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Klimakrise: Bereit machen für das »Klima-Endspiel«

Sollte sich die Welt um mehr als drei Grad erwärmen, wären die Folgen katastrophal. Was nach viel klingt, sei kein unwahrscheinliches Szenario, berichten Fachleute aus der Klimaforschung. Die Menschheit solle sich vorbereiten.
Ein Boot liegt auf dem Trockenen.

Überschwemmungen, Brandkatastrophen und katastrophale Dürren mit Millionen von Toten. An düsteren Warnungen zu den Auswirkungen der Erderhitzung hat es der Weltklimarat (IPCC) in seinen bisher 14 Sonderberichten nicht mangeln lassen. Und doch werfen weltweit führende Klima- und Katastrophenexperten dem wichtigsten Klimaratgeber der internationalen Staatengemeinschaft nun vor, die drohenden Folgen des Klimawandels zu verharmlosen. Der IPCC habe den Szenarien einer wirklich katastrophalen Erderwärmung mit einem Temperaturanstieg von weit mehr als drei Grad bislang nicht die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt, schreiben sie in einer im Fachjournal »PNAS« veröffentlichten »Perspective« mit dem bezeichnenden Titel »Klima-Endspiel«.

Die entscheidende Frage, um die sich Klimarat und Regierungen der Welt nach Einschätzung der Forschenden – unter ihnen der Gründer des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) Hans Joachim Schellnhuber und der heutige PIK-Chef Johan Rockström – bislang herumdrücken, laute: »Kann der von Menschen verursachte Klimawandel zu einem weltweiten Zusammenbruch der Gesellschaften oder sogar zum Aussterben der Menschheit führen?«

18 Prozent Wahrscheinlichkeit für mehr als 4 Grad Temperaturanstieg

Dass Szenarien einer existenziellen Bedrohung bis hin zum Aussterben der Menschheit keine Endzeitfantasien seien, zeigt laut der aktuellen Veröffentlichung die gegenwärtige Entwicklung des Treibhausgasausstoßes. Die aktuellen IPCC-Berichte gehen davon aus, dass bei einer Verdopplung des atmosphärischen Kohlendioxidgehalts gegenüber dem vorindustriellen Niveau die Wahrscheinlichkeit eines Temperaturanstiegs von mehr als 4,5 Grad bei etwa 18 Prozent liegt. Die Hälfte dieses Werts sei grob bereits heute erreicht. Dennoch würden die Folgen extremer Temperaturerhöhungen um mehr als drei Grad zu wenig beachtet, schreibt die Gruppe.

»Die Auswirkungen extremer Temperaturszenarien werden im Verhältnis zu ihrer Wahrscheinlichkeit zu wenig erforscht«, kritisiert Hauptautor Luke Kemp vom Centre for the Study of Existential Risk an der University of Cambridge. »Wir wissen ausgerechnet am wenigsten über die Szenarien, die am wichtigsten sind.« Die Spanne dessen, was von den Autorinnen und Autoren als wirklich katastrophale Szenarien angenommen wird, reicht vom Tod jedes zehnten Menschen auf dem Planeten bis hin zum Aussterben der Menschheit.

Doch statt sich eingehend mit den schlimmsten Szenarien zu befassen, haben die Berichte des Klimarats einer von den Forschern angestellten Textanalyse zufolge in den vergangenen Jahren ihren Schwerpunkt immer stärker in Richtung eines Temperaturanstiegs von zwei Grad Celsius und weniger verschoben.

Bremst die Angst vor Panikmache den Klimarat?

Warum der Klimarat den extremeren Szenarien vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit schenkt, ist eine spannende Frage. Einen Grund sehen die Forscher in dem Bestreben, nicht der Panikmache verdächtigt zu werden, einen weiteren im Konsensprinzip bei der Formulierung der Klimareports, die zwischen mehr als 190 Staaten abgestimmt werden muss. Zudem könnte es eine politische Erwägung sein: Würde sich der Fokus der Debatte auf viel höhere Temperaturen richten, würde das nach wie vor proklamierte politische Hauptziel einer Begrenzung der Erwärmung auf 1,5 Grad zunehmend aussichtslos erscheinen. Nicht auszuschließen, dass dann in einer »Alles egal«-Mentalität die mühsam erkämpften Fortschritte bei der Reduzierung von Treibhausgasen komplett in sich zusammenbrechen könnten.

Wie viele Menschen künftig von Extremen betroffen sein könnten, modellieren die Experten an einem Beispiel. Gegenwärtig seien rund 30 Millionen Menschen in der Sahara und an der Golfküste Extremtemperaturen mit einem jährlichen Durchschnitt von 29 Grad Celsius ausgesetzt. Berechnungen des Teams zufolge könnten es in den kommenden Jahrzehnten zwei Milliarden sein. Die betroffenen Länder gehörten nicht nur zu den am dichtesten besiedelten, sondern auch zu den politisch instabilsten. »Bis 2070 werden diese Temperaturen und die sozialen und politischen Folgen zwei Atommächte und sieben Hochsicherheitslabors, in denen die gefährlichsten Krankheitserreger untergebracht sind, direkt betreffen«, heißt es in der »PNAS«-Publikation. Es bestehe ein ernsthaftes Potenzial für katastrophale Folgewirkungen, warnen die Forscher. »Die Wege in die Katastrophe beschränken sich nicht auf die direkten Auswirkungen der hohen Temperaturen wie etwa extreme Wetterereignisse.«

Finanzkrisen, militärische und innerstaatliche Konflikte sowie neue Krankheitsausbrüche könnten die Folge sein und wiederum weitere Katastrophen auslösen. Nicht zuletzt die Covid-19-Pandemie habe gezeigt, wie wichtig es sei, auch unwahrscheinliche Risiken mit weit reichenden Folgen für alle Bereiche des Lebens stärker in Betracht zu ziehen – auch, um ihnen vorzubeugen.

»Es gibt viele gute Gründe für die Annahme, dass der Klimawandel selbst bei einer moderaten Erwärmung katastrophal werden könnte«, sagt Kemp. »Der Klimawandel hat bislang bei jedem Massenaussterben eine Rolle gespielt – er hat zum Untergang von Imperien beigetragen und die Geschichte geprägt«, schreiben die Autoren. Auch die moderne Zivilisation sei nur an eine bestimmte Klimanische angepasst, warnt Kemp.

IPCC soll »Endspiel«-Sonderbericht vorlegen

Die Autoren und Autorinnen plädieren dafür, sich stärker als bislang auf die Erforschung von Kipppunkten zu konzentrieren, die zu einer exponentiellen Steigerung der Klimafolgen führen könnten: vom Methan, das durch das Schmelzen der Permafrostböden freigesetzt wird, über den Verlust von Wäldern, die als Kohlenstoffspeicher fungieren, bis hin zum potenziellen Verschwinden der Wolken.

Vom Weltklimarat fordern die Wissenschaftler, einen Sonderbericht zu katastrophalen Klimaänderungen vorzulegen. Dieser »Endspiel-Report« könne dazu beitragen, weitere Forschungen und mehr Klimaschutz anzustoßen, so wie es der Sonderbericht zur globalen Erwärmung um 1,5 Grad erreicht habe. Das Werk könnte »dazu beitragen, den Blick dafür zu schärfen, wie viel in einem Worst-Case-Szenario auf dem Spiel steht«, und helfen, Forschungsgelder zu sichern. Ein »Weiter so« führe dagegen weiter in die Krise, lautet die Warnung: »Sich auf eine Zukunft mit beschleunigtem Klimawandel einzulassen und dabei die schlimmsten Szenarien außer Acht zu lassen, ist bestenfalls naives Risikomanagement und schlimmstenfalls tödlich dumm.«

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