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Wissenschaft im Alltag: Klare Botschaft: Rührmichnichtan

Mitunter lohnen Verbrechen nur, wenn sie unbemerkt bleiben, von der manipulierten Wasseruhr über die Fälschung eines Testaments bis zum Drogenschmuggel in einem vom Zoll bereits abgenommenen Container. Als Gegenmittel sollen Siegel und Plomben jeden Einbruch sofort offenkundig machen. Denn sie sind Teil eines Verschlusses und werden beim Öffnen zerstört oder doch zumindest verändert.
Verplombter LasterLaden...
Die Idee ist gut 5000 Jahre alt: Schon die Beamten der Stadtstaaten Mesopotamiens überwachten die Vorratskammern und -behälter eines Palasts mit Hilfe einer Versiegelung. Dazu pressten sie etwa einen Tonklumpen auf einen Türriegel und prägten ihn mit ihrem Rollsiegel. War der Batzen trocken, ließ sich die Tür nicht öffnen, ohne den Ton zu zerbrechen. Der gleichen Idee folgten auch Siegel aus heißem Wachs oder Lack, mit denen Briefe und Urkunden verschlossen wurden. Heute verplomben Zollbeamte zum Beispiel – dann als "kontrolliert" gekennzeichnete – Lastwagen mit einem Siegel aus Blei (lateinisch plumbum) oder aus Weichaluminium.

Plomben schützen auch Strom- und Wasserzähler gegen Manipulation. Die heutzutage vielleicht häufigste Form des Siegels besteht aber aus Papier- oder Plastikstreifen: Frischesiegel. Sie sollen die Unversehrtheit von Lebensmittelverpackungen garantieren. Siegel verhindern Betrug, sichern technische Anlagen und vereiteln die Umgehung von Zollbestimmungen. Deshalb ist das unberechtigte Brechen eines Siegels in Deutschland strafbar. In Paragraf 136 des Strafgesetzbuchs heißt es dazu: "Ebenso wird bestraft, wer ein dienstliches Siegel beschädigt, ablöst oder unkenntlich macht, das angelegt ist, um Sachen in Beschlag zu nehmen, dienstlich zu verschließen oder zu bezeichnen, oder wer den durch ein solches Siegel bewirkten Verschluss ganz oder zum Teil unwirksam macht."

Zollbeamte versiegeln einen LastwagenLaden...
Zollbeamte versiegeln einen Lastwagen | Zollbeamte haben den Inhalt eines Lastwagens überprüft und versiegeln die Ladetür, um sicherzustellen, dass auf dem Weg zum Bestimmungsort keine Fracht ausgetauscht oder hinzugefügt wird.

(a) Meist verwenden die Beamten Plomben aus Plastik, Blei oder Weichaluminium, in die sie mit einer speziellen Zange einen Kode einprägen.
(b) Auch die Fracht selbst kann auf diese Weise geschützt sein. So erschweren es Siegel aus Folien, Medikamente in Originalverpackungen gegen Fälschungen auszutauschen.
(c) Ein Siegel aus Hologrammfolie und RFID-Chip verhindert Autodiebstahl. Die elektronisch gespeicherten und verschlüsselten Angaben lassen sich mit entsprechenden Lesegeräten abfragen.
(d) Noch nicht in der Anwendung sind elektronische Siegel, die das Öffnen eines versiegelten Containers über Sensoren registrieren und aus der Uhrzeit (hier: 10.30 Uhr) anhand eines Zahlenschlüssels (hier: 97216) einen Buchstabenkode errechnen; der Schlüssel wird danach gelöscht. Nur wer ihn kennt, kann feststellen, ob der angezeigte Buchstabe geändert wurde.
Doch oft winken gute Geschäfte bei geringem Risiko. Beispiel Frischesiegel: Es ist so unauffällig, dass seine spurlose Entfernung kaum einem Kunden auffallen dürfte. Auch originale Medikamentenpackungen lassen sich leicht mit minderwertigen Fälschungen befüllen. Experten gehen davon aus, dass nicht einmal jede zweite in Afrika gehandelte Malariatablette den gewünschten Wirkstoff enthält. Mit Medikamentenplagiaten machen Verbrecher vermutlich weltweit einen Gewinn von mehreren Milliarden Euro jährlich. Der amerikanische Sicherheitsexperte Roger Johnston und sein Team haben 244 verschiedene Siegelkonzepte getestet, darunter 46, die nukleares Material sichern und seine Weiterverbreitung verhindern sollen. Die erschreckende Erkenntnis: Jedes ließ sich entweder umgehen oder doch zumindest fälschen, und das nach durchschnittlich etwa zwei Stunden Suche nach der besten Methode. Mit dieser dauerte es dann gerade einmal eineinhalb Minuten, das jeweilige Siegel zu knacken.

Manchmal brachten die Forscher anschließend ein altes Siegel an und konnten so ihren Angriff verschleiern. Dem beugen beispielsweise mehrschichtige Siegel vor, deren einzelne Lagen mit Mikrotext oder Lumineszenzfarben bedruckt sind – einmal gebrochen, sind diese Schichten nicht mehr exakt übereinander zu positionieren und ihre Verschiebung gegeneinander lässt sich sichtbar machen. Doch die größte Schwachstelle ist der Mensch, der Siegel und Verschlüsse in Augenschein nimmt. Wenn auf der Arzneipackung ein Hologramm glitzert, ist das nicht schon ein Beweis der Unversehrtheit? Und nur wenn der Zollbeamte im Hamburger Hafen genau weiß, wie das Siegel seiner kolumbianischen Kollegen aussieht, vermag er eine Fälschung zu erkennen.

Verlässlicher als rein mechanische sind deshalb elektronische Siegel. Diese werden meist im Inneren eines Transportbehälters installiert, wo sie einen Einbruch über integrierte Sensoren registrieren, etwa plötzlich einfallende Helligkeit mittels Fotosensor. Ein Beamter kann per Funk das Siegel auslesen. Verzeichnete es kein Ereignis, sendet es ein bestimmtes Kennwort zurück, andernfalls bleibt die Elektronik stumm. Doch vielleicht verfügt der Kriminelle über die Mittel, den Speicher wieder "zurückzustellen"? Auch dagegen ist ein Kraut gewachsen: Beim Öffnen des Behälters wird ein Buchstabenkode berechnet und auf einem Display dargestellt. Ob es der richtige ist, kann nur derjenige beurteilen, der auch den bei der Berechnung verwendeten Zahlenschlüssel kennt.

Wussten Sie schon?

  • Ein Dienstsiegel ist das Symbol eines Amtes, das meist ein Hoheitszeichen wie den Bundesadler oder ein Landeswappen abbildet und so Dokumente als rechtsverbindlich kennzeichnet. Dienstsiegel gibt es als Plattenabdruck, also als Stempel oder farblose Prägung, als Aufkleber mit vielen Sollbruchstellen oder gedruckt wie bei Banknoten. Berüchtigt ist der Kuckuck, ein Aufkleber, der bei Pfändungen auf konfiszierte Gegenstände geklebt wird. Der Name leitet sich vom preußischen Adler ab, der früher darauf abgebildet war. Heute steht nur noch "Pfandsiegel" darauf.

  • Der Siegelring des Papstes wird auf Grund zweier Abbildungen darauf auch Fischerring genannt: ein Fisch – seit der Antike ein Symbol für das Christentum – sowie der fischende Apostel Petrus – laut dem Lukasevangelium von Jesus zum "Menschenfischer" berufen. Der Ring wird dem Kirchenoberhaupt bei der Amtseinführung überreicht und nach seinem Tod mit einem silbernen Hammer zerschlagen.

  • Der deutsche Sicherheitsspezialist Schreiner ProSecure bietet verschlüsselte Produktnummern zur Nachverfolgung über das Internet an. Dieser Sicherheitskode, beispielsweise in einem Hologramm ablesbar, kann über ein Callcenter oder eine Webseite überprüft werden. Jede Abfrage wird registriert, und bei Überschreiten einer Maximalzahl werden die Verbraucher gewarnt.

  • Wer klagt, ein Sachverhalt sei ihm ein Buch mit sieben Siegeln, übertreibt gewaltig. Denn dieses im Neuen Testament erwähnte Werk kann erstens ohnehin nur vom Sohn Gottes geöffnet werden. Zweitens setzt dieser damit der Welt ein Ende: Der Bruch der ersten vier Siegel setzt die Apokalyptischen Reiter frei, nach dem fünften verlangen die Märtyrer Vergeltung. Bricht das sechste Siegel, bebt die Erde, die Sonne verfinstert sich, der Mond wird blutrot und die Sterne fallen vom Himmel. Zerstört Christus das letzte Siegel, erscheinen acht Engel und vernichten die Welt.
  • 08.03.2008

    Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 08.03.2008

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