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Paläanthropologie: Kind der Vorzeit

Über 3,3 Millionen Jahre lag das Fossil verschüttet in der Wüstenlandschaft von Dikika im heutigen Äthiopien, bis ein internationales Forscherteam erste Knochenteile entdeckte. Jahrelang entfernten die Forscher mühevoll die Erde von den Knochen - und enthüllten so nicht nur den sensationellen Fund eines beinahe komplett erhaltenen Kinder-Skeletts, sondern auch neue Indizien über Körperbau und Leben unserer frühesten Vorfahren.
Schädel des Dikika-KindesLaden...
Die Gruppe der afrikanischen Vormenschen oder Australopithecinen, die bereits 1974 mit der Entdeckung des Skeletts von "Lucy" einen gewissen Bekanntheitsgrad erreichten, bekommt aussagekräftige Gesellschaft – in Gestalt eines kleinen Kindes, das Wissenschaftler um den Paläontologen Zeresenay Alemseged vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und den Geologen Jonathan Wynn von der University of St. Andrews am 10. Dezember 2000 in der kargen Wüstenlandschaft des nordöstlichen Äthiopien entdeckten [1].

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Ausgrabung in Dikika | Mitarbeiter des Dikika Research Project bei der Ausgrabungsstelle in Dikika
Über fünf Jahren trugen Alemseged und seine Kollegen in mühsamer Kleinarbeit mit Zahnbürsten und anderem Feingerät in Dikika die Erdschichten um das Skelett eines etwa dreijährigen Hominiden-Mädchens der Art Australopithecus afarensis ab, und doch ist ein Ende der Bemühungen noch lange nicht abzusehen. Dass die Forscher überhaupt so viel Arbeit haben, verdanken sie vermutlich einer Flut vor mehr als drei Millionen Jahren, die erste Sedimentschichten auf das erst kurz vorher verstorbene Kind spülte und das Skelett der Kleinen so beinahe vollständig für die Nachwelt konservierte [2].

Ein Glücksfall für die Evolutionsforschung – denn die junge Hominide ist in einem so guten Zustand, dass selbst kleinste Knochenstücke wie etwa die Milchzähne oder Kniescheiben bestens erhalten blieben. Auch der Schädel ist vollständig – und so fiel es den Forschern leicht, die Fossilien der archaischen Hominidenart anhand der Gesichtsknochen genau zu bestimmen. Denn schon im zarten Alter von nur etwa drei Jahren – Alter und Geschlecht bestimmten die Forscher übrigens anhand des Gebisses – ist die Familienähnlichkeit unverkennbar: flache Stirn, tief sitzende, breite Nasenpartie, kleines Gehirn.

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Knochenfossilien von Australolpithecus afarensis | Das Skelett des etwa dreijährigen Dikika-Kindes (Australopithecus afarensis) ist fast vollständig erhalten. Auch sonst seltene Knochenfunde wie etwa die Kniescheiben oder das Zungenbein konnten geborgen werden.
Damit unterscheidet sich das Dikika-Kind eindeutig auch von dem in Südafrika gefundenen Taung-Kind, das der Art Australopithecus africanus angehörte und 1924 als erster Vertreter der Vormenschen das heutige Tageslicht erblickte. Seit diesem Zeitpunkt ist viel über die frühen Hominiden gestritten worden. Wie genau sind sie untereinander verwandt und – wichtiger noch – wie mit uns selbst? Zwar besitzen sie Übereinstimmungen mit dem menschlichen Gebiss, gleichzeitig verfügten sie jedoch auch über überlange, affenähnliche Arme.

Eindeutig als Vorfahren der Menschen klassifiziert wurden die Australopithecinen erst, als man entdeckte, dass ihr Körperbau für einen aufrechten Gang geschaffen war – das Becken war im Vergleich zum Affen umgelagert, die Oberschenkelknochen und die Kopfhaltung wiesen auf eine zweibeinige Fortbewegung hin. Doch noch immer ist unklar, welche Bedeutung dieser aufrechte Gang für die Vormenschen hatte – lebten sie ausschließlich auf der Erde, wo sie zweibeinig umherliefen? Oder hangelten sie auch in der Baumwelt herum, wie ihre Schwestergruppe, die Affen?

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Schädel des Dikika-Kindes | Nach dem Taung-Kind, dessen Schädel 1924 gefunden wurde, ist das Dikika-Kind das zweite jugendliche Fossil, das man von der Gattung Australopithecus gefunden hat.
Das Dikika-Kind offenbart nun erstmals gleich mehrere Indizien für eine Kletterpartie der Hominiden. Insbesondere die Unterkiefergrube des Kindes machte Alemseged stutzig: Sie lässt darauf schließen, dass Kopf und Rumpf nicht in der Art voneinander entkoppelt waren wie heute. Ohne diese Entkoppelung jedoch ist gerade schnelles zweibeiniges Laufen unmöglich. Und tatsächlich hatten frühere Forschungen an verhärteten Fußabdrücken in Vulkanasche erwiesen, dass die frühen Hominiden eher gemächlich daherschritten.

Weil die Entkoppelung von Kopf und Rumpf also fehlt, vermutet Alemseged, dass der Schultergürtel höher lag als bei heutigen Menschen – ein Körperbau, der insbesondere beim Klettern und Herumhangeln hilfreich wäre. Diese Hypothese wird zusätzlich dadurch gestützt, dass die Schulterblätter der jungen Australopithecinen eher denen eines Gorillas ähneln als denen heutiger Menschen. Eine genauere Untersuchung des Schlüsselbeins könnte diese Vermutungen untermauern – bislang jedoch harren diese Körperteile noch der Befreiung aus den sie umkrustenden Erdschichten.

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Der neue Fund | Mitarbeiter des Dikika Research Project mit dem Schädel des Dikika-Kindes: Nach dem Taung-Kind, dessen Schädel 1924 gefunden wurde, ist das Dikika-Kind das zweite jugendliche Fossil, das man von der Gattung Australopithecus gefunden hat.
Doch ein anderer Körperteil gibt den Forschern weitere Indizien zur Hand: Denn der einzige vollständige Fingerknochen des Kindes ist gekrümmt. Auch bei Schimpansen krümmen sich im Laufe der ersten Lebensjahre die Finger – vom regelmäßigen Griff um Äste und Zweige. Und so nährt das Skelett des Dikika-Kindes den Verdacht, dass die Australopithecinen sich nicht allein am Boden fortbewegten, sondern auch in den Baumkronen der damaligen Wälder zuhause waren.

Auch in einer anderen Hinsicht waren die frühen Menschen den heutigen Affen anscheinend ähnlicher, als bislang vermutet. Denn die Forscher fanden erstmals in einem so alten Fossil die Überreste des Zungenbeins, einem zum Schädelskelett gehörenden Knochen oder Knorpel, der dem Ansatz der Zungenmuskulatur dient und so entscheidend auch für die Sprachentwicklung ist.

Auch dieser gleicht eher dem äffischen Zungenbein als menschlichen – und zwar so sehr, dass Alemseged gar vermutet, die Australopithecinen hätten zur Lautverstärkung Kehlsäcke benutzt. Diese Ausstülpungen der Kehlkopfschleimhaut dienen noch heute manchen Affenarten wie etwa dem Orang-Utan als Resonanzraum zur Stimmbildung – und bei manchen Arten auch zur Klärung der Hierarchien.
21.09.2006

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 21.09.2006

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