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Psychologie

Kinder haben heute mehr Selbstkontrolle als vor 50 Jahren

Trotz Smartphone, Computer und Co. lässt die Selbstbeherrschung von Kindern nicht nach, sagen Forscher. Im Gegenteil.
Marshmallows

Kindern werden offenbar immer besser darin, Versuchungen zu widerstehen: Zumindest halten sie heute deutlich länger im berühmten Marshmallow-Test durch als Altersgenossen vor rund 50 Jahren, wie ein Team um Stephanie M. Carlson von der University of Minnesota im Fachmagazin »Developmental Psychology« berichtet.

Der Marshmallow-Test misst die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub. Konzipiert wurde er in den 1960er Jahren von einem Team um dem US-Psychologen Walter Mischel, der ebenfalls an der aktuellen Studie beteiligt ist. Bei dem Test müssen Vorschulkinder im Alter von drei bis fünf Jahren allein in einem Raum auf einen Erwachsenen warten, während vor ihnen ein Marshmallow auf dem Tisch liegt. Vor dem Verlassen des Raums hat der Erwachsene sie gebeten, die Süßigkeit bis zu seiner Rückkehr nicht anzurühren. Schaffen sie das, bekommen sie anschließend die doppelte Portion!

Bis zum Schluss halten das nur die wenigsten durch, doch die Zeit, die vergeht, bis sich die Kleinen schließlich doch auf die Leckerei stürzen, hat im Lauf der Jahrzehnte offenbar immer weiter zugenommen, wie die Daten von Carlson und Kollegen zeigen: In den 1980er Jahren widerstanden Kinder dem Impuls, die Süßigkeit zu essen, im Schnitt eine Minute länger als noch in den 1960er Jahren. Zwischen 2002 und 2012 kam dann noch einmal eine Minute obendrauf. Carlson und ihr Team hatten die Daten des ursprünglichen Marshmallow-Experiments von Mischel und Kollegen mit denen aus Replikationsstudien verglichen, die ihre Labore zwischen 1985 und 2012 durchgeführt hatten. Geringfügige Unterschiede im Alter oder Geschlecht der Kinder sowie im Versuchsaufbau beeinflussten das Ergebnis nicht.

Warum sich Heranwachsende heutzutage besser beherrschen können als die Sprösslinge vergangener Generationen, wissen die Forscher noch nicht. Möglicherweise, so spekulieren Carlson und Kollegen, ist die verbesserte Selbstkontrolle zum Beispiel der Tatsache geschuldet, dass Kleinkinder heute tendenziell stärker gefördert werden. Und auch die Digitalisierung könnte – paradoxerweise – dazu beigetragen haben, dass Kinder inzwischen immer früher lernen, abstrakt zu denken und so das kognitive Rüstzeug erwerben, das notwendig ist, um Gratifikationen aufzuschieben.

Ob die gute Selbstkontrolle auch etwas darüber aussagt, was wir künftig von den Kindern und Jugendlichen der aktuellen Generation erwarten dürfen, ist jedoch unklar. Mischel fand zwar in Langzeitbeobachtungen Hinweise darauf, dass ein gutes Abschneiden im Marshmallow-Test auch mit besseren akademischen Leistungen, beruflichen Erfolgen und sogar mit weniger Verhaltensauffälligkeiten im Teenager- und im Erwachsenenalter einhergeht. Eine aktuelle Untersuchung konnte diese Ergebnisse allerdings nicht replizieren.

Zudem untersuchten Carlson und ihre Kollegen vornehmlich Kinder, die aus bildungsnahen Familien mit einem mittleren bis hohen Haushaltseinkommen stammten. Die Frage, ob die Selbstkontrolle tatsächlich in allen Bevölkerungsschichten zugenommen hat, werden deshalb erst weitere Studien beantworten können. Dass dies tatsächlich der Fall sein könnte, deutet eine Untersuchung von Wissenschaftlern um John Protzko von der University of California in Santa Barbara aus dem Herbst 2017 an. Sie hatten insgesamt 30 Studien zum Marshmallow-Experiment unter die Lupe genommen und waren ebenfalls auf einen Anstieg der Selbstkontrolle im Lauf der Jahrzehnte gestoßen.

26/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 26/2018

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