Direkt zum Inhalt

Klimaschutz: Ich würde ja, aber die anderen …

Wie bereit sind wir wirklich für mehr Klimaschutz? Der Psychologe Wilhelm Hofmann hat herausgefunden: Vor allem Politiker schätzen die Bürger völlig falsch ein.
Eine Person fährt bei Sonnenuntergang auf einem Lastenfahrrad einen grasbewachsenen Hügel entlang. Im Hintergrund ist ein Strommast zu sehen, der sich gegen den klaren Himmel abhebt. Die Szene vermittelt ein Gefühl von Ruhe und Freiheit.
»Wer Klimaschutz unterstützt, glaubt oft fälschlich, damit in der Minderheit zu sein.«

Würden Sie ein Prozent Ihres Einkommens für den Klimaschutz abgeben? Das haben Forscher die Bundesbürger gefragt. – Falls Sie jetzt tippen, welcher Anteil Ihrer Mitmenschen wohl mit »Ja« geantwortet hat, liegen Sie wahrscheinlich daneben. Daraus lässt sich viel lernen: über das falsche Bild vom Mitmenschen und die Unterstützung der Bevölkerung für mehr Klimaschutz und vor allem über politische Fehleinschätzungen. Das zeigt der Bochumer Sozialpsychologe Wilhelm Hofmann in einer neuen Studie.

Schätzen die politisch Verantwortlichen in Deutschland das Volk völlig falsch ein?

Ja, zumindest wenn es um die Klimaschutzbereitschaft geht.

Woher wissen Sie das?

Wir haben beide gefragt, die Bevölkerung genauso wie Politikerinnen und Politiker. Bei Letzteren interessierte uns aber nicht ihre eigene Meinung, sondern ihre Einschätzung der Bevölkerung – ob sie richtig liegen mit dem, was sie über die Bürger und Bürgerinnen glauben.

Wie ging das konkret?

Wir haben für die gerade veröffentlichte Studie über 6000 Politiker im Land auf Bundes-, Landes- und regionaler Ebene, deren Mailadressen öffentlich verfügbar waren, zu einer kurzen Umfrage zu »Trends in der deutschen Gesellschaft« eingeladen. Dass es dabei ums Klima gehen sollte, haben wir vorab nicht verraten. Die Quote derer, die geantwortet haben, war verblüffend hoch – etwa ein Viertel, insgesamt ca. 1600 Politikerinnen und Politiker, darunter etliche Bundestagsabgeordnete.

… von denen Sie was genau erfahren wollten?

Wir – also Timur Sevincer, Luisa Hostlowsky, Fenja Styhler und ich – haben ihnen ganz wenige Fragen gestellt. Zunächst wollten wir wissen, inwieweit sie glauben, dass ein durchschnittlicher Bürger klimaschädliches Verhalten als problematisch beurteilt, auf einer Skala von »überhaupt nicht« bis »sehr«.

Wilhelm Hofmann

Der Psychologe hat an der Ruhr-Universität Bochum den Lehrstuhl für Sozial- und Umweltpsychologie inne. Seit 2025 forscht er mit einem der begehrten Advanced Grants des Europäischen Forschungsrats (ERC) nachhaltigen Konsum im Projekt »Suscon«.

Hatten Sie Beispiele für klimaschädliches Verhalten genannt? Was könnte das sein?

Nein, ganz bewusst nicht. Wir haben nur ganz allgemein nach »klimaschädlichen Verhaltensweisen« gefragt. Da steckt ja ein ganzes Alltagsbündel drin – Autofahren, Fliegen, Fleischkonsum, Heizen und so weiter. Wir wollten die Leute aber nicht auf einzelne Beispiele festlegen.

Und?

Die Politiker unterschätzten das tatsächlich vorhandene Problembewusstsein in der Bevölkerung deutlich. Das direkt vergleichen zu können, ist der Clou unserer Studie. Denn wir hatten parallel repräsentativ der Bevölkerung dieselben Fragen stellen lassen.

Könnte die Fehleinschätzung ein Ausrutscher gewesen sein?

Leider nein. Bei zwei der drei abgefragten Maßnahmen sahen wir denselben Effekt: Sowohl bei der Akzeptanz höherer Besteuerung klimaschädlicher Produkte als auch bei neuen Regeln und Gesetzen: Die Bereitschaft der Bürger liegt weit über der Vermutung der Politikerinnen und Politiker. Einzig bei reinen Informationsmaßnahmen, wie etwa Aufklärungskampagnen, liegen Politiker und Bevölkerung nah beieinander. Aber gerade bei den Instrumenten, die tatsächlich viel bewirken können – Steuern und Neuregelungen –, unterschätzen Politiker die Unterstützung in der Bevölkerung massiv. Das hat uns doch sehr verblüfft!

»Je weiter rechts, desto größer die Unterschätzung«

Vielleicht, weil diese Fragen für Bürger recht allgemein klingen, politisch Verantwortliche aber direkt vor Augen haben, was daraus folgt?

Das könnte man meinen. Aber wir haben die Bürgerinnen und Bürger ebenfalls gefragt, ob sie bereit wären, ein Prozent ihres Haushaltseinkommens zugunsten des Klimaschutzes abzugeben. Auch da liegt die Zustimmung in der Bevölkerung viel höher, als es die Politiker vermuten: Etwa jeder zweite Bürger sagt Ja, während die Politiker glaubten, nur etwa jeder Fünfte sei dazu bereit.

Variiert denn die Einschätzung der Politiker abhängig von ihrer Partei?

Nein, Vertreter aller Parteien liegen mit ihrer Einschätzung zur 1-Prozent-Frage gleichermaßen daneben, auch in Bund, Land, Region und Kommune. Es ist also nicht so, dass Bürgermeisterinnen oder Bürgermeister vor Ort da ein besseres Bauchgefühl hätten.

Wie war es bei den anderen Fragen, gab es da Unterschiede?

Auch bei Steuern und Regulierung unterschätzten zunächst einmal alle Parteien die Zustimmung der Bevölkerung – das ist die gemeinsame Basis. Aber es gab eine zusätzliche Abstufung: Je weiter rechts auf der politischen Skala, desto größer die Unterschätzung, wenn auch nur schwach ausgeprägt. Am deutlichsten war das bei der AfD, die durchgängig niedriger lag als alle anderen Parteien, von der Linken bis zur Union.

Gab es so eine Studie mit Abgleich zwischen Politikersicht und Bevölkerungseinstellung früher schon einmal?

In Deutschland sind wir nach unserer Kenntnis die Ersten. Aber vor Kurzem sind wir auf eine aktuelle, noch nicht im Peer-Review veröffentlichte Studie eines Forschungsteams der Universität Cambridge mit rund 100 britischen Unterhausabgeordneten gestoßen, die zu einem ganz ähnlichen Ergebnis kommt: Auch die Members of Parliament unterschätzen die Unterstützung in der Bevölkerung systematisch. Das deckt sich also gut mit unseren Befunden.

Allerdings haben Sie die E-Mails schon Ende 2024 verschickt. In Politikzeitrechnung gesprochen also noch während der Ampelregierung. Sind ihre Befunde überhaupt noch aktuell?

Die Mühlen der Wissenschaft … Der Peer-Review-Prozess braucht eben seine Zeit! Es stimmt, dass der Klimaschutz inzwischen gegenüber anderen Themen an Relevanz eingebüßt hat, womöglich auch an Zustimmung in der Bevölkerung. Aber dann hätte sich ja vermutlich auch die Einschätzung der Politiker entsprechend mitverschoben – die Lücke zwischen beiden bliebe also bestehen. Ich bin mir jedenfalls sicher: In vielen Bereichen, in denen entschlossenere Politik nötig wäre, ist der Effekt der pluralistischen Ignoranz selbst nach wie vor hochrelevant.

»Menschen unterschätzen massiv, wie sehr andere Menschen etwas unterstützen«

Welche Ignoranz?

So nennen Sozialpsychologen jenes faszinierende Phänomen, dass Menschen massiv unterschätzen, wie sehr andere Menschen etwas unterstützen, etwa den Klimaschutz.

Nach dem Motto, ich würde ja, aber die anderen …?

Genau. Und das betrifft nicht nur Politiker, sondern uns alle: Auch die Bevölkerung selbst unterschätzt durchgängig, wie kooperationsbereit die eigenen Mitmenschen beim Klimaschutz insgesamt sind. Das haben Wissenschaftler der Universitäten Bonn, Frankfurt und Kopenhagen in einer großen internationalen Untersuchung mit 130 000 Menschen aus 125 Ländern festgestellt – und genau das finden wir in unserer eigenen Bevölkerungsbefragung ebenfalls.

Auch die Bürger selbst liegen also daneben. Wer ist denn nun weiter von den Tatsachen entfernt – die Bürger oder die Politiker?

Erstaunlicherweise die Politiker. Sie unterschätzen die Zustimmung der Bevölkerung zu ambitionierten Maßnahmen noch stärker als die einzelnen Bürger selbst!

Woran könnte das liegen?

Hier kommen vermutlich zwei Dinge zusammen. Der generelle Befund kann ja dadurch erklärt werden, dass die Mehrheit zu still bleibt: Wer Klimaschutz unterstützt, glaubt oft fälschlich, damit in der Minderheit zu sein, und äußert sich entsprechend zurückhaltend. Möglicherweise dringt diese stille Mehrheit im Politikalltag noch weniger durch. Vielleicht auch deshalb, weil im Politikbetrieb noch ein zusätzlicher Geräuschpegel hinzukommt: Politiker sind in ihrem Alltag überproportional mit lauten, organisierten Stimmen konfrontiert – mit Lobbyverbänden, mit besonders aktiven Gegnern von Klimapolitik. Womöglich prägen diese lauten Minderheiten ihr Bild davon, was die Bevölkerung will, stärker als die eigentlich viel größere, aber stillere Mehrheit.

»Die Politiker unterschätzten das tatsächlich vorhandene Problembewusstsein in der Bevölkerung deutlich«

Gilt die pluralistische Ignoranz speziell für Klimaschutz oder lässt sich der Befund auf andere Themen übertragen?

In unserer eigenen Untersuchung haben wir nur Fragen zum Klima gestellt, und das war auch in der internationalen Studie so. Nachgewiesen ist eine pluralistische Ignoranz aber auch in vielen anderen Bereichen. Auch in aktuellen Meinungsumfragen zeigen sich solche stillen Mehrheiten immer wieder. Für ein energiesparendes Tempolimit auf Autobahnen spricht sich inzwischen über die Hälfte der Deutschen aus, für eine Steuer auf stark gezuckerte Softdrinks sogar 60 Prozent.

Der naheliegende Einwand lautet: nicht noch mehr Vorschriften, Verbote und Verhaltenslenkung. In einem Wort: Freiheit.

Das ist eines der Hauptargumente gegen staatliche Eingriffe. Aber ihm wohnt eine gefährlich verkürzte Vorstellung von Freiheit inne. Am Beispiel Ernährung sieht man ja sehr gut: Der Markt richtet es nicht von allein. Die Klimakrise zeigt ebenfalls, wie sehr die ungebremste Ausübung individueller Freiheiten zum Debakel für alle zu werden droht. In der Forschung sprechen wir hier von einem sozialen Dilemma. Es ist die Tiefenstruktur vieler der größten Probleme unserer Zeit – vom Klimawandel über die ungesunde Lebensmittelumwelt bis zu unregulierten sozialen Medien. Das Paradoxe an ihrer Lösung hat der Ökonom Joseph Stiglitz auf den Punkt gebracht: Indem wir uns alle an den entscheidenden Stellen durch sinnvolle Regeln beschränken, steht am Ende oft nicht weniger Freiheit, sondern wir gewinnen in Summe mehr.

Aber lässt sich das auch durchsetzen? Regeln und Vorschriften klingen schließlich erst mal nach Einschränkung, nicht nach Gewinn.

Klar, wirklich wirksame politische Lösungen wie verhaltenslenkende CO₂-Steuern oder Klimaschutzgesetze müssen nun einmal tiefer in den Alltag eingreifen und die Dinge neu ordnen – aber genau dadurch schützen sie doch die Gemeingüter, die uns alle angehen, und entfalten ihr Potenzial für echten Mehrwert. Denkt und diskutiert man diese Maßnahmen vom Ziel her – was wollen wir eigentlich bewirken? –, erscheinen sie als das, was sie im Grunde sind: passende Werkzeuge zum Problem, das wir beheben wollen. Dass sich mit dem Freiheitsargument oder der Behauptung, die Bevölkerung wolle das alles nicht, nach wie vor gute Verhinderungspolitik machen lässt, zeigt für mich zum einen, dass die Gründe und Visionen hinter dem Regierungshandeln noch besser kommuniziert werden müssten, und zum anderen, dass verhaltenswissenschaftliche Erkenntnisse stärker in die Politikgestaltung einfließen sollten.

»Am Rauchverbot in öffentlichen Räumen stört sich niemand mehr«

Trotzdem bleibt es doch ein Risiko für jeden Politiker oder jede Partei, ambitioniert vorzugehen.

Deshalb sind diese Befunde so wichtig: Die Grundunterstützung in vielen Bereichen ist ja längst da und größer als gedacht – man müsste sie aber mehr nutzen, um neue, sinnvolle Lösungen politisch auf den Weg zu bekommen. Und die Erfahrung zeigt doch: Oft steigt nach der Umsetzung die Zustimmung unerwartet schnell an und damit auch das Vertrauen in die Problemlösefähigkeiten der Politik. Am Rauchverbot in öffentlichen Räumen stört sich niemand mehr. Und an der Umgestaltung von Städten kann man sehr gut beobachten, dass die meisten Menschen sauberere Luft, bessere Fahrradwege oder mehr gemütliche Begegnungsorte rasch zu schätzen wissen.

Haben Sie denn den Politikerinnen und Politikern, die teilgenommen haben, auch die Ergebnisse Ihrer Studie geschickt?

Es gab am Ende der Umfrage ein Kästchen. Dort konnten die Politiker anklicken, ob sie über die Ergebnisse informiert werden möchten. Und, ja, denjenigen haben wir einen Zwischenbericht geschickt. Wir haben die Befunde inzwischen auch in die neue Policy-Ultra-Briefs-Reihe der Deutschen Gesellschaft für Psychologie einfließen lassen und bei einem Parlamentarischen Abend zum Dialog zwischen Verhaltenswissenschaften und Politik in Berlin vorgestellt.

Mit welcher Kernbotschaft?

Ich glaube, aus unserer Forschung lässt sich vor allem ableiten: Es fehlt nicht an gesellschaftlicher Bereitschaft – die ist nachweislich größer, als Politik und Öffentlichkeit annehmen. Darauf lässt sich doch gut gemeinsam aufbauen.

WEITERLESEN MIT »SPEKTRUM +«

Im Abo erhalten Sie exklusiven Zugang zu allen Premiumartikeln von »spektrum.de« sowie »Spektrum - Die Woche« als PDF- und App-Ausgabe. Testen Sie 30 Tage uneingeschränkten Zugang zu »Spektrum+« gratis:

Jetzt testen

(Sie müssen Javascript erlauben, um nach der Anmeldung auf diesen Artikel zugreifen zu können)

Schreiben Sie uns!

Wenn Sie inhaltliche Anmerkungen zu diesem Artikel haben, können Sie die Redaktion per E-Mail informieren. Wir lesen Ihre Zuschrift, bitten jedoch um Verständnis, dass wir nicht jede beantworten können.

Partnerinhalte

Bitte erlauben Sie Javascript, um die volle Funktionalität von Spektrum.de zu erhalten.