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Interview: "Kein fundamentaler Wechsel"

Dennis Meadows gehört zu den renommiertesten Zukunftsforschern weltweit. 1972 erarbeitete er im Auftrag des Club of Rome die wegweisende Studie "Grenzen des Wachstums", in der erstmals umfassend mögliche soziale und ökologische Folgen eines ungebremsten Wirtschaftswachstums diskutiert wurden. Im Interview erläutert er, wieweit sich die damals gestellten Prognosen erfüllt haben - und welche Herausforderungen er heute für zentral hält.
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Handelsblatt: Vor einem Jahr erschien in Deutschland Ihr recht pessimistischer 30-Jahre-Rückblick. Seither haben Klimawandel-Erkenntnisse politisch und wirtschaftlich viel in Bewegung gebracht. Stimmt Sie dies optimistischer?

Dennis Meadows: Durch eine Reihe von Anlässen, darunter den letzten IPCC-Bericht, den Stern-Report und Al Gores Film, wuchs tatsächlich das Bewusstsein von Bevölkerungen und nationalen Regierungen und sie wurden aktiver hinsichtlich der CO2-Emissionen. Dies ist ein Grund zur Hoffnung.

Trotzdem nehmen die Emissionen immer weiter zu. Und die jüngsten wissenschaftlichen Daten legen nahe, dass sich die klimatischen Schlüsselvariablen schneller ändern, als wir erwartet haben. Selbst wenn wir heute einen magischen Knopf drücken könnten und alle Treibhausgase beseitigen könnten, würde sich das Klima infolge des extrem langen Zeitverzögerungen in dem System in den nächsten Jahrhunderten weiterhin ändern. James Lovelock schreibt in seinem Buch, "Gaia’s Revenge", dass der Klimawandel unsere industrialisierte Gesellschaft von diesem Planeten eliminieren wird.

So pessimistisch bin ich nicht, aber ich erwarte ernsthafte Folgen für die nächsten Jahrzehnte. Wir haben mehr als dreißig Jahre geschlafen, können aber trotzdem – wenn wir jetzt sehr schnell handeln – Lösungen finden und anwenden, um ernsthafte Umweltvergiftungen zu vermeiden. Dafür reicht es allerdings nicht mehr, das auf materiellem Konsum basierende Wirtschaftswachstum zu verlangsamen, sondern wir müssen den materiellen Konsum senken. Bei unveränderter Wirtschaftsweise droht schon in siebzig Jahren ein Zusammenbruch.

Handelsblatt: Welche politischen Initiativen erscheinen Ihnen viel versprechend?

Meadows: Ein zentraler politischer Schritt war natürlich, dass Russland das Kyoto-Protokoll ratifiziert hat und die Vereinbarung dadurch in Kraft treten konnte. Selbst wenn Russland mehr durch die Aussicht auf den Verkauf von Emissionszertifikaten motiviert war als durch die Sorge um die globalen Wettermuster, hat diese Ratifikation der Weltgemeinschaft erlaubt, zu beginnen. Der Klimavertrag von Kyoto kann den Klimawandel nicht stoppen, aber er ist wichtig, um die Leute dazu zu bringen, nach Lösungen zu suchen.

Ich bin sehr beeindruckt von Bundeskanzlerin Merkels Vorschlag, dass wir die politische Debatte um den Klimawandel dahingehend ändern müssen, anzuerkennen, dass jede Person in der Welt das Recht auf denselben Anteil an Treibhausgasemissionen hat. Zurzeit basiert die Kyoto-Vereinbarung auf Anstrengungen, die nationalen Emissionen ausgehend von Niveaus von 1990 zu senken – und das in völliger Missachtung der unterschiedlichen Bevölkerungen der Länder oder ihrem zuvor gemachten Bemühen, den Energieverbrauch oder die CO2-Emissionen zu senken. Es gibt wenig politische Unterstützung für Merkels Vorschlag. Aber ich glaube nicht, dass es irgendwelche vernünftigen internationalen Vereinbarungen geben kann, bis ihre Ideen akzeptiert sind.

Handelsblatt: Gibt es inzwischen wirtschaftlichen Initiativen, die die Kraft haben, Wirtschaft und Gesellschaft zu einem umweltverträglicheren Handeln zu bewegen?

Meadows: Die Anstrengungen, die ich bei Unternehmen und anderen wirtschaftlichen Gruppen gesehen habe, sind meist durch internationale Regulierungen zu Emissionsgrenzen und Emissionshandel sowie durch die Anpassung an höhere Energiepreise initiiert. Leider bietet das Thema Klimawandel keine Gewinne der Art, dass sie individuelle Initiativen motivieren würden.

Handelsblatt: Was müsste noch getan werden, um den Klimawandel aufzuhalten?

Meadows: Das Klima hat sich natürlich immer schon geändert und darum gibt es, streng genommen, nichts was wir tun können, um ihn zu stoppen. Trotzdem können wir hoffen, dass er langsam genug stattfinden würde, damit wir und andere Spezies uns in einer mehr oder weniger geordneten Weise anpassen können. Und wir können hoffen, dass wir den Klimawandel innerhalb der Grenzen halten, die für menschliches Leben auf diesem Planet erforderlich sind. Dazu müssten Anstrengungen zur Bevölkerungsverminderung durch eine Senkung der Geburtenrate als auch durch Migration unterstützt werden. Genauso wichtig wird es sein, Lebensmittel, Güter und Dienstleistungen mit weniger energieintensiven beziehungsweise emissionsträchtigen Technologien zu produzieren.

Handelsblatt: Was raten Sie der deutschen Politik?

Meadows: Da ich es nicht geschafft habe, die US-Regierung zu beraten, will ich bescheiden genug sein, und Ihrer Regierung keine Ratschläge erteilen. Ihrer Regierung stehen bereits viele ausgezeichnete Klimaforscher in Deutschland zur Verfügung.

Handelsblatt: Vor zwei Jahren sagten Sie, Politiker und Unternehmen nahmen und nehmen Ihre Warnungen noch immer nicht ernst. Stimmt diese Aussage noch?

Meadows: Ich habe keinen fundamentalen Wechsel in den Politiken gesehen. Was könnte ich gesehen haben, um meine Meinung zu ändern? Es gibt einige Signale. Die Anerkennung, dass die Welt die Kapazität hat, um Lebensmittel und Güter zu produzieren, die allen Menschen auf der Welt ein annehmbares Leben ermöglichen. Aber wenn Sie sehen, dass Unternehmensführer mehr als hundert Millionen Dollar pro Jahr verdienen, dann leben wir nicht in einer Gesellschaft, die die Grenzen des Wachstums ernst nehmen.

Wir brauchen nicht noch mehr Wachstum, um die Lebensumstände der Armen auf akzeptable Niveaus zu heben; wir müssen lediglich dies als Ziel akzeptieren und bereit dazu sein, unser extrem hohes Konsumniveau aufzugeben, um es zu erreichen. Ich werde erst dann glauben, dass sich die Dinge zum Guten wenden, wenn die Natur als komplexes System wertgeschätzt wird, das seine eigenen Rechte hat, und wenn nicht mehr nur ihre Werte gesehen werden, die aus dem entstehen, was sie unserer Wirtschaft kurzfristig bieten kann. Überdies müssen wir beginnen, Fortschritte und Erfolge nicht nur in finanziellen Maßstäben zu messen.

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