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Planetenforschung: Kein Meer auf Mars?

Fast zwei Jahre ist es her, dass der Marsrover Opportunity auf dem Roten Planeten landete. Er setzte in einer Landschaft namens Meridiani Planum auf, fuhr durch die dortige Wüste, kurvte um Steine herum, quälte sich Wände von Einschlagskratern empor und wirbelte jede Menge Staub auf. Er fand: Sedimentgesteine, Sulfatsalze, kleine Kugeln aus Hämatit – so genannte Blaubeeren – und eine charakteristische Schrägschichtung der oberen Gesteinslagen.
Endlich einmal Konsens unter Wissenschaftlern: Was die nun schon im zweiten Marsjahr ausgebuddelten Entdeckungen menschlicher Sondenbotschafter auf dem Roten Planeten bedeuten, darüber herrscht Einigkeit. Sedimente, Sulfate, Hämatit – dies alles zeigt nach ihrer Meinung, dass es an Opportunitys Landestelle – heute eine knochentrockene, eisige Wüste – früher einmal Wasser gegeben haben muss. Viel Wasser.

Der Erebus-Krater auf MarsLaden...
Der Erebus-Krater auf Mars | Der Rand des Erebus-Kraters in der Meridiani-Region auf dem Mars präsentiert sich hier den Kamera-Augen des Rovers Opportunity
Ein saures, salzhaltiges See oder ein Meer erstreckte sich hier einst, so die Vermutung. Es verdunstete allmählich. Säuren, Salze und Minerale reicherten sich im nassen Element an, reagierten teils miteinander, fielen aus und rieselten auf den Meeresgrund. Daher die Sedimentschichtung, daher die Sulfatsalze. Das Wasser drang auch in Poren des Oberflächengesteins und bewirkte dort die Entstehung von Hämatit. Daher die Blaubeeren. Irgendwann war das Meer schließlich verschwunden. Soweit die These.

Astrobiologen, die nach Leben im All suchen, horchen an der Stelle gewöhnlich auf. Ein Meer? Dort könnte es Lebewesen gegeben haben, argumentieren sie, und schlagen vor, im Meridiani Planum künftig nach Fossilien derselben zu suchen.

Nicht so voreilig, meinen nun ein paar US-amerikanische Forscher und brechen als Dissidenten aus der Forschereinheitsfront aus. Ihrer Meinung nach hat es im Meridiani Planum kein stehendes Gewässer gegeben. Die Dinge, die Opportunity dort fand, seien auch anders erklärbar als mit Meeren oder Seen. Ein Team um Paul Knauth und Donald Burt von der Arizona State Universität verficht die These, dass einstige Meteoriteneinschläge für Opportunitys Entdeckungen verantwortlich seien [1]. Kracht ein solcher kosmischer Brocken auf die Marsoberfläche, so argumentieren sie, könne er eine Art komplexe Stumflut auslösen, indem er Untergrund-Eis aufschmilzt, unterirdische Wasserreservoirs aufbricht, Gesteinstrümmer und Minerale umherschleudert. Die anschließende Verwitterung des ausgeworfenen Materials könne alle Phänomene hervorbringen, die Opportunity auf dem Roten Planeten beobachtet habe.

Tatsächlich spricht einiges für diese Annahme. So sind die gefundenen Hämatitkugeln erstaunlich kugelförmig und von verblüffend einheitlicher Größe. Sie wirken, als wären sie ähnlich wie Hagelkörner entstanden – zum Beispiel innerhalb der vom Einschlag erzeugten Auswurfwolken – und nicht im Innern von Gesteinsporen gewachsen. Außerdem sind die Bodensalze an Opportunitys Landestelle wild vermengt. Knauth und Burt weisen darauf hin, dass die Verdunstung eines Meeres zu einer geordneten Sedimentschichtung hätte führen müssen: Zuerst wären die schwer-, dann die leichtlöslichen Salze ausgefallen. Schließlich die Schrägschichtung der oberen Gesteinslagen. Sie kann, so die Forscher, auch infolge mächtiger Einschläge entstehen, denn sie ließe sich auch im Umfeld ehemaliger Kernwaffen-Testgelände beobachten.

Ein zweites Forscherteam von der Universität von Colorado schlägt eine Alternative vor: Opportunitys Funde gehen vielleicht auf früheren Mars-Vulkanismus zurück [2]. Wasserdampf und Schwefeldioxid könnten nach dem Austritt aus Vulkanöffnungen zu Schwefelsäure, diese wiederum mit Vulkanaschen zu Sulfaten reagieren. In der Folge könnte dann im Zusammenspiel mit Sauerstoff Hämatit entstehen.

Wie auch immer die Entwicklungsgeschichte des Mars verlief, Knauth hält es nicht für ausgeschlossen, dass einst mikrobielles Leben auf dem Roten Planeten existierte. Wenn ja, dann – so seine Meinung – könnten Überreste davon am ehesten in winzigen Spalten im Oberflächengestein zu finden sein. Dorthin würden sie von Wind und Wasser am ehesten getragen.

28.12.2005

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 28.12.2005

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  • Quellen
[1] Nature 438: 1129–1131 (2005), Abstract
[2] Nature 438: 1123–1128 (2005), Abstract

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