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Spiele: KI enthüllt die Regeln eines antiken Brettspiels

Ein römischer Stein entpuppt sich als mögliches Spielbrett. Forschende haben nun mithilfe von KI die Spielmechanik rekonstruiert – und stoßen auf eine unerwartete Spielform.
Ein ovaler, flacher Stein mit einer rauen, sandfarbenen Oberfläche. Auf dem Stein sind feine, rechteckige Linien eingraviert, die möglicherweise eine alte Inschrift oder Markierung darstellen. Der Hintergrund ist dunkel, wodurch der Stein hervorgehoben wird.
Dieser Stein diente in der römischen Zeit offenbar als Spielbrett.

Ein unscheinbarer Kalksteinblock aus dem römischen Ort Coriovallum, dem heutigen Heerlen in den Niederlanden, könnte Teil eines bislang unbekannten Brettspiels sein. Ein Forschungsteam um den Archäologen Walter Crist von der Universität Leiden hat das Objekt auf seine Abnutzungsspuren untersucht und erstmals mithilfe eines KI-Modells mögliche Spielszenarien analysiert. Sein Ergebnis hat es nun in der Fachzeitschrift »Antiquity« veröffentlicht: Offenbar wurde auf dem Steinblock in der spätrömischen Zeit ein Blockierspiel gespielt – eine Spielart, die bislang nicht mit der römischen Welt in Verbindung gebracht wurde.

Spiele gehören seit Jahrtausenden zum Alltag vieler Kulturen. Doch die meisten sind archäologisch kaum fassbar, weil sie flüchtig in den Boden geritzt oder mit improvisierten Steinen gespielt wurden. Der sorgfältig bearbeitete Kalksteinblock aus Heerlen bietet daher eine seltene Chance, ein solches Spiel materiell zu untersuchen.

Das geometrische Abnutzungsmuster auf dem Stein ließ sich keinem bekannten römischen Spiel zuordnen. Um seine mögliche Funktion zu rekonstruieren, setzte das Team um Crist das KI-Modell »Ludii« ein. Dabei ließen die Forschenden zwei KI-Agenten auf einem Spielbrett gegeneinander antreten. Die KI nutzte hierbei Regelwerke aus vielen alten europäischen Brettspielen. Insgesamt simulierte Ludii mehr als 130 verschiedene Regelwerke, um herauszufinden, welche zu den beobachteten Abnutzungsmustern führen könnten. 

Ein Stein als Spielbrett | Verschiedene Seitenansichten des Kalksteins vor der Reinigung mit Bleistiftmarkierungen, die die eingeritzten Linien umreißen.

Dabei zeigte sich: Nur sogenannte Blockierspiele erzeugen ein Abnutzungsmuster, das zu den Spuren auf dem Stein passt. Dabei handelt es sich um asymmetrische Strategiespiele, bei denen ein Spieler mit mehreren Figuren versucht, den einzelnen Stein des Gegners so einzukesseln, dass dieser nicht mehr ziehen kann. Anders als bei römischen Spielen wie »Latrunculi« geht es nicht um das Schlagen von Steinen, sondern um geschicktes Manövrieren und Blockieren. Solche Spiele sind in Europa zwar erst ab dem Mittelalter sicher dokumentiert, könnten aber nach den neuen Befunden deutlich älter sein.

Damit liefert die Studie einen möglichen Hinweis darauf, dass Blockierspiele bereits in der römischen Kaiserzeit existierten – weit früher als bislang angenommen. Zugleich zeigt die Arbeit, wie KI‑gestützte Modellierungen dabei helfen können, vergessene Formen des Spielens archäologisch sichtbar zu machen.

  • Quellen
Crist, W. et al., Antiquity 10.15184/aqy.2025.10264, 2026

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