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Pädagogik: Den richtigen Erziehungsstil gibt es nicht

In Erziehungsfragen bekommen Eltern von vier Leuten oft fünf Meinungen zu hören. Doch den einen Weg gibt es laut Studien nicht. Letztlich sind vor allem Wärme und ein gewisses Maß an Autonomie wichtig.
Mutter gibt weinendem Kind ein KüsschenLaden...

»Wenn du nicht sofort dein Zimmer aufräumst, darfst du heute Abend nicht fernsehen!« Die Mutter wirft ihrem Kind noch einen bösen Blick zu, dann verlässt sie den Raum. Ob anschließend tatsächlich Ordnung im Zimmer herrschen wird oder nicht, hängt von vielen Faktoren ab, auch von den vergangenen Erfahrungen. Sicher ist: Wirklich gut fühlen sich nach solchen Szenen oft weder Eltern noch Kinder.

Manchmal wissen Eltern einfach nicht weiter. Bei all dem Stress und Druck, den eigenen und den fremden Erwartungen ist das kein Wunder. In solchen Fällen scheinen Drohungen dann die schnellste und effektivste Form zu sein, um ans Ziel zu gelangen. Hinterher kommen oft die Zweifel: War das wirklich die beste Reaktion in diesem Moment? Bin ich zu hart gewesen oder vielleicht in der Vergangenheit eher zu weich? Und gibt es überhaupt so etwas wie eine »richtige« Erziehung, mit der man in allen Lebenslagen gut fährt?

Wissenschaftler unterscheiden Erziehungsstile häufig anhand von zwei Eigenschaften oder Dimensionen: Wärme und Strenge. Daraus ergeben sich ganz grundlegend vier mögliche Varianten. Bei einer autoritären Erziehung ist das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern eher kühl, die Eltern erwarten Gehorsam und setzen strenge Regeln. Bei der autoritativen Erziehung sind Regeln ebenso wichtig, doch die Beziehung zwischen Eltern und Nachwuchs ist eine ganz andere: Durch ein liebevolles Verhältnis erarbeiten die Familien gemeinsam Lösungen; auch die Meinung der Kinder fließt mit ein.

Andere Mütter und Väter bevorzugen es, wenige Regeln zu setzen; sie gestehen ihren Kindern viel Autonomie zu. Begegnen sie ihnen gleichzeitig liebevoll, gilt das als permissiver (von englisch permissive = nachgiebig, großzügig) Erziehungsstil. Gibt es jedoch weder Regeln noch Wärme, spricht man von einer vernachlässigenden Erziehung. Kinder, die so aufwachsen – das haben Studien gezeigt –, können ihre Emotionen oft schlechter regulieren, haben weniger Selbstbewusstsein und neigen zum Beispiel eher dazu, später einmal Drogen zu nehmen.

Deutlich besser schneidet zahlreichen Untersuchungen zufolge die autoritative Erziehung ab. Werden Kinder so erzogen, fühlen sie sich insgesamt oft zufriedener als solche, die mit anderen Erziehungsstilen konfrontiert werden. Außerdem haben sie im Schnitt ein höheres Selbstwertgefühl und kommen auch in der Schule besser zurecht als etwa Jungen und Mädchen, die vernachlässigt oder autoritär erzogen werden. Studien deuten allerdings darauf hin, dass sich auch eine permissive Erziehung positiv auswirken kann. Möglicherweise kommt es also weniger auf den konkreten Erziehungsstil an sich an als auf eine liebevolle Beziehung zwischen Eltern und Kindern.

Drei Grundbedürfnisse

Noch ein Stück weiter geht die Selbstbestimmungstheorie von Edward Deci und Richard Ryan von der University of Rochester. Ihr zufolge haben Menschen drei angeborene psychologische Bedürfnisse: Autonomie, Kompetenz und soziale Eingebundenheit. Zwar geht es bei der Theorie der beiden US-amerikanischen Psychologen nicht nur um Kindererziehung, dennoch ist sie für das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern hilfreich: Werden die drei Grundbedürfnisse befriedigt, wachsen Kinder zu selbstständigen und selbstbewussten Erwachsenen heran, so die Annahme.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die Motivation: Kommt der Wunsch, etwas zu tun, aus dem Kind heraus (intrinsische Motivation), oder wird ihm eine Aufgabe von außen aufgedrückt (extrinsische Motivation)? Wir alle tun Dinge lieber, die wir von uns aus möchten. Für das Beispiel Aufräumen heißt das: Wenn wir uns auf ein ordentliches Zimmer freuen, fällt es uns leichter, unsere Zeit zu investieren und alle Dinge zurück an ihren Platz zu stellen. Kindern ist es aber oft egal, wie aufgeräumt der Boden ist. Schließlich könnten sie die Bausteine ja später noch einmal brauchen. Wenn dann Mama oder Papa auf das Aufräumen besteht, haben sie vermutlich wenig Lust dazu.

»Im ersten Moment wollen Eltern vielleicht, dass Kinder einfach gehorchen«, sagt Wendy Grolnick, Professorin am Department of Psychology an der Clark University in Worcester. »Aber wenn wir genauer darüber nachdenken, wollen wir, dass sie etwas tun, weil sie merken, dass es wichtig ist.« Es gehe also eigentlich nicht um Gehorsam. Stattdessen sollten Eltern ihren Kindern helfen, den Wert ihrer Handlungen zu verinnerlichen.

»Wenn wir genauer darüber nachdenken, wollen wir, dass Kinder etwas tun, weil sie merken, dass es wichtig ist«
(Wendy Grolnick, Psychologin)

Das funktioniert vor allem durch Autonomie: Wo möglich, sollten Kinder selbst entscheiden oder in die Entscheidungen eingebunden werden. Dadurch wächst ihre innere Motivation. Das zeigte ein Team um Edward Deci bereits 1993. Die Forscherinnen und Forscher filmten sechs- bis siebenjährige Kinder und deren Mütter beim Spielen. Anschließend sortierten sie die Äußerungen der Mütter in drei Kategorien: kontrollierend, Autonomie fördernd und neutral. Kinder, deren Mütter eher beherrschend reagierten, spielten weniger motiviert als Kinder mit Müttern, denen die Selbstbestimmung des Nachwuchses offenbar am Herzen lag.

Wie viel Kinder selbst entscheiden können, hängt natürlich auch von ihrem Alter ab. Selbstständig zu einer bestimmten Uhrzeit vom Nachbarskind nach Hause laufen, geht bei manchen schon recht früh. Gerade bei Fragen mit Suchtpotenzial sollten Eltern allerdings deutlich länger die Kontrolle behalten, sagt Svenja Taubner, Direktorin des Instituts für Psychosoziale Prävention am Universitätsklinikum Heidelberg. »Wenn ich einem Achtjährigen die Freiheit gebe, so viel zu naschen oder am Computer zu spielen, wie er möchte, kann er das nicht sinnvoll kontrollieren.«

Ohne Regeln funktioniert es nicht

Das zeigt: Ein gewisses Maß an Regeln brauchen alle Kinder. Nicht nur, um sich in der Gesellschaft zurechtzufinden, sondern auch für die eigene Sicherheit. Eine Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2017 legt nahe, dass sowohl eine zu strenge als auch eine zu freizügige Erziehung aggressives Verhalten fördern kann. Im Gegensatz dazu stärkt der autoritative Erziehungsstil mit Wärme und klaren Regeln das psychische Wohlbefinden und die Selbstwirksamkeit der Kinder. Eine eher freizügige Erziehung kann Studien zufolge jedoch ebenfalls funktionieren. Möglicherweise kommt es darauf an, wie viele Regeln die Kinder tatsächlich haben und auf welche Art sie festgelegt und umgesetzt werden. Denn innerhalb der Familienstruktur kann durchaus viel Platz sein für gemeinsames Diskutieren. Am besten lassen sich Probleme zusammen mit dem Kind lösen.

Und auch wenn Eltern grundsätzlich Regeln aufstellen, dürfen diese manchmal aufgeweicht oder gebrochen werden, sagt Svenja Taubner: »Zwanghaft Regeln durchzusetzen, ist immer ungünstig, besonders wenn das Kind sie nicht verstehen kann.« Wer Ausnahmen erlaubt, zeigt dem Kind, dass es mitreden darf. Gleichzeitig fühlen sich Kinder innerhalb klarer Strukturen kompetenter – das zweite Grundbedürfnis in der Selbstbestimmungstheorie. Auch Erwachsene wollen schließlich in jeder Situation die Spielregeln kennen, sonst werden sie schnell unsicher. Eltern sollten dabei ihren Nachwuchs nicht überfordern und beachten, was er wirklich umsetzen kann.

Strafen anzudrohen, ist manchmal die schnellste Lösung, um zu erreichen, dass ein Kind etwas tut – ganz egal, ob es aufräumen oder sich etwa pünktlich für einen wichtigen Termin anziehen soll. Kurzzeitig funktionieren solche Strategien oft sogar. Auf lange Sicht können sie jedoch bis in die Jugend hinein Verhaltensprobleme begünstigen. Deshalb sollten Eltern darauf eher verzichten. Konsequenzen dürfen Handlungen allerdings schon haben, sagt Svenja Taubner. Dann aber eher positive: »Strafen funktionieren nicht, Belohnungen schon.«

»Man kann Belohnungen nutzen, wenn es um eine ganz bestimmte Situation geht. Sobald es aber um etwas geht, was immer wieder vorkommt, sollte man eher die innere Motivation der Kinder fördern«
(Wendy Grolnick)

Verfechter der Selbstbestimmungstheorie sehen das ein wenig anders. Denn auch Belohnungen lenken das Verhalten letztlich nur von außen. »Man kann Belohnungen nutzen, wenn es nur um eine ganz bestimmte Situation geht«, erklärt Wendy Grolnick. »Sobald es aber um etwas geht, was immer wieder vorkommt, sollte man eher die innere Motivation der Kinder fördern.«

Auch hinter vermeintlich natürlichen Konsequenzen von Handlungen verstecken sich im Erziehungsalltag oft Strafen. Weigert sich ein Kind im Winter zum Beispiel, seine Jacke anzuziehen, wäre die natürliche Konsequenz der Situation, dass es friert. Beschließen Eltern stattdessen, dass es dann zu Hause bleiben muss, ist das eine Strafe.

Entschieden warnen Experten davor, psychischen Druck als Erziehungsmethode anzuwenden. Etwa, wenn Eltern etwas sagen wie: »Wenn du so rumheulst, machst du mich damit traurig, obwohl ich doch so einen schönen Tag für dich geplant hatte. Jetzt bin ich sehr enttäuscht.« Die Kinder sind damit plötzlich für die gute Laune, den schönen Tag und das Glück der Eltern verantwortlich. Das ist eine Last, die sie nicht schultern können. Letztlich vermittelt es ihnen, dass sie nicht gut genug sind und die Schuld an allem Negativen tragen.

Nicht alle Kinder ticken gleich

Grundsätzlich gilt: Nicht alle Kinder reagieren gleich auf die verschiedenen Erziehungsstile. Manche kommen mit Regeln besser klar, andere weniger. Gleiches betrifft den Druck, den Eltern mitunter ausüben. Dabei spielt unter anderem die Persönlichkeit des Kindes eine Rolle, aber auch kulturelle Einflüsse, wie Untersuchungen zeigen. So scheint Autonomie zum Beispiel für US-amerikanische Kinder wichtiger zu sein als für chinesische Kinder und mehr zum allgemeinen Wohlbefinden beizutragen. Allerdings ist es schwierig, Kulturen direkt miteinander zu vergleichen – und die Erziehungsstile können sich ebenso wie verschiedene Grundeinstellungen mit der Zeit ändern.

Am Ende gibt es nicht den einen, »richtigen« Weg für Eltern. Wichtig sei, immer wieder die Perspektive der Kinder einzunehmen, sagt Svenja Taubner. Passieren Fehler, lohnt es sich, darüber zu sprechen und die Beziehung wieder zu reparieren. Eltern sind schließlich auch nur Menschen.

Die Pädagogin Katharina Saalfrank schlägt dazu in ihrem Buch »Kindheit ohne Strafen« etwa das »Küchen-Kakao-Gespräch« vor. Die Idee: Eltern und Kinder setzen sich zusammen und sprechen in Ruhe über Streitthemen oder alles Mögliche. Ob die Familienmitglieder dabei alle einen Kakao oder ein anderes Getränk trinken, ist natürlich unwichtig. Entscheidend ist, dass die Eltern nicht mit einer Agenda in das Gespräch gehen, sondern unvoreingenommen zuhören und auf die Kinder eingehen. So klären sich manchmal Missverständnisse, und man versteht die gegenseitigen Standpunkte besser. Auch bei Aufräum-Streitigkeiten kann das zum Ziel führen. Vielleicht vereinbaren Papa und Kind, dass sie zusammen einen Teil des Zimmers aufräumen und dann erst einmal miteinander spielen. In den meisten Fällen findet sich eine Lösung, wenn man in Ruhe gemeinsam danach sucht.

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