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Archäologie: Kaum Kollaps auf der Osterinsel

Der Kollaps der Osterinselbevölkerung gilt als Paradebeispiel für die Folgen ungebremsten Ressourcenverbrauchs. Doch hat es ihn in dieser Form überhaupt gegeben?
Moais auf der Osterinsel

Auf Grund einer ungebremsten Ausbeutung ihrer landwirtschaftlichen Ressourcen soll einst die Bevölkerung der Osterinsel massiv zurückgegangen sein. So führte es beispielsweise der Anthropologe Jared Diamond in seinem Buch "Kollaps" aus: Lange vor Ankunft der Europäer im Jahr 1722 sei es zu kulturellen Umwälzungen, gewalttätigen Konflikten und schließlich zu einem starkem Bevölkerungsrückgang gekommen.

Doch die archäologischen Belege für diese Theorie seien relativ dünn, erläutern nun Forscher um Thegn Ladefoged von der University of Auckland. Laut ihren eigenen Forschungen scheint es eher so, als habe es einen solchen Kollaps gar nie gegeben. Stattdessen verlagerte sich die Siedlungsaktivität: Manche Siedlungen verzeichneten einen Bevölkerungsschwund, andere hingegen einen -zuwachs.

Die Forscher haben für ihre Studie an verschiedenen Stellen der Osterinsel systematisch den Boden nach Werkzeugen aus Obsidian abgesucht. Das scharfkantige Vulkanglas wurde von den Ureinwohnern der Insel intensiv genutzt, entsprechend viele Werkzeuge finden sich im Boden. Alle gesammelten Artefakte unterzogen die Forscher anschließend einer Altersbestimmung und analysierten die Ergebnisse statistisch unter der Annahme, dass die Häufigkeit von Funden aus einem gegebenen Zeitraum das Ausmaß der wechselnden Landnutzung widerspiegelt.

Obsidianwerkzeuge lassen sich anhand ihres Wassergehalts datieren. Das Material nimmt über seine Oberfläche allmählich Wasser aus der Umgebung auf. Ein frischer Abschlag aus dem Inneren eines Rohlings ist darum gleichsam wasserfrei. Gerät das Artefakt in den Boden, bildet sich hingegen mit der Zeit eine typische "Hydratationsschicht", die sich messen und – entsprechende Eichung vorausgesetzt – mit einem Alter des Artefakts in Beziehung setzen lässt.

Altersbestimmung mit Obsidian

An insgesamt sechs Fundstellen ermittelten die Forscher so das Ausmaß der örtlichen Landnutzung: Um das Jahr 1200 herum setzt ein mehr oder weniger kontinuierlicher Anstieg ein, der auf das Bevölkerungswachstum nach der Erstbesiedlung zurückgehen dürfte. Dann jedoch kommt es zu regional unterschiedlichen Entwicklungen. Zwar zeigt sich generell ein Trend zum Bevölkerungsrückgang, jedoch an verschiedenen Orten in unterschiedlichem Ausmaß und Geschwindigkeit.

An drei Stellen ermittelten die Wissenschaftler zudem, welche Bedingungen einst für die Landwirtschaft geherrscht haben dürften: Dort, wo die die beste Bodenqualität und Wasserversorgung vorherrschte, verzeichneten sie den dem Trend entgegenlaufenden Bevölkerungszuwachs, der bis lange nach Eintreffen der Europäer anhielt. An den beiden anderen Stellen, die von Trockenheit beziehungsweise durch einen nährstoffarmen Boden gekennzeichnet sind, begann Mitte des 17. Jahrhunderts sowie Anfang des 18. Jahrhunderts der Populationsschwund.

Die Rede vom abrupten, inselweiten Kollaps sei deshalb wenig zielführend, befinden die Forscher: Zwar habe es wohl einen Raubbau an den Ressourcen gegeben und dadurch bedingt einen langsamen Rückgang der Bevölkerungszahlen, doch anders als die These vom Zusammenbruch der Kultur nahelegt, konnten die Insulaner auf diese Herausforderungen reagieren – unter anderem indem sie ihre Siedlungen an besser geeignete Orte verlagerten.

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