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Klimawandel: Grünere Städte sind kühlere Städte

Metropolen heizen sich deutlich schneller auf als ländliche Gebiete. Eine Studie belegt: Bäume können etwa 0,13 Grad der Oberflächenerwärmung pro Jahrzehnt in Städten ausgleichen.
Bäume zwischen Wolkenkratzern
Städte erwärmen sich weltweit im Durchschnitt um 0,5 Grad pro Jahrzehnt – 29 Prozent schneller als ländliche Gebiete.

Wer an einem heißen Sommertag schon mal durch einen städtischen Park gelaufen ist, weiß, welche kühlende Wirkung Bäume haben. Während rechts und links des Parks Asphalt und Beton die Wärme reflektieren und verstärken, können Grünanlagen echte Klimaoasen sein. Dass dem tatsächlich so ist, belegt jetzt auch die Forschung: Die Anpflanzung von Bäumen in Städten – bekannt als Stadtbegrünung – kann einer neuen Studie zufolge etwa 0,13 Grad der Oberflächenerwärmung pro Jahrzehnt in europäischen Städten ausgleichen. Das hat eine internationale Forschungsgruppe ermittelt und online im Fachjournal »Nature Earth & Environment« veröffentlicht.

Menschen, die in Städten leben, sind an heißen Tagen einer größeren Hitzebelastung ausgesetzt als die Allgemeinbevölkerung, was auf den städtischen Wärmeinseleffekt zurückzuführen ist. Dabei erwärmen sich städtische Gebiete deutlich stärker als das umliegende Land. Experten rechnen damit, dass der Klimawandel und das Bevölkerungswachstum in den Städten diesen Wärmeinseleffekt noch verstärken werden. Viele aktuelle Schätzungen gehen jedoch davon aus, dass die Oberflächentemperatur in städtischen und ländlichen Gebieten in gleichem Maß ansteigt.

Die zehnköpfige Forschungsgruppe von der Universität im chinesischen Nanjing, der Ruhr-Universität Bochum, der kanadischen Western University, der US-amerikanischen Yale University, dem Pacific Northwest National Laboratory und der Arizona State University analysierte die Satellitentemperaturdaten für den Zeitraum zwischen 2002 und 2021 für mehr als 2000 Stadtzentren weltweit und verglich sie mit den Oberflächentemperaturen in ländlichen Räumen. Auch sehr große Megastädte wie Abujia in Nigeria, Phoenix in den USA, London in England, São Paulo in Brasilien, Peking in China und Moskau in Russland wurden in die Analysen einbezogen.

Die Autoren schätzen, dass sich Städte um 29 Prozent schneller erwärmen als ländliche Gebiete und Megastädte sogar noch schneller. Insgesamt errechneten sie, dass der Klimawandel sehr stark zur Erwärmung der städtischen Oberfläche beiträgt, weil er die Landoberflächentemperaturen im Durchschnitt um 0,3 Grad pro Jahrzehnt erhöht. Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stellten jedoch auch fest, dass die Begrünung in europäischen Städten 0,13 Grad der Oberflächenerwärmung pro Jahrzehnt ausgleichen kann. Bisher seien das noch ungeplante Effekte, da die wenigsten Städte gezielte Begrünungskonzepte verfolgten. Ein positives Gegenbeispiel sei Chicago, wo nach einer extremen Hitzewelle im Jahr 1995 verstärkt Straßenbäume gepflanzt wurden. »Unsere Trendanalyse zeigt, dass der Vegetationsindex in der Stadt Chicago um 0,011 pro Dekade gestiegen ist, eine Rate, die mehr als dreimal so hoch ist wie die durchschnittliche Rate für andere Megastädte«, schreiben sie. Die Oberflächenerwärmung in der Stadt sei so um etwa 0,084 Grad pro Jahrzehnt verringert worden.

Während anderswo Bäume gepflanzt werden, möchte hier zu Lande die deutsche Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen, ein einflussreicher Lobbyverein der Automobilindustrie, die Maße von Parkplätzen und Parkhäusern an den Umfang von SUVs anpassen (Fahrzeugen also noch mehr Raum zugestehen als ohnehin schon). Vernünftiger wäre es, Parkflächen in Grünanlagen umzuwandeln. Doch dafür braucht es erst einmal ähnlich einflussreiche Pflanzen-Lobbyisten.

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