ost und West – immerhin seinen 20. Geburtstag, und das Wattenmeer wurde in den Rang eines Welterbes erhoben.

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Wattenmeer | Deutschlands Internetnutzer haben sich entschieden – und das Wattenmeer zu unserem schönsten Naturwunder gekürt. Unter mehr als 20 000 Teilnehmern einer von der Heinz-Sielmann-Stiftung initiierten Wahl hat sich eine Mehrheit für die Küstenlandschaft entschieden. Auf den Plätzen zwei und drei folgten die Bastei im sächsischen Elbsandsteingebirge und die Kreidefelsen auf Rügen.

Nach der erst jüngst erfolgten Erhebung in den Stand des Welterbes der Menschheit darf sich das Wattenmeer nun noch eines weiteren Titels erfreuen – wenn auch eines inoffiziellen. (dl)
Diese Anstrengungen reichen aber bei Weitem nicht aus, um die Ökosysteme der Erde zu retten. Die Vereinten Nationen haben deshalb 2010 zum Jahr der Biodiversität gekürt, damit die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wieder einmal auf unsere Artenvielfalt gelenkt wird. Das Ziel: den Verlust an Tieren und Pflanzen endlich einzudämmen. Es bleibt zu hoffen, dass die Regierungen der Welt dann wenigstens in dieser Hinsicht erfolgreicher sind als beim Klimaschutz.
53. KW 2009

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 53. KW 2009

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