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News: Keine Zeit zum Wachsen

Der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg und die ökonomischen Umstellungen nach der Wende stellten ostdeutsche Mittel- und Kleinstädte vor ähnliche Probleme. Die veränderten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen griffen grundlegend in die Struktur der Städte ein, ohne daß diesen angemessene Reaktionszeiten gewährt wurden. Eine neue Studie untersucht die Entwicklung ostdeutscher Mittel- und Kleinstädte im Vergleich zu westdeutschen Städten ähnlicher Größe.
Nach dem zweiten Weltkrieg waren auch in Mittel- und Kleinstädten große Teile der Innenstadt zerstört. Trümmerbeseitigung und schneller, preiswerter Bau von Wohnungen standen im Osten wie auch im Westen Deutschlands im Mittelpunkt. Bald aber bestimmten die unterschiedlichen politischen Rahmenbedingungen die weitere Stadtentwicklung. Im Osten waren die Bedingungen für einen durchdachten und schnellen Aufbau der Innenstädte günstiger. Der Besitz an Grund und Boden war für den Privatmann nur eingeschränkt möglich. Dies bot – so Dr. Manfred Nutz vom Geographischen Institut der Universität zu Köln – die Chance für eine umfassende und konsequente Stadtplanung. Mit den Idealvorstellungen von einer sozialistischen Stadt war das Grundkonzept schon vorhanden, das bereits 1950 in einen Rechtsrahmen gegossen wurde. Im Westen Deutschlands dagegen mußten erst komplizierte Eigentumsverhältnisse geklärt werden. Zudem fehlte bis Anfang der 60er Jahre ein bundesweites Städtebaurecht.

Der Wohnungsbau in der Bundesrepublik orientierte sich stark an den vertrauten Mustern aus den 20er und 30er Jahren. Die Struktur der Stadt wurde verkehrsgerecht ausgelegt. Die Innenstädte entwickelten sich bald wieder zu dominierenden Geschäftszentren. Häufig errichteten große Unternehmen repräsentative Bauten, was die DDR als Vereinnahmung der Bundesrepublik durch die USA heftig kritisierte. Allgemein verliefen im Westen Deutschlands die Entwicklung der Innenstadt und der Wohnungsbau parallel. Anfang der 60er Jahre war der Wiederaufbau der kriegszerstörten Städte so gut wie abgeschlossen.

Die stalinistische Städtebauvorstellung dagegen – so der Wissenschaftler – unterschied sich grundlegend von der traditionellen Innenstadt vor dem Zweiten Weltkrieg, die von Handel, Gastronomie und Kultur geprägt war. Die Stadt in der Sowjetunion sollte vor allem die politischen Grundvorstellungen nach außen hin repräsentieren und damit das "nationale Bewußtsein des Volkes" widerspiegeln. Mit der Staatsgründung der DDR setzte sich auch hier die stalinistische Baupolitik durch. Westdeutschland kritisierte diese Architektur wegen ihrer Ähnlichkeit zur nationalsozialistischen Bauweise. Nach Stalins Tod Mitte der 50er Jahre rückte die Quantität von Wohnungen in den Vordergrund. Die neue Losung lautete: "Besser, schneller und billiger bauen". Die industrielle Bauweise ließ sich am besten am Stadtrand realisieren, da hier keine Rücksicht auf Beschränkungen der Bodenordnung genommen werden mußte. Im Stadtzentrum wurden historische Baureste vernichtet, um Platz für symbolische Bauten zu schaffen. Oft waren die Aufbaupläne überzogen, so daß es lange Zeit unbebaute Flächen in den Innenstädten gab. Auch in vielen Kleinstädten existierten umfassende Konzepte, die aber nur bruchstückweise verwirklicht wurden. Ab den 70er Jahren entstanden wegen der sozialpolitischen Orientierung Honeckers hauptsächlich Plattenbauten, die noch heute das Bild vom Wohnungsbau in der DDR prägen. Der Wiederaufbau der kriegszerstörten Städte zog sich bis in die 90er Jahre hin.

Die Wende traf die Innenstädte der DDR vollkommen unvorbereitet. Das Stadtzentrum war nicht für den Einzelhandel gerüstet. Für den Aufbau neuer Strukturen gab es nur wenig Zeit, zudem erschwerten die ungeklärten Eigentumsverhältnisse eine sinnvolle und zielgerichtete Planung. Deshalb entstanden große Einzelhandelsflächen an den Stadträndern.

Die Umorientierung ostdeutscher Städte auf Handel und Verkehr wurde allgemein als "Nachholbedarf" angesehen. Dabei wurden aber auch viele Fehler nachgeholt. Die schnell errichteten Einzelhandelszentren auf der grünen Wiese schaffen eine ungute Konkurrenzsituation zu den Innenstädten. Ökonomische Sachzwänge unter Zeitdruck verhindern eine sinnvolle Stadtentwicklung. Oft wird dabei vergessen, daß Plattenbauten genauso wie schöne innerstädtische Wohnungen aus den 50er Jahren zur Geschichte der ostdeutschen Stadtentwicklung gehören. Als Teil der Geschichte dürfen sie nach Auffassung von Dr. Nutz nicht negiert werden, sondern sollten weiterentwickelt und in den modernen Städtebau integriert werden.

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