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News: Kein Anlaß für ein Katastrophen-Szenario

Anläßlich des 4. Presseseminars der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) am 21. und 22. November 1997 in Königstein legte der designierte neue Vorsitzende des Beratergremiums für Altstoffe (BUA), der Toxikologe Professor Dr. Helmut Greim, einen ersten Sachstandsbericht über hormonähnlich wirkende Stoffe in der Umwelt vor. Sein Fazit: „Es ist noch keine abschließende Bewertung möglich, die Bedeutung endokrin wirksamer Substanzen für die menschliche Gesundheit scheint jedoch geringer zu sein, als bislang befürchtet.”
Als Grund für diese Aussage nennt der Bericht, daß sowohl die Wirkstärke als auch die Konzentration der Stoffe um Größenordnungen niedriger sei als z.B. die der körpereigenen Östrogene. Unter bestimmten Voraussetzungen (z.B. lokal auftretende sehr hohe Konzentrationen) können diese Stoffe aber durchaus ernste Auswirkungen auf die Umwelt haben, wie Beobachtungen an wildlebenden Tieren zeigen. Phytoöstrogene, die natürlicherweise in der Nahrung von Mensch und Tier vorkommen, werden dagegen, verglichen mit Umweltchemikalien und abhängig von den Ernährungsgewohnheiten, in erheblich größeren Mengen aufgenommen. Sie zeigen aber ebenfalls eine viel geringere Wirkstärke als körpereigene Östrogene.

Wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit dem Einfluß von Umweltchemikalien auf die Spermienzahl befassen, berücksichtigen z.T. in unzureichender Weise andere wichtige Einflußfaktoren, so daß es zu widersprüchlichen Aussagen kommt und man daraus keineswegs eindeutige Zusammenhänge zwischen der Abnahme der Spermienzahl und dem Auftreten solcher Chemikalien ableiten kann. Um die Frage möglicher Veränderungen der Spermienzahlen und die Ursache für erhöhte Hoden- und Brustkrebsraten zu klären, hält das BUA sorgfältig durchgeführte epidemiologische Studien für dringend erforderlich. Studien zum Mechanismus der hormonellen Wirkungen wären sicher auch weiterhin aufschlußreich. Doch vor allem sollen nach wie vor quantitative Aspekte im Vordergrund der wissenschaftlichen Arbeiten stehen. So sollten neben der Bestimmung der biologischen Wirkstärke der verschiedenen Industriechemikalien, der Phytoöstrogene und der körpereigenen Hormone auch deren relative Anteile an der Gesamtbelastung des Menschen ermittelt werden.

Die Frage, ob wir unsere Fruchtbarkeit und Überlebensfähigkeit durch Industriechemikalien gefährden, stellt sich nach neuestem Kenntnisstand nicht mehr so bedrohlich dar, wie noch im vergangenen Jahr, als Wirtschaft, Wissenschaft und Politik in Deutschland und weltweit weitere, umfassende Forschungsprogramme über hormonähnlich wirkende Stoffe in Gang setzten. Unklar ist dagegen das Ausmaß der Wirkung auf die Umwelt.

Aufgabe des Beratergremiums für Altstoffe ist es, in Deutschland die neuesten Forschungsergebnisse auf diesem Gebiet von Zeit zu Zeit zusammenzufassen und zu bewerten. Das Gremium geht mit diesen und weiteren neuen Schwerpunktsetzungen aus dem Beratergremium für umweltrelevante Altstoffe hervor, das 1982 als Kooperationsgremium von Wirtschaft, Wissenschaft und Politik bei der Gesellschaft Deutscher Chemiker angesiedelt wurde und mit seiner Arbeit entscheidend zur besseren ökologischen und ökotoxikologischen Bewertung von Industriechemikalien beigetragen hat.

Der Sachstandsbericht „Hormonähnlich wirkende Stoffe in der Umwelt” kann angefordert werden bei der Gesellschaft Deutscher Chemiker, Abt. Öffentlichkeitsarbeit, Postfach 900440, 60444 Frankfurt, Tel. 069/7917-325.

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