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News: Kinder alleinerziehender Eltern sind nicht dümmer

Für mache Politiker sind alleinerziehende Mütter an einer Vielzahl von Problemen schuld, an denen unsere Gesellschaft krankt. Wie eine neue Untersuchung zeigt, haben Kinder aus solchen Familien oft aber auch einen guten Start ins Leben. Wenn sie es jedoch nicht so gut erwischen, liegt die Hauptursache dafür meist nicht in der Abwesenheit des Vaters begründet, sondern in der geringeren Bildung der Mutter.
In Großbritannien wird eins von fünf Babys in einem Haus ohne erwachsene männliche Bezugsperson geboren. In den USA ist es eines von dreien. Manche Studien unterstützten die populäre Meinung, nach der Kinder von Alleinerziehenden mit größerer Wahrscheinlichkeit schlechte Leistungen in der Schule erbringen als der Nachwuchs aus Familien mit zwei Elternteilen.

Nun hat der Entwicklungspsychologe Henry Ricciuti von der Cornell University in Ithaca, New York, eine der größten und am besten kontrollierten Studien vervollständigt. Viele bisher veröffentlichte Arbeiten seien irreführend, da sie den Umstand, daß nur ein Erziehender vorhanden war, mit dem der fehlenden Bildung der Mutter und ihren geistigen Fähigkeiten durcheinander werfen, so Ricciuti.

Der Psychologe testete 1700 Kinder zwischen sechs und acht Jahren, deren Mütter an einer multikulturellen Langzeituntersuchung über junge Menschen teilnahmen. Die Kinder von alleinerziehenden Müttern hatten den gleichen Wortschatz und konnten genauso gut lesen und rechnen wie ihre Altersgenossen aus den sogenannten intakten Familien. Auch berichteten alleinerziehenden Mütter genauso oft oder selten von Verhaltensproblemen ihrer Jüngsten wie die Mütter mit Partner (Journal of Family Psychology, September 1999, Abstract) "Ich konnte keinen Beweis finden, daß Alleinerziehen an sich ein erhöhtes Risiko darstellen", sagte Ricciuti.

Als sich der Wissenschaftler die alleinerziehenden Familien genauer anschaute, fand er zwei Faktoren, welche die Leistungen der Kinder in der Schule beeinflussen: Der Bildungsstand ihrer Mutter und die generelle Fähigkeit, Probleme zu lösen, gemessen nach einer standardisierten Methode. Die von Ricciuti untersuchten Kinder hatten alle relativ junge Mütter, die ihren Nachwuchs durchschnittlich mit 20 Jahren zur Welt gebracht hatten. Im Gegensatz zu den anderen Forschungsarbeiten, konnte der Forscher weder eine Tendenz, daß Müttern mit Partner mehr Zeit in die Entwicklung ihrer Kinder stecken, noch daß sie ihre Kinder im Durchschnitt später gebären, feststellen.

In einem wichtigen Punkt unterscheiden sich jedoch die Familien von Alleinerziehenden: Mehr als die Hälfte dieser Menschen fällt unter die Armutsgrenze. Doppelt so viele wie bei Familien mit beiden Elternteilen. Unter der Voraussetzung, daß in vielen anderen Studien arme Kinder schlechter bei Tests über Schulkenntnisse abschnitten als ihre Altersgenossen und sie auch mehr Verhaltensprobleme zeigten, überraschen Ricciutis Ergebnisse noch mehr. "Obwohl diese Mütter viel ärmer sind, zeigen ihre Kinder noch keine negativen Auswirkungen", sagt er. Das Bildungsniveau der Mutter und ihre geistigen Fähigkeiten können den Effekt der Armut aufwiegen, ganz besonders bei den jüngeren Kindern, faßt Ricciuti zusammen.

Marscha Weinraub, eine Entwicklungspsychologin der Temple University in Philadelphia, stimmt Ricciutis Ergebnissen zu. "Sie sind sehr wichtig, da sie unsere stereotypen Vorstellungen und Erklärungen in Frage stellen", sagt sie. In einer kleineren Studie erzielte sie ähnliche Resultate. "Wenn sie in die Schule eintreten, scheinen diese Kids in keiner Weise anders als Kinder mit beiden Elternteilen zu sein." Aber es sei nicht klar, ob dies so bleibt, wenn sie älter werden, meint sie weiter. "Irgend etwas könnte mit den Kinder passieren, wenn sie in die Schule kommen", schließt die Wissenschaftlerin. "Aber es ist gefährlich anzunehmen, sie wären alle automatisch in Gefahr."

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