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News: Kleine Zähne mit großer Wirkung

Ein winziger Unterkiefer mit Backenzähnen, den Paläontologen auf Madagaskar entdeckt haben, könnte die Entwicklungsgeschichte der Säugetiere revolutionieren. Denn zum einen ist es das älteste fossile Säugetier auf Madagaskar. Vor allem aber ist es der Nachweis dafür, daß Angehörige einer Abstammungslinie der Säugetiere, zu der alle heute lebenden Beutel- und Plazentatiere gehören, schon viel früher auf der Südhalbkugel lebten als bisher angenommen.
Da die Insel Madagaskar schon seit dem Jura vom afrikanischen Kontinent getrennt ist, erschien es Andre R. Wyss von der University of California und seinen Kollegen als der ideale Ort, um Fossilien zu suchen und die Evolution zu studieren. Fast zufällig entdeckten sie dort drei winzige Backenzähne – jeweils nicht größer als ein Stecknadelkopf – eingebettet in ein Stück Unterkieferknochen. Die Zähne stammen aus dem mittleren Jura und sind mit etwa 165 Millionen Jahren doppelt so alt wie alle bisherigen Fossilien von Säugetieren, die auf der Insel entdeckt wurden.

Der Besitzer der Zähne gehörte zu einer Abstammungslinie der Säugetiere, die Tribosphenida genannt wird. Diese Tiere werden aufgrund besonderer Zahnformen von anderen fossilen Säugetieren abgetrennt. Sie sind die Vorfahren aller heute lebenden Beutel- und Plazentatiere – und damit auch unsere Ahnen.

Demnach gab es diese kleinen behaarten Gesellen bereits rund 25 Millionen Jahre früher auf der Erde als bisher angenommen – nämlich schon während des mittleren und späten Jura, der Blütezeit der großen Dinosaurier (Nature vom 2. September 1999). Der Fund legt so die Vermutung nahe, daß sich diese Gruppe der Säugetiere schon viel früher als bisher angenommen entfaltet hat. Doch Modelle, die auf der Basis von Aminosäure-Analysen entwickelt wurden und davon ausgehen, daß sich die Beutel- und Plazentatiere bereits im mittleren Jura aufgespalten haben, können dadurch nicht bestätigt werden.

Stattdessen aber gibt der kleine Kiefer ganz neue Anstöße für die Paläobiogeographie. Denn bisher glaubte die Fachwelt, daß sich die Tribosphenida auf der Nordhalbkugel entwickelten und erst im frühen Tertiär auf dem Südkontinent Gondwana einwanderten. Die Zähne von Madagaskar widersprechen dieser Annahme jedoch.

Die Forscher vermuten, daß das Kieferstück von einer mausgroßen Kreatur stammt, die schon vor etwa 165 Millionen Jahren auf Madagaskar den großen Dinosauriern durch die Beine geflitzt ist. "Unsere Vorfahren lebten mitten in der Glanzzeit der Dinosaurier – es ist nur so, daß sie klein und unscheinbar waren", sagt Wyss. "Die auffälligsten und daher auch die berühmtesten Landtiere des Mesozoikums waren natürlich die Dinosaurier. Doch auch die behaarten Tiere – die Säuger – bevölkerten etwa zur gleichen Zeit die Bühne der Evolution. Die beiden Gruppen lebten mehr als einhundert Millionen Jahre lang Seite an Seite zusammen."

Wyss sieht vor allem zwei Gründe für das verbreitete Mißverständnis, daß Säugetiere sich erst entwickelten, nachdem die Dinosaurier ausgestorben waren. "Erstens waren die frühen Säuger alle sehr winzig, gerade mal so groß wie Eichhörnchen oder noch kleiner, und regten die Phantasie natürlich nicht so an wie ihre gigantischen mesozoischen Zeitgenossen", sagt der Wissenschaftler. "Zweitens sind die Fossilienfunde von Säugern – abgesehen vom sehr späten Mesozoikum – nur sehr spärlich. Es ist unwahrscheinlich, daß man solche Fossilien mit bloßem Auge in der Landschaft erkennt, das ist mit ein Grund für den Mangel an Information."

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