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Mimikry: Kein Kleid zweiter Klasse

Harmlos sein, aber gefährlich aussehen, ist eine beliebte Überlebensstrategie im Tierreich. Als Vorbild für die Abschreckungstarnung dienen häufig wirklich ungenießbare Zeitgenossen. Der Schluss "je giftiger das Modell, desto besser als Vorlage" trifft dabei aber nicht immer zu.
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Sie sind schick anzusehen, die bunten Pfeilgiftfrösche der Tropen Mittel- und Südamerikas. Schrill bunt gemustert und mit einem gewissen Hauch von Gefahr angesichts der namensgebenden Hautsekrete umgeben, landen sie als begehrte Wohnzimmerdekorationsobjekte in zahlreichen Terrarien. Dabei wird Bluff groß geschrieben unter den knopfäugigen tagaktiven Regenwaldbewohnern: Nur wenige Spezies sind wirklich giftig – doch das nutzen andere, um so zu tun, als ob. Ein klassischer Fall von Bates'scher Mimikry.

Die Mimikry-Varianten Nord...Laden...
Die Mimikry-Varianten Nord... | Epipedobates bilinguis (oben), der erst 1989 als eigene Art beschrieben wurde und häufig mit E. parvulus verwechselt wird, und sein Nachahmer Allobates zaparo (unten), der sich dadurch vor hungrigen Schnäbeln schützt.
Zu den ungenießbaren Varianten zählen beispielsweise Epipedobates parvulus und E. bilinguis, die im südlichen respektive nördlichen Amazonasgebiet Ekuadors vorkommen und sich nur in einem schmalen Band begegnen. Beide Arten signalisieren durch ihren rot-warzigen Rücken "für den Verzehr ungeeignet". E. bilinguis untermauert seine Warnung noch mit einem kräftigen gelben Punkt auf den vorderen und hinteren Oberschenkeln. Wer sich an diesen Gesellen vergreift, dem wird die Erinnerung noch lange im Magen liegen.

Eine prima Idee, um genau dort nicht zu landen, dürfte Allobates zaparo im Laufe der Evolution klar geworden sein. Der durchaus schmackhafte entfernte Verwandte ahmt im Norden dementsprechend die Hautfärbung samt Schenkelzeichnung von E. bilinguis nach, während er sich im Süden auf das Vorbild von E. parvulus verlässt. Spannend allerdings ist die Frage: Welche Alternative wählt der Mime im Überschneidungsbereich?

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... und Süd | Im Süden des Verbreitungsgebietes dient Epipedobates parvulus (oben) als Vorbild für Allobates zaparo (unten).
Auf den ersten Blick nahe liegend wäre sicherlich, die giftigere Variante zu imitieren – schließlich sollte da die besonders schlechte Erinnerung einen umso besseren Schutz gewährleisten. Auch von Vorteil dürfte sein, wenn das Abschreckungsoriginal recht häufig vorkommt: Sonst besteht das Risiko, dass der Ekeleffekt zu stark verwässert, weil zwischen wenigen giftigen Happen zu viele leckere herumhüpfen. Im Falle der Dreiergruppe im ekuadorianischen Regenwald fiele die Entscheidung damit klar für E. parvulus, denn E. bilinguis ist im gemeinsamen Gebiet nicht nur deutlich seltener, sondern löst auch geringere Magenverstimmung bei Testhühnern aus.

Catherine Darst und Molly Cummings von der Universität von Texas in Austin jedoch stellten fest, dass Froschlogik auch manchmal zu unerwarteten Ergebnissen führt. Denn A. zaparo nimmt sich keineswegs E. parvulus als Vorbild, sondern E. bilinguis. "Das ist total bizarr", meint Darst dazu.

Die Erklärung dafür liefern wiederum die Testhühner: Hatten sie an E. bilinguis gelernt, dass rote, warzenrückige Frösche äußerst schlecht munden, machten sie später um deren Plagiate einen weiten Bogen – nicht aber um die Nachahmer von E. parvulus. Anders hingegen ihre Kükengenossen, die an den giftigeren E. parvulus gepickt hatten: Ihnen war der Appetit so gründlich verdorben, dass sie zukünftig beide Varianten ignorierten.

"Das ist total bizarr"
(Catherine Darst)
Der Clou an der Sache ist damit: Imitierten die ungiftigen Frösche die eigentlich ekligere Vorlage von E. parvulus, wären sie nur vor Vögeln geschützt, die mit genau dieser Art bereits unangenehme Erfahrungen gesammelt haben – nicht aber vor hungrigen Schnäbeln, die wohlweislich auf E. bilinguis verzichten. Wählen sie jedoch die Warntracht von E. bilinguis, entgehen sie auch diesen Feinden – schließlich verzichten die Magengeplagten nach dem zweifelhaften Genuss von E. parvulus auf beide Nachahmungsalternativen, und die Verwechslung mit E. bilinguis schützt sie vor den anderen potenziellen Vertilgern. So erreichen die Bluffer komfortablen Rundumschutz.

Vielleicht aber gibt es auch eine ganz prosaische Erklärung, bemerken die Forscherinnen der Vollständigkeit halber noch am Rande. So folge all das womöglich auch nur aus sich gerade verändernden Verbreitungsgrenzen. Denn falls E. parvulus seine Heimat gerade gen Norden ausdehnt oder sich E. bilinguis aus dem Süden zurückzieht, hatte Allobates zaparo vielleicht schlicht noch nicht genug Zeit, sich nun an das neue Vorbild anzupassen. Da klingt das ausgeklügelte Warntarnkappenspiel aber doch irgendwie netter.
09.03.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 09.03.2006

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