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Homo naledi

Klein, aber überraschend menschlich?

In den kleinen Kopf des Homo naledi passte nur ein kleines Gehirn. Zu klein für komplexes Verhalten? Vielleicht nicht, sagen nun Forscher.
Schädelfragmente eines mysteriösen Frühmenschen

Auf den erst 2013 entdeckten Urmenschen Homo naledi können sich Forscher nach wie vor keinen Reim machen. Je genauer sie seine Fossilien analysieren, desto widersprüchlicher wird er. Vieles an ihm erinnert an sehr ursprüngliche Vertreter unserer Entwicklungslinie, anderes wirkt erstaunlich modern. Auch sein Gehirn macht in dieser Hinsicht keine Ausnahme, erläutern nun Wissenschaftler in einer aktuellen Veröffentlichung in »PNAS«: Es ist klein wie das eines Australopithecus, ähnelt in seiner Anatomie aber wohl dem Gehirn anderer Mitglieder der Gattung Homo.

Damit liefert Homo naledi ein Gegenbeispiel zu einer alten Annahme. Bislang hieß es, im Lauf der menschlichen Evolution hätten die Größe des Gehirns und seine Komplexität immer gleichzeitig zugenommen. Demnach wäre eigentlich zu erwarten gewesen, dass sein gerade einmal 500 Kubikzentimeter große Schädel ein eher primitives Denkorgan beherbergte. Doch stattdessen fand das Forscherteam nun typisch menschliche Merkmale, insbesondere in der Organisation und Begrenzung der einzelnen Hirnlappen.

Virtueller Schädelausguss
Virtueller Schädelausguss | Die Abdrücke auf dem Knochen verraten Experten, wie das darunter befindliche Gehirn ausgesehen haben muss – eindeutig das eines Homo, urteilen nun Forscher um John Hawks und Erstautor Ralph Holloway von der Columbia University in New York.

Wie das Gehirn einst ausgesehen haben dürfte, rekonstruierte das Team um John Hawks von der University of Wisconsin in Madison mit Hilfe eines virtuellen Schädelausgusses. Am Computer ergänzten die Wissenschaftler die fehlenden Teile eines fossilen Schädels und erzeugten ein Abbild des darin befindlichen Hohlraums. Dann suchten sie nach Abdrücken des Gehirns auf dem Schädelknochen. Das Verfahren ist die derzeit beste Möglichkeit, mehr über die Gehirne unserer ausgestorbenen Vorfahren in Erfahrung zu bringen, liefert allerdings nur grobe Hinweise auf deren tatsächliche Anatomie.

Ob ihm sein modern geformtes Gehirn auch ein komplexes Verhaltensrepertoire bescherte, geht aus dieser Untersuchung nicht hervor. Vielleicht war Homo naledi ja tatsächlich intelligenter, als man angesichts seines kleinen Denkorgans annehmen würde. Dafür sprechen vor allem die merkwürdigen Umstände, unter denen mehr als ein Dutzend seiner Artgenossen ihre letzte Ruhe fanden: Sie waren nach ihrem Tod in eine Höhle geraten, die schon damals für Homo sapiens genau wie für H. naledi kaum zugänglich war. Wurden sie dort absichtlich deponiert? Und wenn ja, von wem? Und warum? Die Entdecker um Lee Berger von der University of the Witwatersrand in Johannesburg nehmen an, dass sie es mit dem Ergebnis einer Bestattung zu tun haben. Demnach wäre Homo naledi zu komplexem, symbolhaftem Denken in der Lage gewesen.

Möglicherweise wurden die Individuen aber auch durch Mitglieder anderer Homo-Spezies unter die Erde gebracht. Datierungen haben gezeigt, dass sich diese Episode vor überraschend kurzer Zeit, nämlich vor 236 000 bis 335 000 Jahren ereignete – und damit durchaus zu einer Zeit, in der frühe Vertreter des Homo sapiens in der Region gelebt haben könnten.

Die Untersuchung des Schädelausgusses wirft gleichzeitig die alte Frage auf, wie Homo naledi im Stammbaum der menschlichen Spezies einzusortieren ist und wann sich seine Linie von der anderer Homo-Arten abzweigte. Möglicherweise stellte die Südspitze Afrikas ein Refugium dar, in dem – in Gestalt von Homo naledi – eine vergleichsweise moderne Art ein evolutionäres Eigenleben und infolgedessen den rätselhaften Merkmalsmix entwickelte, der heute die Forscher verwirrt. Dann hätte Homo naledi einen ganz ähnlichen Entwicklungspfad eingeschlagen wie Homo floresiensis, der nicht minder mysteriöse »Hobbit« der indonesischen Flores-Insel.

20/2018

Dieser Artikel ist enthalten in Spektrum - Die Woche, 20/2018

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