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Verhaltensforschung: Keine Müdigkeit

Kaum etwas wirkt so ansteckend wie ein herzhaft gähnendes Gegenüber - selbst Affen lassen ich dazu verleiten. Doch was verbirgt sich dahinter? Ein unkontrollierbarer Reflex oder ein empathisches Hineinversetzten in den Artgenossen? Autistische Kinder können diese Frage beantworten.
GähnenLaden...
"Bei Wirbeltieren weit verbreitetes und wahrscheinlich stammesgeschichtlich altes Komfortverhalten, das vor allem beim Übergang vom Schlaf in die Wachphase und umgekehrt ausgelöst wird." So definiert das Lexikon den merkwürdigen Körperausdruck, den jeder zeigt, sobald sich die ersten Zeichen der Müdigkeit einstellen. Erscheint schon das weite Mundaufreißen – das meist leicht schamhaft durch eine Hand verdeckt wird – an und für sich schon recht bizarr, wirkt die große Ansteckungsgefahr, die von dem Verhalten ausgeht, noch rätselhafter: Wer morgens verschlafen in der Bahn vielleicht noch zaghaft seine Müdigkeit offenbart, wird sich bald von sperrangelweit offen stehenden Mündern umgeben sehen.

Nicht nur der Mensch, sondern auch viele Tiere neigen zu dem tiefen Luftholen vor dem Zubettgehen beziehungsweise nach dem Aufstehen. Doch das ansteckende Gähnen galt lange als typisch menschlich – bis sich zeigte, dass Makaken ebenfalls zum gemeinsamen Maulaufreißen neigen. Was steckt dahinter?

In der richtigen Stimmung

Der Humanethologe Irenäus Eibl-Eibesfeldt sieht hierin ein wichtiges stimmungsgebendes Signal. "Die Ansteckung führt dazu, dass alle Personen etwa gleichzeitig müde werden und schlafen gehen", erklärt er in der spektrumdirekt-Rubrik "NaKlar!". "Eine solche Synchronisation des Alltags ist durchaus wichtig. Denn würden nur einzelne schläfrig, um schließlich vor Müdigkeit umzufallen, andere dagegen zum Beispiel weiterziehen, wäre der Zusammenhalt der Gruppe gefährdet."

Ist Gähnen also ein angeborener Reflex, der sich unwillkürlich einstellt, sobald der Artgenosse seine Müdigkeit zeigt? Nicht alle Forscher sind davon überzeugt. Viele sehen hier vielmehr einen Ausdruck von Empathie: Sieht man jemanden gähnen, versetzt sich der Beobachter in diese Person hinein und denkt darüber unbewusst nach, wie es wäre, wenn er selbst jetzt gähnen würde – wodurch letztendlich die entsprechende Reaktion provoziert wird.

Eine Frage der Einfühlung

Demnach sollte die ansteckende Schläfrigkeit nur bei Individuen auftreten, die zu solch einem Einfühlungsvermögen in der Lage sind. Menschenaffen wird diese Empathie nicht abgesprochen, bei Makaken wird es schon schwierig – vielleicht verbirgt sich hinter dem gemeinsamen Zähnezeigen eher eine gegenseitige Drohgebärde.

Um die Frage nach Reflex oder Empathie zu beantworten, wählten die Forscher um Atsushi Senju von der Universität von London Versuchspersonen, deren Einfühlungsvermögen bekanntermaßen beeinträchtigt ist: autistische Kinder. Die Wissenschaftler zeigten 24 japanischen Kindern im Alter zwischen 7 und 14 Jahren, bei denen eine autistische Störung diagnostiziert worden war, kurze Videosequenzen, in denen Erwachsene entweder herzhaft gähnten oder lediglich ihren Mund aufsperrten. Als Kontrollgruppe dienten 25 normal entwickelte Kinder der gleichen Altersgruppe.

Natürlich hatten die kleinen Probanden, die heimlich beim Video gucken gefilmt wurden, keine Ahnung, worauf es den Forschern eigentlich ankam. Vielmehr standen sie vor der schlichten Aufgabe, die Zahl der auftretenden weiblichen Personen zu bestimmen – was alle Kinder mit Bravour meisterten. Kurze Zeichentrickfilme zwischen den Videosequenzen hielten sie bei der Stange.

Zum Gähnen

Die anschließende Auswertung brachte es an den Tag: Die normalen Kinder ließen sich häufig von einer gähnenden Person anstecken, ein offen stehender Mund bewirkte dagegen kaum eine zunehmende Schläfrigkeit. Ganz anders dagegen die Autisten: Sie verfolgten munter alle Filme – egal ob die Darsteller gähnten oder nicht.

Demnach scheint die ansteckende Müdigkeit tatsächlich eine Frage von Empathie zu sein. Ob hier so genannte Spiegelneurone des Gehirns – die sich regen, sobald bestimmte Bewegungen bei anderen beobachtet werden – eine Rolle spielen, lassen die Forscher bewusst offen. Zwar gehen etliche Neurowissenschaftler davon aus, dass eine Ursache des gestörten Sozialverhaltens autistischer Kinder bei diesen Nervenzellen zu finden ist. Senju und seine Kollegen betonen jedoch, dass eine Aktivität von Spiegelneuronen beim Gähnen bislang noch nicht nachgewiesen ist.

Wie dem auch sei – vielleicht hilft ja dem bedauernswerten Redner, der statt einer gebannten Zuhörerschaft nur ein gähnendes Publikum vor sich sieht, die Erkenntnis ein wenig weiter, dass sich hier nicht unbedingt eine einschleichende Langeweile offenbart, sondern vielmehr ein gesundes Maß an Einfühlungsvermögen.
15.08.2007

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 15.08.2007

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