Gummihand-Illusion: Gesichtsillusion bringt Kindheitserinnerungen zurück

Wenn man älter wird, scheinen manche Erinnerungen immer mehr zu verblassen: Die Details der geliebten, sonnenverwöhnten Tage, die man als Kind am Meer verbracht hat, scheinen im Laufe der Jahre zu verfliegen wie Meerschaum am Strand. Gibt es überhaupt eine Möglichkeit, sie wiederzuerlangen?
Forschende nennen Erinnerungen an bestimmte Ereignisse aus unserem eigenen Leben das »autobiografische episodische Gedächtnis«. Es ermöglicht uns eine mentale Zeitreise zu Erlebnissen aus unserer Vergangenheit, sodass wir Details dessen, was wir gesehen, gehört, geschmeckt, berührt oder gerochen haben, sowie die dabei empfundenen Emotionen wiedererleben können. Aber was ist mit dem Körper, den wir damals bewohnten? Unser Gehirn empfängt andauernd eine Fülle an multisensorischen Signalen von unserem Körper – einschließlich solcher, die mit dem körperlichen Zustand verbunden sind. In unseren Erinnerungen sollte also auch die Version von demjenigen Körper gespeichert sein, den wir beim Sammeln der Erinnerung gehabt haben. Bislang gibt es dazu aber noch überraschend wenig Forschung.
Als Neurowissenschaftler fragten wir uns, ob wir diese Verbindung zwischen Erinnerung und Körper nutzen könnten, um längst Vergessenes wieder aufzufrischen. Hierfür wollten wir Menschen »zurück« in die Körper versetzen, die sie in jüngeren Jahren hatten. In unserem Experiment fanden wir heraus, dass Erinnerungen an bestimmte Lebensabschnitte tatsächlich beeinflusst werden können, wenn man die eigene Körperwahrnehmung kurzfristig verändert. Dafür genügte eine subtile Illusion: Die Teilnehmenden sahen eine kindliche Version ihres eigenen Gesichts, die sich wie in einem Spiegelbild synchron mit ihnen bewegte. Das konnte die Erinnerung an frühere Erlebnisse verstärken.
Das Gehirn überwacht den Körper ständig. Spezielle Hirnregionen kartieren die Körperposition, -form und den körperlichen Zustand – einschließlich aller sensorischen Wahrnehmungen. Lange Zeit ging man davon aus, dass diese körperliche Selbstwahrnehmung relativ unveränderlich ist. Doch Erkenntnisse aus den letzten Jahrzehnten zeigen, dass die Wahrnehmung des körperlichen Selbst überraschend formbar ist. Das Gehirn aktualisiert die Selbstwahrnehmung ständig in Folge dessen, was eine Person sieht, fühlt und hört.
Forschende können die körperliche Selbstwahrnehmung einer Person gezielt verändern, indem sie Szenarien schaffen, die das Gehirn durch widersprüchliche sensorische Informationen »austricksen«. Ein klassisches Beispiel dafür ist die Gummihand-Illusion. Hier sieht eine Person, wie eine Gummihand berührt wird, und spürt gleichzeitig, wie ihre eigene Hand berührt wird. Das führt dazu, dass sie die künstliche Hand als Teil ihres Körpers empfindet. Neuere Techniken, die Virtual Reality einsetzen, gehen noch einen Schritt weiter. Dort können Teilnehmende in einer Ganzkörperillusion das Gefühl haben, in einem völlig anderen Körper zu stecken, und ihn sogar als den eigenen wahrnehmen. Ganz ähnlich können Menschen bei der Enfacement-Illusion vorübergehend ein anderes Gesicht als ihr eigenes erleben.
Zusammengenommen zeigt das, dass unser Körpergefühl nicht starr ist, sondern zumindest für kurze Zeit verändert werden kann, indem die dem Gehirn gegebenen Informationen entsprechend angepasst werden.
In unserer Studie nutzten wir dies, um Menschen sich jünger fühlen zu lassen. Wir luden 50 gesunde Erwachsene zu einem Online-Experiment ein. Hier nutzten wir eine Enfacement-Illusion, um eine jüngere Version ihres Gesichts mit ihrer aktuellen Körperwahrnehmung zu koppeln. Die Teilnehmenden sahen auf einem Bildschirm eine Echtzeit-Videoanzeige ihres eigenen Gesichts. Die Hälfte der Teilnehmenden sah ihr Gesicht völlig unverändert. Die andere Hälfte jedoch sah dank eines Bildfilters eine jüngere, kindliche Version von sich selbst. Wenn die Teilnehmenden ihren Kopf hin und her bewegten und dabei das Video betrachteten, erlebten sie die starke Illusion, das jüngere Gesicht sei ihr eigenes.
Nachdem sie ihren Kopf bewegt und sich im Video beobachtet hatten, mussten sich die Teilnehmenden so detailliert wie möglich an Erlebnisse aus der Kindheit oder der jüngsten Vergangenheit zurückerinnern. Anschließend stellten wir den Teilnehmenden Fragen zu diesen Erinnerungen (das »autobiografische Gedächtnisinterview«). Nachdem wir die Antworten gesammelt hatten, baten wir zwei Bewertende, die von den Bedingungen des Experiments nichts wussten, die Antworten dahingehend zu beurteilen, wie reichhaltig und lebhaft die Erinnerungen waren. Wir konnten nicht wissen, wie wahrheitsgetreu die angegebenen Erinnerungen wirklich waren, aber diese Interviewtechnik ermöglichte es uns dennoch, die Lebhaftigkeit der Erinnerungen zwischen den beiden Gruppen zu vergleichen.
Wir stellten fest, dass Menschen nach dem Betrachten eines jüngeren Gesichts deutlich mehr Details aus ihren Kindheitserinnerungen aufzählen konnten als nach dem Ansehen ihres aktuellen Aussehens. Die Erinnerungen waren lebhafter, inklusive bestimmter Orte, Emotionen und Sinneswahrnehmungen. Dieser Effekt zeigte sich speziell bei Kindheitserinnerungen und nicht bei frischen Erinnerungen. Das legt nahe, dass die Illusion eine tiefe Verbindung zwischen der körperlichen Wahrnehmung und Erinnerungen aus einer entfernten Vergangenheit nutzt.
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Gehirn Informationen zu vergangenen Ereignissen nicht nur als rohe Empfindungen speichert. Stattdessen koppelt es sie auch an die Körperwahrnehmung, die man zum Zeitpunkt des Erlebnisses hatte. Die Veränderung der Körperwahrnehmung kann den Zugang zu älteren Erinnerungen verbessern. Das körperliche Selbst ist somit nicht nur eine Kulisse, sondern bestimmt grundlegend, wie Erinnerungen im Gehirn gespeichert und organisiert werden.
Die Ergebnisse zeigen nicht nur einen coolen Gedächtnistrick. Sie deuten auf eine tiefe Verflechtung zwischen Körper und Bewusstsein hin – dass die Veränderungen, die unser Körper im Laufe der Zeit durchläuft, nicht unabhängig von unserer geistigen Entwicklung sind. Zukünftige Forschung könnte Methoden untersuchen, die Menschen mit Schwierigkeiten beim Abrufen von Erinnerungen unterstützen, wie beispielsweise Menschen mit Demenz oder Hirnverletzungen. Wenn das Gehirn frühe Erinnerungen mit Körperwahrnehmungen verknüpft, könnten gezielte Illusionen oder sensorische Interventionen eines Tages bei der therapeutischen Wiederherstellung von Erinnerungen helfen.
Erinnerungen sind keine einfachen, isolierten Datenpunkte, die im Gehirn gespeichert sind. Sie sind komplexe Repräsentationen, die auch unsere Körperwahrnehmung in verschiedenen Lebensphasen enthalten. Indem man sich mit dem eigenen Körper aus der Vergangenheit verbindet, kann man möglicherweise Türen zu den Erinnerungen wieder öffnen, die einen geprägt haben.
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