Schule und Lernen: Kinder, die Social Media nutzen, lernen schlechter

Eltern haben oft Vorbehalte, ihren Kindern schon früh ein eigenes Smartphone zu überlassen. Sie befürchten unter anderem, dass darunter die schulischen Leistungen ihrer Sprösslinge leiden. Damit könnten sie recht haben, wie jetzt eine Forschungsgruppe um Marco Gui von der Universität Milano-Bicocca (Italien) herausgefunden hat.
Gui und sein Team befragten 5227 Schülerinnen und Schüler von 28 italienischen Schulen danach, in welchem Alter diese ihr erstes Social-Media-Konto eingerichtet hatten – etwa auf Instagram, Facebook oder TikTok. Zudem analysierten die Fachleute, wie diese Kinder und Jugendlichen in späteren schulischen Leistungstests abschnitten. Dabei schaute die Forschungsgruppe auf die Ergebnisse in Mathematik, Englisch sowie in der Muttersprache Italienisch.
Das Resultat der Studie: Schülerinnen und Schüler, die bereits in der 6., 7. oder 8. Klasse ein Social-Media-Konto gehabt hatten, schnitten bei den Tests im Mittel schlechter ab als jene, die erst ab der 9. Klasse einen Account besaßen. Der Leistungsunterschied war umso größer, je früher die Kinder mit dem Social-Media-Konsum begonnen hatten. In den krassesten Fällen entsprach er dem Lernfortschritt von mehr als einem halben Schuljahr. Außerdem mussten Heranwachsende, die bereits in jüngerem Alter auf Social Media unterwegs gewesen waren, häufiger eine Klassenstufe wiederholen. Die für die Studie befragten Sechstklässler waren 11 bis 12 Jahre alt und die Kinder der höheren Klassenstufen dementsprechend älter, sodass die befragten Neuntklässler ein Alter von 14 bis 15 Jahren hatten.
Lediglich in Englisch erbrachten Kinder, die schon früh einen Social-Media-Account genutzt hatten, genauso gute Leistungen wie ihre Social-Media-abstinenten Altersgenossen. Die Fachleute vermuten, dass dies auf die »allgegenwärtige Präsenz englischsprachiger Inhalte auf Social-Media-Plattformen« zurückgeht. Sie helfe den Schülerinnen und Schülern möglicherweise, informell Englisch zu lernen.
Mehr Ablenkung, mehr Überlastung, weniger Zeit
Gui und seine Forschungsgruppe schreiben, ihre Studie belege einen ursächlichen Zusammenhang zwischen der Nutzung von Social Media und den schulischen Lernleistungen von Heranwachsenden. Das Bildungsniveau der Eltern und der soziale sowie wirtschaftliche Hintergrund der Familien seien in den Auswertungen berücksichtigt worden. Welche genauen Mechanismen dazu führen, dass die Lernleistungen bei Social-Media-Nutzung einbrechen, haben die Fachleute nicht untersucht. Laut früheren Forschungsarbeiten könnten die häufigen Ablenkungen auf diesen digitalen Medien das Lernen stören. Gui und sein Team verweisen zudem auf einen möglichen Zeitkonflikt: Wer gerade auf Social Media unterwegs sei, könne sich nicht gleichzeitig mit der Schule beschäftigen. Eventuell spiele auch kognitive Überlastung eine Rolle, wenn nämlich das kindliche Gehirn die vielen angebotenen Informationen nicht verarbeiten könne.
Die Studie sei gut gemacht, und ihre Ergebnisse fügten sich in die bisherige Forschung ein, meinte Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa). »Wieder einmal wurde gezeigt, dass eine frühe Social-Media-Nutzung zu negativen Effekten bei den Lernleistungen führen kann.« Dass die ermittelten Leistungsunterschiede zwischen Social-Media-Nutzern und -Abstinenzlern mitunter mehr als einem halben Schuljahr entsprachen, hält Zierer für dramatisch. Er vermutet, dass die Ergebnisse auf andere westliche Länder wie Deutschland übertragbar seien.
Christian Montag, außerordentlicher Professor für Kognitions- und Neurowissenschaften an der Universität von Macau in China, sieht vor allem die ständigen Unterbrechungen durch aufploppende Social-Media-Benachrichtigungen als Grund für die beobachteten Effekte. »Dadurch werden die Zeitspannen möglicher Konzentration kürzer.« María Paz Prendes Espinosa hingegen, Professorin für Bildungstechnologie an der Universität Murcia in Spanien, ist sich nicht so sicher, ob die Studie einen Zusammenhang zwischen Social-Media-Eintrittsalter und Schulleistung wirklich klar belegt. Die Untersuchung zeige aber, dass digitale Medien zum Alltag der Kinder gehören.
Altersbeschränkung für Social Media?
Ob Heranwachsende erst ab einem bestimmten Alter auf Social Media zugreifen dürfen, wird derzeit rund um den Globus diskutiert. Als weltweit erstes Land hat Australien vor einigen Monaten eine Altersbeschränkung für Social Media eingeführt. Für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren sind entsprechende Accounts dort jetzt tabu. Als erstes Land in der Europäischen Union möchte Frankreich ein Verbot für Jugendliche unter 15 Jahren einführen; es soll nach den Sommerferien in Kraft treten. Auch Deutschland, Spanien, Griechenland und Österreich wollen Social-Media-Verbote bis zu einem bestimmten Alter gesetzlich festlegen.
In den politischen Debatten um dieses Thema geht es vor allem um Folgen für die psychische Gesundheit und das Suchtpotenzial. Doch auch die Konzentrationsfähigkeit, die Schlafqualität, die Lebenszufriedenheit sowie schulische Leistungen können laut wissenschaftlichen Untersuchungen unter Social-Media-Konsum leiden. Im Jahr 2025 hatte die Nationale Akademie der Wissenschaften einen besseren Schutz von Kindern und Jugendlichen im Umgang mit Social Media gefordert. Die Angebote in den Social Media seien für Kinder unter 13 Jahren »grundsätzlich ungeeignet«, hieß es in dem entsprechenden Diskussionspapier. Altersbeschränkungen müssten konsequent durchgesetzt und eine von Eltern begleitete Mediennutzung unterstützt werden. (dpa/fs)
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