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News: Keinen festen Boden unter den Füßen

Reisende, die durch die felsige Landschaft in Tibet wandern, nehmen normalerweise an, daß sie sich auf festem Boden befinden. Geophysiker haben jetzt aber festgestellt, daß das zerklüftete Innere des asiatischen Kontinents sich langsam wie eine Flüssigkeit verformt.
In ihrer Arbeit (Science vom 24. Oktober 1997) stellen sie die These auf, daß nicht einmal das Zentrum der Kontinentalplatte terra firma im eigentlichen Wortsinne ist. Wenn die zugrundeliegenden Thesen weiterentwickelt werden, lassen sich mit ihnen genauere Vorhersagen darüber anstellen, was eigentlich beim Zusammenstoß von Kontinenten passiert.

Geologen wissen schon lange, daß tektonische Platten nicht völlig starr sind. Zum Beispiel drückt die indische Platte gewaltig gegen die asiatische Platte. Dies führt dazu, daß sich die asiatische Platte verformt und dabei dicker wird. Das Ergebnis ist die tibetische Hochebene, die höchste und ausgedehnteste Hochebene der Erde. Doch zwei wissenschaftliche Gruppierungen haben konkurrierende Meinungen darüber, wie dieses Phänomen am besten beschrieben werden kann. Ein Lager glaubt, daß jede Platte eine Sammlung starrer Unterplatten ist, durchzogen von Gräben. Das andere Lager behauptet, daß Kontinentalplatten sich eher so verhalten wie Schnee vor einem Schneepflug: fest in kleinem Rahmen, aber als Ganzes gesehen fließend.

Um eine umfassende und langfristige Vorstellung vom Verhalten der asiatischen Platte zu gewinnen, haben der Geophysiker Philip England von der Oxford University und Peter Molnar vom Massachusetts Institute of Technology bereits veröffentlichte geologische Beschreibungen und Unterlagen über Erdbeben studiert. Sie wollten herausfinden, wie schnell sich die verschiedenen Blöcke bewegen. Dazu wandten sie die klassische Gleichung der Strömungsdynamik an, um die Viskosität der Platte zu bestimmen, bzw. festzustellen, wie schnell sie sich bewegt. Molnar räumt ein, daß einige Annahmen des Teams „zweifellos im Detail falsch sind”. Er ist jedoch zuversichtlich, daß ihre wichtigste These stimmt: Asien verformt sich wie eine Flüssigkeit. „Man kann die Tatsache nicht leugnen, daß die Viskosität nur 10 bis 100mal größer ist als im Inneren der Erde, wo Steine zähflüssig sind wie altes Fensterglas”, meint er.

"Ich bin mit ihren Schlußfolgerungen völlig einverstanden," sagt Peter Bird, Geophysiker an der University of California, Los Angeles, der für sich in Anspruch nimmt, in dieser Debatte unparteiisch zu sein. Aber Bird weist darauf hin, daß das Modell bisher nur in jener Region getestet wurde, in welcher die stärksten geologischen Spannungen auftreten, nicht jedoch in der gesamten asiatischen Platte. Er fügt hinzu, daß dieses Modell in einigen Jahren möglicherweise präziser getestet werden kann, sobald bessere Geschwindigkeitsdaten von geodätischen Satelliten zur Verfügung stehen.

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