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News: Keine Lust auf Kokain

Noch immer ist nicht ganz klar, welche Mechanismen hinter einer Sucht stecken. Beliebte Versuchsobjekte sind Mäuse, die sich selbst eine Droge, wie Kokain, verabreichen. Forscher haben nun einen Mäusestamm gezüchtet, denen ein bestimmter Rezeptor im Gehirn fehlt. Die Folgen sind erstaunlich: Die Tiere legen keinen Wert mehr auf das Rauschmittel, obwohl es ihnen zur Verfügung steht.
Ein kleiner Pfotendruck auf den Hebel und die tägliche Drogendosis sitzt – Mäuse lernen schnell. Und da sie wie Menschen süchtig werden, dienen sie als beliebtes Forschungsobjekt für die Suche nach den Mechanismen der Abhängigkeit. Denn das Wissen darüber, welche Prozesse im Gehirn ablaufen, ist immer noch bruchstückhaft.

Im Fall von Kokain weiß man, dass es im Gehirn die Wiederaufnahme verschiedener Botenstoffe hemmt. Die Substanzen binden normalerweise an einen Rezeptor der Empfängerzelle und werden anschließend enzymatisch abgebaut oder in die präsynaptische Zelle zurück transportiert. Verbleiben sie nun jedoch länger im synaptischen Spalt, hält die Reizung der Empfängerzelle an. Die Folgen bei Kokain sind ein ausgeprägtes Hochgefühl und Wohlempfinden, Selbstsicherheit und neue Energie. Und die Sehnsucht nach diesem Zustand lässt die Abhängigen – Maus wie Mensch – immer wieder zur Droge greifen. Der Schritt in die körperliche und psychische Abhängigkeit ist getan.

An diesem Prozess beteiligt sind auch verschiedene Rezeptoren für Glutamat, einem erregenden Botenstoff unseres Gehirns. Dessen Gehalt steigt bei einer Kokaingabe. Doch welche Funktion der Neurotransmitter und seine Rezeptoren im einzelnen ausüben, konnten Wissenschaftler noch nicht aufklären.

Christian Chiamulera sowie Mark Epping-Jordan von GlaxoSmithKline und ihre Kollegen sind der Lösung des Rätsels einen Schritt näher gekommen. Sie züchteten Mäuse, denen der Glutamatrezeptor mGluR5 fehlt. Anschließend brachten sie ihnen wie ihren genetisch nicht veränderten Artgenossen bei, sich über das Hebelprinzip selbstständig mit Futter zu versorgen. Beide Nagerstämme gewöhnten sich problemlos daran.

Als die Forscher ihren Versuchstieren jedoch nach einigen Tagen Kokain in die Vorratsbehälter füllten, verloren die genetisch veränderten Mäuse jegliches Interesse daran – während sich die Kontrollgruppe schnell in die Abhängigkeit manövrierte. Das Kokain ließ die Rezeptor-losen Mäuse auch nicht aktiver werden wie ihre Artgenossen, die je nach Dosis verstärkt umher rannten.

Doch an welcher Stelle greift der Rezeptor ein? Denn das veränderte Verhalten nach einer Kokaingabe führen Wissenschaftler normalerweise auf erhöhte Dopamingehalte zurück. Doch beide Mausstämme wiesen im Nucleus accumbens ähnlich hohe Dopaminwerte auf. Und auch die Zahl der Dopaminrezeptoren und Transportmoleküle stimmte überein. Der klassische Auslöser für die Hyperaktivität blieb also von der Mutation unbeeinflusst.

Kokain erhöht aber auch die Ausschüttung von Glutamat, und die dafür verantwortlichen Rezeptoren finden sich auf denselben Nervenzellen wie die Dopaminrezeptoren. Die Forscher vermuten daher, dass die beiden Signalwege miteinander wechselwirken. Da mGluR5 offenbar für die suchterzeugende Wirkung von Kokain sowie seine Auswirkungen auf die Aktivität der Tiere entscheidend ist, könnte es als Kandidat für ein Medikament dienen, mit dem sich die Sucht womöglich behandeln lässt.

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