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News: Keine halbe Sache

Eine traumatische Hirnverletzung kann viele Folgen haben, darunter auch so merkwürdige wie das Neglect-Syndrom: Betroffene ignorieren schlicht die Hälfte ihrer Umwelt. Nun gibt es neue Einblicke in die Ursachen.
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Es sind mehrere Prozese in verschiedenen Regionen unseres Gehirns nötig, bis aus dem Blick in die Welt tatsächlich ein Abbild der Realität entstanden ist: Es gilt, optische Reize aufzunehmen, zu verarbeiten und mit anderen Informationen oder Erinnerungen zu verknüpfen – ein fein abgestimmtes Räderwerk, von dessen einzelnen Bestandteilen jedoch noch viele im Dunkeln liegen, ganz zu schweigen von den Stellschrauben.

Erhellende Einblicke in den Mechanismus bieten sich immer dann, wenn einzelne Rädchen des Systems ausfallen – so fatal dies für Betroffene selbst auch ist. Was allerdings beim so genannten Neglect-Syndrom geschieht, zieht derart Merkwürdiges nach sich, dass sich Forscher bislang nicht wirklich einen Reim darauf machen konnten.

Ein Neglect-Syndrom entwickelt sich oft nach einem Schlaganfall, einem Tumor oder einer Blutung in einem der Scheitellappen des Großhirns, zumeist dem rechten. Dieser Gehirnbereich ist unter anderem für die Raumwahrnehmung zuständig, die dadurch nachhaltig gestört wird: Die Neglect-Betroffenen leben in einer Welt, in der die linke Hälfte einfach fehlt – selbst die ihres eigenen Körpers. Dabei können Patienten mit einem visuellen Neglect durchaus im physiologischen Sinne alles um sie herum "sehen", doch können sie die Reize aus der linken Seite nicht länger in ihr inneres Umweltbild einbauen.

John McHaffie von der Wake Forest University und seine Kollegen machten sich nun daran, den Ursachen dieser bizarren Symptome auf den Grund zu gehen. Besonderes Augenmerk richteten sie auf Nervenzellen der tief in der weißen Substanz des Großhirns liegenden Basalganglien, die bekanntermaßen bei der Bewegungskoordination eine Rolle spielen. Mit Hilfe von Mikroelektoden sowie biochemischen Analysen der von einzelnen Basalganglien-Zellen abgegebenen Botenstoffe enthüllten die Forscher nun weitere Charakteristika: Offenbar hemmen und aktivieren die Zellen gleichzeitig in der eigenen sowie der gegenüberliegenden Gehirnhälfte nachgeordnete, im Mittelhirn liegende Schaltzentralen, die Colliculi superiores.

Diese Colliculi regulieren im Normalfall die Bewegungen des Auges und visuelle Reflexreaktionen. Bei einem Neglect-typischen einseitigen Ausfall einzelner Basalganglien-Zellen scheint nun aber die Kontrolle dieser Colliculi-Funktion aus der Balance zu geraten – und in der Folge wird offenbar das gesamte nachgeschaltete visuelle Systems der betroffenen Hirnseite unbenutzbar.

Dabei ist der weiter vorhandene Input der noch funktionsfähigen Basalganglien aus der unbetroffenen Gehirnseite ebenso schädlich wie der fehlende Input der beim Hirntrauma geschädigten Hälfte – Hemmung und Aktivierung aus beiden Basalganglien-Bereichen müssen sich wohl stets die Waage halten. Dies erklärt vielleicht auch, so die Wissenschaftler weiter, Phänomene wie den so genannten Sprague-Effekt: Dabei können die einer ersten Hirnverletzung folgenden Ausfallerscheinungen durch eine zweite teilweise kompensiert werden, die in der entsprechenden Hirnregion der anderen Hirnhälfe erfolgt.

Ein Therapienansatz für Neglect-Geschädigte könnte nach Ansicht der Forscher demnach eine gezielte Manipulation von gesunden Basalganglien- Zellen in der nicht betroffenen Hirnhälfte beinhalten. Das allerdings bleibt sicher noch so lange Zukunftsmusik, bis wir das komplizierte Räderwerk unserer Gehirntätigkeit etwas deutlicher durchblicken.

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